Das Nederlands Dans Theater 2 beim Bregenzer Frühling (Foto: Udo MIttelberger)
Dagmar Ullmann-Bautz · 29. Jun 2014 · Theater

Knallbunter Plastikspaß! - Christian Morgensterns "Galgenlieder" aufgeführt vom Theater Wagabunt im TiK in Dornbirn

Als Morgenstern Anfang zwanzig war, begann er sich mit Friedrich Nietzsche und dessen Werk zu befassen und bezeichnete ihn später als seinen "eigentlichen Bildner". Nietzsche und dessen suchende Seele wurde zu einer jahrelangen "leidenschaftlichen Liebe" des immer kränkelnden und im Alter von 43 Jahren 1914 verstorbenen Schriftstellers. Und so war es wahrscheinlich auch Nietzsches Satz "Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen", der Morgenstern zu seinen sprachspielerischen Gedichten inspirierte. So schrieb Morgenstern: "In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das heißt Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniatur-Schiff, sondern die Walnußschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapitän. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-schaffen dürfen und nicht so sehr bloß bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses ›Kind im Menschen‹ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm ..."

Höherer Blödsinn


Christian Morgensterns "Galgenlieder" sind wie leuchtende Sterne am doch eher dunklen Himmel seines sonstigen Schaffens. Es gibt unendlich viele Interpretationen, vom höheren Blödsinn bis zum Ausdruck jugendlichen Übermuts. Die bildhaften Wortschöpfungen, die grotesken Ideen zeugen von einem zügellosen Humor, einem Galgenhumor, dem der junge Schriftsteller frönte. Verlief doch sein Kindheit und Jugend alles andere als erbaulich. Mit neun Jahren verlor er die Mutter, war immer kränkelnd, wurde von Erziehern geschlagen, von Mitschülern gemobbt.

Kinderspielparadies


Knapp zehn Jahre vor der Veröffentlichung entstanden, wurden die "Galgenlieder" erst nur in privatem Kreis vorgetragen. Und zwar immer dann, wenn der Bund der Galgenbrüder - Morgenstern und sieben Freunde - seine Ausflüge zum Galgenberg in Werder bei Potsdam unternahmen.

"Dem Kinde im Menschen" ist auch die Inszenierung von Stephan Kasimir gewidmet, stellt er doch seine Schauspielerin und drei Schauspieler in ein buntes Kinderspielparadies der 90er-Jahre, verkleidet als Spielzeugfiguren zwischen Matchbox und Teletubby. Eine Idee, die einem heute lebenden Christian Morgenstern sicher gefallen hätte. Wie im Flyer angekündigt erwartet den Zuschauer ein "szenisches Spiel" und zwar ein wohl gelungenes. Und genauso wie Morgensterns humorvolle Gedichte ihre zweite, dunkle Seite haben, so stehen auch die knallbunte Szenerie, die Plastikkugeln, Spielzeuge und Kostüme in krassem Gegensatz zur Starrheit der Figurinen, die sich spärlich und nur in einem kleinen begrenzten Raum bewegen dürfen.

Überzeugende SchauspielerInnen


Dorrit Aniuchi, Wolfgang Pevestorf, Robert Kahr und der Poetry Slammer Peter Fitz überzeugen sowohl stimmlich als auch im Ausdruck, ohne großartige Aktionen. Mit großer Anmut und Selbstverständlichkeit tragen sie diese albernen Overalls und rezitieren Morgenstern mit kesser Ausgelassenheit (Aniuchi), mit spaßig-verspielter Souveränität (Pevestorf), mit bezaubernd jugendlichem Charme (Fitz) und markanter Nonchalance (Kahr).
Einzig ein paar Pausen zwischen den Texten wären schön gewesen. Zeit, um die Worte, den Klang einfach nachhallen zu lassen und bereit zu sein für den nächsten Streich.

Großartiger Musiker


Begleitet werden die Texte von dem Gitarristen Toni Eberle, der gekonnt genau den Ton trifft, sich nie in den Vordergrund spielt und so mit seiner Musik Morgensterns Gedichte ehrt.
Martin Rein sorgt für einen reibungslosen technischen Ablauf.
Robert Kahr, Leiter des Theater Wagabunt, hat eine Wiederaufnahme des Stückes für den Herbst 2014 angekündigt. Wer dieses Wochenende noch nicht die Gelegenheit hatte, die Galgenliedern zu sehen, sollte spätestens dann nicht versäumen, dieses Theaterkleinod zu erleben!