Das Wiener Burgtheater war mit Molières „Der Menschenfeind“ unter der Regie von Martin Kušej im Bregenzer Festspielhaus zu Gast. (Foto: Matthias Horn)
Peter Füssl · 01. Mär 2024 · CD-Tipp

The Last Dinner Party: „Prelude To Ecstasy“

Die in gewagte Korsetts, viktorianisch anmutende Spitzen- und Tüllkleidchen, Puffärmel, Maschen und Edel-Punk-Outfits gekleidete fünfköpfige Frauen-Band aus London ziert die Titelseiten von Musik-Magazinen und füllt die Feuilleton-Seiten angesehenster Print-Medien. Die optische Opulenz, die sich auch in den Videoauftritten widerspiegelt, ist Teil des theatralischen Gesamtkunstwerks namens The Last Dinner Party und passt perfekt zum akustischen Pomp, der im Spannungsfeld von Art-Rock, Glam-Rock, Gothic, Brit-Pop und Bombast-Pop angesiedelten, durchaus ansehnlichen Band. Aha, das neueste, von der Musik-Industrie lancierte Hype-Projekt aus der Retorte? Mitnichten!

Die Gründung verlief total old-school-mäßig. Sängerin Abigail Morris, Bassistin Georgia Davies und Gitarristin Lizzie Mayland trafen sich noch vor Corona als Studentinnen am Londoner King’s Kollege, vertrieben sich die Zeit in den Bars und Clubs rund um die angesagte „Windmill“-Szene und beschlossen eine eigene Band zu gründen, die sie mit der studierten Lead-Gitarristin Emily Roberts und der klassisch ausgebildeten Pianistin und Keyboarderin Aurora Nishevci mit ausgewiesenen Könnerinnen komplettierten. Nach mühsamen Proben während der Covid-19-Pandemie erspielten sie sich anschließend mit einigen Pub-Auftritten rasch einen guten Ruf als Live-Act und traten – noch ohne überhaupt irgendetwas veröffentlicht zu haben – im Juli 2022 bereits als Vorgruppe beim 60-Jahre-Band-Jubiläum der Rolling Stones im Hyde-Park auf, was natürlich der Karriere höchst förderlich war und zu einem Plattenvertrag beim renommierten Label Island Records führte.

Ab April 2023 veröffentlichten sie im Vorfeld des Debütalbums vier Aufsehen erregende Singles. Bereits die erste, das romantisch rockende „Nothing Matters“, schlug voll ein und kletterte in den Charts hoch – vielleicht dank des wenig Zweifel aufkommen lassenden und einprägsamen Refrains „And You Can Hold Me / like he held her / And I will fuck you / Like Nothing Matters“. Wut und Selbstermächtigung, Freud und Leid des Liebeslebens, Geschlechterungerechtigkeiten und toxische Beziehungen sind die Grundthemen. Es geht zum Beispiel aber auch um die Crux, unter dem Einfluss der katholischen Sexualmoral heranwachsen zu müssen – etwa im zwischen stampfendem Piano und rauchender Rockgitarre oszillierenden „Sinner“ („Pray for me on your knees / Before it felt like a sin“) und in „My Lady of Mercy“. Die vierte Single „On Your Side“ kommt als gefühlsschwangere Ballade daher – stimmlich gerät die stets in die zum jeweiligen Song passende Rolle schlüpfende Abigail Morris manchmal in Kate Bush-Nähe.

Diese vier Songs sind nun auch auf dem Album „Prelude To Ecstasy“ zu finden, das keinerlei Schwachstellen aufweist und auch den höchsten Erwartungen gerecht wird. Bereits der Opener, das instrumentale Titelstück überrascht in seiner großorchestralen Inszenierung, die an die Monumentalfilme der 1950-er/60-er-Jahre erinnert und perfekt in den dancefloor-tauglichen Song „Burn Alive“ überleitet. Für Abwechslung sorgt das ziemlich aus der Reihe tanzende, von Aurora Nishevci zu himmlischen Engelschören auf Albanisch gesungene „Gjuha“ – aus der Feder der Keyboarderin, die auch Komposition studiert hat, stammen übrigens alle Orchesterpassagen des Albums. Das jede Menge Pop-Appeal verströmende „The Feminine Urge“ ist eine bittersüße Abrechnung mit den Geschlechterrollen und zeigt die Variatonsbreite von Abigail Morris‘ Stimme. In dieselbe Kerbe schlagen das Flöten-verzierte „Beautiful Boy“ und das dramatische, durch andauernde Tempo- und Stimmungswechsel geprägte „Caesar on a TV Screen“. Ein musikalisches Breitwand-Epos läuft – auch beim vom Text her beachtlichen –„Portrait of a Dead Girl“ ab. Schlagzeug spielt übrigens auf allen Titeln der erfahrene Produzent James Ford (Arctic Monkeys, Florence and the Machine, Depeche Mode, Haim ...), da sich die Damen bislang nicht zum Engagement einer Drummerin durchringen konnten. The Last Dinner Party mögen zwar keine großen Innovatorinnen sein, aber sie haben mit Florence, Lana del Rey, Kate Bush, Siouxie and The Banshees oder Fleetwood Mac gute Quellen angezapft und wissen als begnadete, durchaus kreative Eklektikerinnen voll zu überzeugen.

(Island/Universal)

Dieser Artikel ist bereist in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2024 erschienen.