„Tancredi“ begeistert als Hausoper der Bregenzer Festspiele in glänzender Besetzung. (Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)
Dagmar Ullmann-Bautz · 22. Nov 2013 · Theater

Am Ende ist alles vergebens! - Dürrenmatts „Die Physiker“ am Vorarlberger Landestheater

Vor über 50 Jahren uraufgeführt, ist Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ nach wie vor ein hochaktuelles Stück, das niemals seine Brisanz verloren hat. Die junge Regisseurin Helene Vogel – 2011 absolvierte sie das Max Reinhardt Seminar in Wien – hat den Klassiker am Vorarlberger Landestheater inszeniert, ihn gemeinsam mit Bühnenbildner Philip Rubner und der Kostümbildnerin Aleksandra Kica auf die Bühne gebracht. Am Donnerstag, den 21. November war Premiere in Bregenz.

Dürrenmatt versetzt uns in seinem Stück in eine kleine Abteilung eines Irrenhauses, in der drei Physiker interniert sind, betreut und geliebt von ihren Krankenschwestern, die diesen Umstand mit dem Tode bezahlen. Ein Physiker erklärt Albert Einstein zu sein, der zweite hält sich für Isaac Newton. Der dritte, Möbius, behauptet ihm erscheine König Salomo. Tatsächlich spielt er den Verrückten, um seine Entdeckung der Weltformel, die zur Vernichtung der Menschheit führen könnte, geheim zu halten. Newton und Einstein hingegen sind in Wahrheit Agenten, die geschickt wurden, um an Möbius Forschungsergebnisse zu gelangen.

NSA-Affäre – aktueller Bezug


Dürrenmatts Stück seziert das Problem wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihre Auswirkungen auf die Menschheit. Den Anstoß für das Werk gab allem voran die Erfindung der Atombombe und ihr weltumspannendes Vernichtungspotenzial. Wer trägt die Verantwortung für die Konsequenzen der Forschung, wenn es die Wissenschaftler nicht selbst tun? Dazu vertreten die drei Physiker im Stück drei unterschiedliche Standpunkte, die jedoch keinerlei Bedeutung haben, da ganz andere an den Hebeln der Macht drehen. Durch die derzeitige NSA-Affäre hat das Stück einen weiteren äußerst spannenden Aspekt erhalten, der auch durch Rubners transparentes Bühnenbild sehr schön transportiert wird.

Inkonsequente Inszenierung


Über die Jahre hinweg hat Dürrenmatts Stück bewiesen, dass es viel zulässt an Inszenierungsideen, an schauspielerischen Saltos, an gestalterischer Umsetzung, an Inspiration und Intuition, an außergewöhnlicher Konzeption. Ein geniales Stück Theaterliteratur, das alles erlaubt, außer Unentschiedenheit. Was das Bregenzer Publikum zu sehen bekam, war ein Theaterabend, der diesbezüglich irritierte.

Philip Rubners zartes, sehr schlichtes Bühnenbild besticht durch seine einfache Erzählkraft, die Kostüme von Aleksandra Kica mit ästhetischer Harmonie. Die Inszenierung von Helene Vogel hingegen verwirrt in ihrer Kontroverse zwischen Slapstick und Dramatik.

Unterschiedliche Schauspielerleistungen


Ein großes Ensemble mit zum Teil bekannten und auch neuen Gesichtern sowie mit jungen Nachwuchstalenten aus den Jugendclubs agierte in unterschiedlicher Qualität. Allen voran wusste Daniel Frantisek Kamen als Möbius zu begeistern. Es war seine Bühnenpräsenz, die zu fesseln vermochte, eine Bühnenpräsenz und Strahlkraft, die der Figur der Anstaltsleiterin völlig fehlte und sie blutleer erscheinen ließ. Katrin Hauptmann als Lina Rose, ehemals Frau Möbius, brachte dann doch Farbe ins Spiel und erfrischte mit überzeugender Aufgeregtheit. Der Abschiedsbesuch der Familie Rose bei Möbius war hiermit eines der Highlights des Theaterabends.

Dürrenmatts Beschau menschlichen Strebens nach Wissen mit seinen Folgen, seinen Unabwägbarkeiten und Abgründen, endet der Autor mit einer fatalen Feststellung. Ist die Katze erst aus dem Sack, die Büchse der Pandora geöffnet oder hat der Dämon allein schon in Gedanken Gestalt angenommen, sind alle Versuche innezuhalten, abzubrechen, erst recht Versuche der Umkehr, vergebens.

Nach anhaltendem Applaus wurde auf der anschließenden Premierenfeier aufs Heftigste diskutiert.