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03.11.2018 |  Peter Füssl

Ungemein kraftvoll und akrobatisch, aber auch poetisch und tiefgründig – James Wilton Dance & Amarok eröffneten das tanz ist Festival

Der Engländer James Wilton zählt mit seinen gleichermaßen kraftvollen wie poetischen Choreografien zu den interessantesten Protagonisten der zeitgenössischen Tanzszene und sorgt seit 2015 mit seiner exzellenten Dance Company für Highlights des tanz ist Festivals am Dornbirner Spielboden. So erhielt er letztes Jahr frenetischen Applaus für sein von Herman Melvilles Kultroman „Moby Dick“ inspiriertes Tanzstück „Leviathan“, das er heuer gemeinsam mit jungen Tanztalenten aus Vorarlberg und Lindau unter dem Titel „Leviathan Evolution“ nochmals aufführt. Denn Wilton möchte sein Wissen auch an die nächste Generation Tanzbegeisterter weitergeben und leitet deshalb schon seit Jahren professionelle Jugendworkshops beim tanz ist Festival. Den Auftaktabend bestritt James Wilton Dance aber gemeinsam mit der polnischen Prog-Rock-Band „Amarok“ – und, um es vorwegzunehmen: das zahlreich erschienene, sich aus allen Altersschichten zusammensetzende Publikum zeigte sich großteils restlos begeistert.

Polnischer Prog-Rock als Soundtrack

„Amaroks Musik ist absolut perfekt für meine Choreografie. Sie ist so kraftvoll und so gefühlsgeladen aber gleichzeitig auch so strukturiert und so vielschichtig“, outet sich James Wilton einmal mehr als Fan des polnischen Prog-Rocks. Hatte er sich 2o15 für „Last Man Standing“ der Musik von Mariusz Dudas „Lunatic Soul“ bedient, so verwendet er nun für seine neueste Produktion „The Storm“ als Soundtrack Stücke der fünfköpfigen Band „Amarok“ um den Multiinstrumentalisten Michał Wojtas. Obwohl die Uraufführung Ende September in England stattfand, standen Band und Tänzer am Spielboden zum ersten und – wie Wilton erklärte – voraussichtlich auch einzigen Mal gemeinsam auf der Bühne. Eine fünfzehnstündige Autofahrt von Warschau nach Dornbirn machte es möglich.

Wer beim Bandnamen „Amarok“ an das 1990 erschienene, 13. und reichlich unkonventionelle Studioalbum Mike Oldfields denkt, liegt ganz sicher nicht falsch, auch wenn „Amarok“ in der Sprache der Inuit „arktischer Wolf“ bedeutet und als Bandlogo der stark stilisierte Kopf eines Wolfes dient. Bandleader Wojtas umschreibt seine Musik selber als „space/progressive rock/ambient/folk/trip hop“ und nennt Oldfield und Jean Michel Jarre als Vorbilder. Es ist aber sicher auch kein Zufall, dass der bereits erwähnte Mariusz Dudas, der ja in erster Linie als Mastermind der wichtigsten polnischen Prog-Rock-Band „Riverside“ bekannt ist, auf dem letzten „Amarok“-Album „Hunt“ als Gastsänger mit dabei war.

Während sich Michał Wojtas (guit, voc, harmonium, keyb, theremin, duduk), Konrad Pajek (voc, guit), Marta Wojtas (perc, wavedrum), Maciej Caputa (keyb) und Paweł Kowalski (dr) am Anfang ihrer Karriere um die Jahrtausendwende noch ziemlich im „dark wave“-Bereich bewegten, zeichnen sich ihre neuen Stücke durch melancholische, melodienverliebte, vorwiegend durch emotionale Gitarrensoli und ebensolchen Gesang geprägte Soundlandschaften aus, die sich vielschichtig und rhythmisch akzentuiert in die Gehörgänge hineinschmeicheln und nur selten über echte Ecken und Kanten verfügen. Neben Stücken von „Hunt“ stand auch gemeinsam mit Wilton entwickelte Musik auf dem Programm, die nächstes Jahr als Album mit dem Titel „The Storm“ erscheinen soll.

„The Calm Before The Storm”

Der “Amarok”-Sound ist durchgängig von einem starken cinematischen Charakter geprägt, was ihn natürlich zum idealen Vehikel für James Wiltons wilde Tanzphantasien prädestiniert. Nori Aoki, Ihsaan De Banya, Michael Kelland, Jacob Lang und natürlich auch Wiltons Langzeitpartnerin Sarah Jane Taylor zählen zu den erprobten Kräften des Choreografen, wenn es um die Umsetzung seiner ungemein kraftvollen und akrobatischen, aber auch poetischen und tiefgründigen Tanzkreationen geht. Der Abend bestand aus zwei Ausschnitten von „The Storm“ und einer ganzen Reihe vielschichtiger und abwechslungsreicher Tanzimprovisationen –  ein mitreißender Mix aus zeitgenössischem Tanz, Breakdance, diversen Kampfkunststilen und Akrobatik, der sich schwerlich in Worte fassen lässt. Angesichts der sich in alle Richtungen verbiegenden und drehenden, wild herumwirbelnden und sich überschlagenden Körper staunt man über die enorme Kraft, Schnelligkeit und perfekte Körperbeherrschung und lässt sich kurz darauf von traumhaft verlangsamten, poetischen, tänzerischen Dialogen, intimen Phasen des Innehaltens gefangen nehmen. Kleine Geschichten werden erzählt vom Sich-Annähern und Abweisen, von zaghaften Berührungen und handfesteren Interaktionsformen. Besonders interessant: ein höchst unkonventioneller Pas de deux zum Musikstück „Idyll“, in dem James Wilton die Bewegungen seines Partners mittels dezenter Handzeichen anleitet, mit einer Präzision und natürlichen künstlerischen Autorität, wie man das vielleicht auch bei einem besonders talentierten Dirigenten und seinen Musikern beobachten kann. Ein anderes Stück wird überhaupt nur von den unterschiedlichsten Handbewegungen aller Beteiligten getragen. Bei „Two Sides“ bewegen sich die Tänzer formiert in Zweigruppen im dunklen Raum, um dann im aufgeblendeten Scheinwerferlicht jeweils zu Stills zu erstarren. Generell vervollständigen effektvolle Nebelschwaden und dezent-wirkungsvolle Beleuchtung die musikalisch-tänzerischen Eindrücke und tragen perfekt zur stimmungsvollen Atmosphäre bei. Im letzten Stück explodieren die Tänzer in wildesten Bewegungen zu den hämmernden Beats der polnischen Band – das Spektakel endet im frenetischen Applaus den Publikums.

Willkommene Einladung zum Mittanzen

Das belohnt James Wilton wiederum mit der Einladung an die ZuschauerInnen, bei den zwei Zugaben doch einfach mitzutanzen – und in Windeseile füllt sich die Tanzfläche, nicht zuletzt auch mit jenen jungen Talenten, die am nächsten Abend bei „Leviathan Evolution“ mit den sympathischen Profis auf der Bühne stehen werden. Beim tanz ist Festival im Frühjahr 2019 wird James Wilton dann die komplette neue Produktion „The Storm“ – allerdings ohne Live-Band – am Dornbirner Spielboden präsentieren. Darauf dürfen sich die Tanz-Fans jetzt schon freuen.

James Wilton Dance aus London und die Prog-Rock-Band Amarok aus Warschau standen beim tanz ist Festival am Dornbirner Spielboden zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne und wurden mit tobendem Applaus belohnt (alle Fotos: © Stefan Hauer)

James Wilton Dance aus London und die Prog-Rock-Band Amarok aus Warschau standen beim tanz ist Festival am Dornbirner Spielboden zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne und wurden mit tobendem Applaus belohnt (alle Fotos: © Stefan Hauer)

Eindrücke aus "The Calm Before The Storm"

Eindrücke aus "The Calm Before The Storm"

Zum Abschluss lud James Wilton auch noch das Publikum zum Mittanzen ein ...

Zum Abschluss lud James Wilton auch noch das Publikum zum Mittanzen ein ...

... was sich die Tanzbegeisterten nicht zweimal sagen ließen.

... was sich die Tanzbegeisterten nicht zweimal sagen ließen.

(alle Fotos: © Stefan Hauer)

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  • James Wilton Dance aus London und die Prog-Rock-Band Amarok aus Warschau standen beim tanz ist Festival am Dornbirner Spielboden zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne und wurden mit tobendem Applaus belohnt (alle Fotos: © Stefan Hauer) James Wilton Dance aus London und die Prog-Rock-Band Amarok aus Warschau standen beim tanz ist Festival am Dornbirner Spielboden zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne und wurden mit tobendem Applaus belohnt (alle Fotos: © Stefan Hauer)
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