Smooth Criminal
Neue Publikation von Franz Kabelka: „Absolute Bettruhe. Protokoll eines ungebetenen Besuchs“
Könnte die fiebrig getriebene Bassline von Michael Jacksons „Smooth Criminal“ sowas wie ein Abbild des Seelenzustands von Georg K. sein? Und zwar trotz seiner so ganz anderen Vorlieben? Trost nämlich sucht er üblicherweise bei Miles Davis, Joe Zawinul oder Chick Corea. Und Trost braucht er, denn ihm wird gerade der Boden unter den Füßen weggezogen. Wohl hat seine Zwillingsschwester Anna ihre Krebserkrankung so halbwegs überstanden. Aber jetzt hat es Annas Tochter Flora mit Long Covid erwischt. „Flora kann sich nicht einmal mehr die Zähne alleine putzen…“ Und Georg selber, der mit den beiden im gleichen Haus lebt, beutelt eine Krebserkrankung. Da beschließt er, bislang Krimiautor, dem Genre Adieu zu sagen und etwas ganz anderes zu schreiben: das „Kriegstagebuch eines Krebskranken“.
„Dies ist meine Geschichte, wie noch nie eine es war.“
Krimis haben ein striktes Gerüst: Verbrechen und Aufklärung, Aktion und Reaktion, klar verteilte Rollen der Akteur:innen. So bieder geht es im richtigen Leben nicht zu. Kabelka schreibt einen autofiktionalen Roman, eine Mischung aus erfundener Familiengeschichte, Reflexion des eigenen Erlebens und Diagnose des politischen Geschehens der Jahre 2021/22.
Es beginnt damit, dass der Mann mit dem bedeutungsschwangeren Namen Georg K. das macht, was man in seiner Lage keinesfalls tun sollte: Er googelt „Alternativen zu neoadjuvanter Chemotherapie und radikaler Zystektomie“, was naturgemäß seine Panik verstärkt. Er sucht nach Seiten über Paracetamol: „… hierzulande sehr beliebt bei potenziellen Suizidanten, hat aber den Nachteil, dass es für die meisten, die eine an und für sich tödliche Dosis dieses Schmerzmittels schlucken, nicht letal ist, weil die erwünschte Wirkung zu lange auf sich warten lässt und sie dich finden, ehe die Agonie in den Tod übergeht.“
Davor aber meldet sich bei Georg K. das gute alte Gewissen, und er überlegt, wie die ihm liebsten Menschen unter seinem „bestmöglichen Abgang“ leiden würden, zumal Schwester Anna und Nichte Flora seinen Beistand nötiger haben denn je. Flora hat sich trotz Long Covid impfen lassen. „Seither leidet sie – neben den bisherigen Problemen Energielosigkeit, Konzentrationsschwäche, Herzrasen, Gelenks- und Nervenschmerzen – nun auch noch an geschwollenen Lymphknoten, akuter Atemnot und nicht zuletzt an einer Darmstörung, die sie zwingt, täglich Stunden auf dem Klo zu verbringen.“
Gemeinsame Akkorde
Es ist nicht allein sein privates Unglück, das Georg so ins Schleudern bringt. Rund um ihn herum zerfällt die liberale Weltordnung, die er ein ganzes Leben lang kannte, erstürmt ein fanatischer Mob das Kapitol, angestachelt von einem kürbisfarbenen Präsidenten, für den allein das Recht des Stärkeren zählt. Gleichzeitig überzieht der Kreml die Ukraine mit Drohnen und Raketen, tritt weltweit die Hassrede ihren Siegeszug an, reißen immer mehr Verschwörungstheoretiker das Wort an sich, bis sich Georg nicht einmal mehr in seinem Krankenhaus sicher fühlt. „Stehen uns Schießereien vor der Spitalstür bevor?“, fragt er sich angesichts der Aggressionen gegen Ärzte und Pflegepersonal. Und wie reagieren die ihrerseits auf Covid? Pfleger Roland zum Beispiel würde lieber Strafe zahlen als sich impfen zu lassen. „Das heißt, Sie misstrauen der eigenen Zunft, den eigenen Fachleuten, dem eigenen Arbeitgeber?“, fragt Georg, und Pfleger Roland bestätigt: Er vertraue nur der Kraft der Natur.
Am schlimmsten aber trifft es Georg, dass sein bester Freund und Bandkollege Bertram sich von ihm abwendet. „Lass uns doch wieder gemeinsame Akkorde anschlagen“, bittet er ihn. Musik ist doch wie ein gesunder Herzschlag, wie eine große Umarmung. Aber Bertram bleibt stur: „Was künftige gemeinsame Akkorde anlangt“, schreibt er, „so wird es die mit mir nicht geben, falls du bei der Hetze auf ungeimpfte Gesunde mitmachst.“
Gibt es noch irgendetwas im Leben des Georg K., das nicht beschädigt, ramponiert, zerstört ist? Wie viel Trost und Rat spenden Wayne Shorter und Miles Davis? Oder die Poesie? Georg schreibt Limericks, schickt sie an Freunde und bekommt von denen KI-generierte Gedichte „nach Georg K.“ retourniert. Nun ja. „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!“, erinnert sich Georg an einen Slogan aus seiner Jugend, und so beschließt er, jedenfalls ärztliche und pflegerische Anordnungen kritisch zu hinterfragen. Nutz‘s nix, schad‘s nix.
Lago Maggiore
Nach überstandener Operation macht er mit dem Freund und Schriftstellerkollegen Chris einen Ausflug an den Lago Maggiore. Super, findet Chris, dass Georg keine Krimis mehr, sondern „normale Romane“ schreiben will. Er liest sein Krebstagebuch und stellt eine entscheidende Frage: „Wieso kommt deine Ex-Frau im ganzen Protokoll niemals vor? Du tust ja so, als wäre sie tot.“ Georg schweigt, schläft in dem Doppelbett, in dem er und Linda sich das letzte Mal geliebt haben, und weiß, „dass das Thema Sex für mich in wenigen Wochen endgültig vorbei sein dürfte.“ Noch ein Grund für Suizidgedanken.
Die seien ihm komplett fremd, würgt Chris die zaghaften Geständnisse seines Freundes ab, „aber wenn ich schon daran dächte, Schluss zu machen, müsste ich verdammt gute Gründe dafür haben.“ Reden so Freunde miteinander, in derart vernudelten Konjunktiv-Konstruktionen? Nein, Dialogschreiben ist nicht unbedingt die Stärke von Franz Kabelka. Eher schon das Erzähltempo. Seine „Geschichte, wie es noch nie eine war“ schreibt er in atemlosen Kurzkapiteln. Oft sind sie nicht länger als eine Seite. Und immer stärker kreisen sie um seinen geplanten Suizid. Da wird er selbst zum smooth criminal, tritt auf als Gesunder, als Krimiautor auf Recherche in der einzigen Apotheke im Land, die Pentobarbital ausgibt. Denn die Apothekerin beruft sich nicht auf den hippokratischen Eid, sondern auf ihren Berufskodex als Apothekerin. „Und danach gilt als das höchste Prinzip, den Patienten zu helfen. Bedingungslos!“
Demnach stehen zwei ärztliche Unterschriften und eine Wartefrist von 12 Wochen vor dem assistierten Suizid. Georg K. dauert das zu lang. Geschickt lenkt er die Apothekerin ab und klaut das Präparat aus dem Tresor. Das Wissen um die Overkill-Kapazität in seinem Besitz behält er für sich. Auch als es Flora immer schlechter geht und sie sich wünscht: „Vielleicht sollte ich einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen.“
Als schließlich auch Bertram an Krebs erkrankt, spricht er wieder mit Georg. Vielleicht kann die alte Freundschaft wieder aufblühen? Vielleicht werden beide wieder gesund? Vielleicht auch Flora? Vielleicht beruhigen sich die Covid-Gemüter? Vielleicht gibt es Frieden in der Ukraine und einen vernünftigen Präsidenten in Washington? Ziemlich viele „vielleicht“, aber anderes als Hoffnung bleibt eben nicht.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Franz Kabelka: „Absolute Bettruhe. Chronik eines ungebetenen Besuchs.“
Lesung und Gespräch: Franz Kabelka mit Dr. Albert Lingg
Musikalische Begleitung: Luis Castillo, Violoncello
Do, 5.3., 19.30 Uhr
Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz
Franz Kabelka: Absolute Bettruhe. Chronik eines ungebetenen Besuchs. Edition Tandem, Salzburg 2026, 170 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-903516-30-4, € 23,95