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25.06.2021 |  Peter Niedermair

lonely ballads: ZWEI - von Martin Gruber und aktionstheater ensemble, Uraufführung

Monologe der Verzweiflung: „lonely ballads“ ist eine vorläufige Inventarisierung von Pandemie-Erfahrungen und -Einsamkeiten, eine Collage persönlich-seelischer Verletzungen, eine Konfrontation mit dem Ausgesetztsein, ein Register der Zumutungen, körperlichen Verrenkungen und Ausweglosigkeiten. Hinter thematisch aufblitzenden, hinausgeschrienen Alltagserlebnissen, die sich sprachlich an den Nichtigkeiten des Lebens abrackern, vom Zucchinischneiden zum Karottenschälen, vom Steuerausgleich bei bedingungslosem Grundeinkommen, gescheiterten Beziehungen, die weiterhin gefangen nehmen, Karottentorte und Puderzucker, von den Minderwertigkeitskomplexen über Deutsche, vom Gebussel mit Menschen, die man gar nicht kennt, Saubersprays und Fontänenbestattungen, von den Stationen an der Wiener U1, Vicky Leandros, gemalten Apfelbäumen, den Sackkleidern von Emilie Flöge und Einladungen, die ins Leere gehen … Chiffren der Ausweglosigkeit. Bewörterungen als Selbstgespräche, manische Schübe und Depressionen.

„And you’re drifting away“

Die bruchstückhaften Einblicke auf Kindheitserinnerungen und die trotz aller Kürze massiv auftauchenden seelischen Verletzungen werden in vulkanartig inszenierten Sprachfetzen auf die Bühne des Theaters gestellt, schauspielerisch mit großem Körpereinsatz, der die abbrechenden Wörterkaskaden mit verrenkten Bewegungen forterzählt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler werden einzeln und nacheinander in die Mitte der Bühne geworfen, wo sie an den Rändern des Lebens von ihren Verzweiflungen berichten. Und, wo deren Sprache versagt, setzen deren Körper fort und die lonely ballads ein, ein Ensemble exzellenter Musiker, Nadine Abado, Andreas Dauböck, Kristian Musser sowie Simon Gramberger, Joachim Rigler und Simon Scharinger spielen musikmächtige Balladen, Gegenwelten, die die Ausweglosigkeitserfahrungen noch einmal kontrastieren und eigentlich große Traurigkeiten spürbar machen.  Sie spielen hinter einem semitransparenten Vorhang stehend, für „lonely ballads“ neu arrangierte Lieder, die man aus vergangenen Stücken kennt, wunderbare Musik, die es nun auf CD/Vinyl gibt. Wunderschöne Balladen, die diesem Sammelsurium aus Widersprüchen und Ein-Blicken in die Untiefen der Seele und emotionalen Stimmungszuständen jenen Hintergrund geben, der die Verzweiflung eigentlich nicht nimmt oder kontrastiert, sondern verstärkt und eigentlich traurig macht. „And I know: the future is already gone. Fill my heart with stones“, heißt es in der letzten der "lonely ballad", immer wieder und wieder, bis am Ende das Licht langsam weg ist.

„Mir verrutschen die Buchstaben und der Satzbau ist sowieso im Arsch und dann bleibt nichts.“

Thomas (Thomas Kolle), den seine Partnerin verlassen hat, kann nun endlich kochen, wie er es richtig findet, er muss seiner untalentierten und unmotivierten Freundin, seiner Ex, nicht mehr dabei zusehen, wie sie Kartoffeln schält. Bettina hat sich von seiner Überheblichkeit und falschen Toleranz verabschiedet. Dabei wollte er ihr ja nur helfen: „Ich habe ja nur versucht ihr zu sagen, wie man die Dinge richtig macht, weil sie weiß es ja nicht: Schau, Bettina, so schneidet man eine Kartoffel ...“ Auf Thomas folgt Tamara, eine physisch eindringlich präsente Tamara Stern, die in ihrem Monolog der Verzweiflung Segmente ihrer biographischen Erfahrungen artikuliert, die sehr berühren; auf Tamara folgt Benjamin, ebenfalls sehr berührend: Benjamin Vanyek. Sie alle berichten von ihren persönlichen Nöten, Neurosen, Depressionen und ihrem Scheitern. Das bleibt nicht an der Oberfläche der Haut.
Martin Gruber: „lonely ballads ist der Versuch einer radikalen Verdichtung der Wirrnisse und Folgen dieser unendlich lange scheinender Pandemie-Zeit; das Zurückgeworfensein jedes Einzelnen auf sich selbst und das theatrale Eintauchen in die Einsamkeit. Um, gemeinsam mit dem Publikum, wieder herauszukommen.“  Das Ensemble nimmt die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Stimmungen auf, verknüpft sie mit persönlichen Erfahrungen, entwickelt Texte, die Martin Gruber und sein Dramaturg Martin Ojster in musikalisch, balladenhaft angeordneten Abfolgen auf die Bühne bringen.  Der lange Lockdown hat zu einem Produktionsstau geführt, die Premiere in Vorarlberg Ende Mai fiel wegen eines falschen Covid-Verdachts aus. 

„Die Oma hat immer gesagt: ‚Benni, wenn du fleißig bist, wohnst du auch einmal in so einem schönen Haus.‘“ 

„Die Pandemie hat uns alle, auch die Mitglieder des aktionstheater ensemble, auf uns selbst zurückgeworfen. Was nach dem erzwungenen Innehalten bleibt, sind persönliche Bestandsaufnahmen. Oder Verdichtungen davon, was vorher schon war. (…) Einsam sprechen sie davon, wie gut sie doch zurechtkommen.“ Vier Schauspieler*innen, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Tamara Stern, Benjamin Vanyek, führen - manisch durchdekliniert -eine komprimierte Fülle an Themen vor, seien sie nun privater oder gesellschaftspolitischer Natur. Die Sprache versagt. Was bleibt ist die Musik. Balladen als Echoraum und Katharsis. Was an Hoffnung bleibt, mag hinter diesen lonely ballads verborgen sein. Martin Gruber und sein Ensemble: „Lassen Sie uns zum hoffentlich nahenden Ende der Krise die schaurig schöne Einsamkeit wieder gemeinsam erleben. Gut, dass Sie wieder da sind. Ihr aktionstheater ensemble.“

Die Uraufführung in Koproduktion mit Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz im Rahmen des internationalen Festivals Bregenzer Frühling, in Kooperation mit Werk X fand am Donnerstag, 24. Juni im Theater Kosmos in Bregenz statt. Die nächste Gelegenheit, „lonely ballads ZWEI“ zu sehen, ist am Freitag, 25. Juni um 19.30 Uhr. Restkarten bei Bregenz Tourismus: T +43 (0)5574 4080

Das Album zu den beiden Uraufführungen lonely ballads. reduced songs to step back by aktionsthater ensemble gibt es im Vorverkauf für LP- und CD-Bestellungen sowie FLAC- oder MP3-Download unter: https://store.noiseappeal.com/shop/music/vinyl/aktionstheater-ensemble-lonely-ballads/ sowie vor Ort bei den Vorstellungen.

www.aktionstheater.at 

Simon Scharinger, Simon Gramberger, Joachim Rigler, Kristian Musser (© Gerhard Breitwieser)

Simon Scharinger, Simon Gramberger, Joachim Rigler, Kristian Musser (© Gerhard Breitwieser)

Benjamin Vanyek (© Gerhard Breitwieser)

Benjamin Vanyek (© Gerhard Breitwieser)

Andreas Dauböck (© Stefan Hauer)

Andreas Dauböck (© Stefan Hauer)

Tamara Stern (© Gerhard Breitwieser)

Tamara Stern (© Gerhard Breitwieser)

Thomas Kolle (© Gerhard Breitwieser)

Thomas Kolle (© Gerhard Breitwieser)

Andreas Dauböck, Nadine Abado (© Stefan Hauer)

Andreas Dauböck, Nadine Abado (© Stefan Hauer)

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  • Simon Scharinger, Simon Gramberger, Joachim Rigler, Kristian Musser (© Gerhard Breitwieser) Simon Scharinger, Simon Gramberger, Joachim Rigler, Kristian Musser (© Gerhard Breitwieser)
  • Benjamin Vanyek (© Gerhard Breitwieser) Benjamin Vanyek (© Gerhard Breitwieser)
  • Andreas Dauböck (© Stefan Hauer) Andreas Dauböck (© Stefan Hauer)
  • Tamara Stern (© Gerhard Breitwieser) Tamara Stern (© Gerhard Breitwieser)
  • Thomas Kolle (© Gerhard Breitwieser) Thomas Kolle (© Gerhard Breitwieser)
  • Andreas Dauböck, Nadine Abado (© Stefan Hauer) Andreas Dauböck, Nadine Abado (© Stefan Hauer)