„Antigone" in einer Bearbeitung von Michael Köhlmeier derzeit im Theater Kosmos in Bregenz zu sehen.(Foto: Jan Friese)
Peter Füssl · 07. Dez 2023 · CD-Tipp

Shalosh: „Tales of Utopia“

Der Band-Name Shalosh leitet sich vom hebräischen Begriff für „drei“ ab und darf durchaus als Hinweis auf die enge musikalische Verflochtenheit dieser drei in Tel Aviv ansässigen Individualisten miteinander und auf das Hochhalten ihrer außergewöhnlichen Gruppendynamik über egozentrische Solo-Interessen verstanden werden. Was nicht heißen soll, dass uns Shalosh auf ihrem insgesamt sechsten bzw. dritten Album beim Münchner Jazz-Label ACT nicht auch mit exzellenten Soli verwöhnen würden.

Pianist/Keyboarder Gadi Stern, Kontrabassist David Michaeli und Drummer Matan Assayag haben die zehn neuen Titel unter dem Eindruck von Corona-Pandemie und vielfältigen Krisenszenarien geschrieben, als Ausdruck einer Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Freiheit, der bitteren Realität sollte die Schönheit der Musik gegenübergestellt werden. Dass sie ohnehin in einer höchst unruhigen Region leben, war ihnen natürlich bewusst, aber angesichts der menschenverachtenden Terroranschläge und des darauffolgenden schrecklichen Krieges im Gaza-Streifen wird dieser gedankliche Überbau nun nochmals auf eine ganz andere, weit dramatischere Ebene transferiert, die bei der Albumproduktion in diesem Maße noch keineswegs absehbar war. Damals hatten sich die Musiker für die „Tales of Utopia“ noch eine zwischen Altem Testament und Homers „Odyssee“ angesiedelte Geschichte ausgedacht, mit einem Helden auf der Suche nach innerer Harmonie, mit einer großen Stadt voller verschiedenster Eindrücke, bunten Märkten, einem König und einem schlechten Ratgeber, drei magischen Schwestern, mit Flucht über das Meer und überbordend gefeierter Hochzeit zum glücklichen Ende. Die Texte mit den Vorstellungen von bunten Bildern, abwechslungsreichen Szenerien und den damit verbundenen Geräuschen und Gerüchen sollten alle ihre Sinne ansprechen und sie zu einer ebenso farbenfrohen wie sinnenfreudigen musikalischen Umsetzung inspirieren. Dieser Plan ist für Shalosh, die sich einst als von Nirvana, Brahms und The Bad Plus beeinflusst bezeichneten, aber längst ihren unverkennbar eigenständigen Weg gefunden haben, voll aufgegangen. Unglaublich starke und einprägsame Melodien – von Gadi Stern fingerfertig und soundfarbenreich auf den Weg in die Gehörgänge geschickt, oder von David Michaeli am Kontrabass intoniert – verbinden sich mit den von Matan Assayag oftmals auch in Rock-Manier heftig vorangetriebenen Rhythmen. Die Stücke strotzen vor geschickten Breaks, verblüffenden Wendungen, rhythmischen und harmonischen Finessen, atmosphärischen Verlagerungen und stilistischen Überraschungen – und sprechen Kopf und Bauch gleichermaßen an. Schönheit und Ekstase liegen nah beieinander, wenn dieses mit Grunge, Prog-Rock, Klassik und nahöstlicher Folklore infizierte Power-Jazz-Trio so richtig loslegt. Und das tut es eigentlich permanent. Gadi Stern erklärte im 3sat-Interview, man habe sich natürlich überlegt, ob man die lange geplante Präsentationstour angesichts des katastrophalen Kriegsgeschehens abbrechen soll, setze sie nun aber fort, weil die Musik von Shalosh für Verständigung und Frieden und für die Sehnsucht der Menschen nach Frieden, Einheit und Schönheit stehe. „Was wir beitragen können, ist unsere Portion Schönheit und unsere Portion Optimismus, und vielleicht ist das unsere Verantwortung, es genau jetzt zu tun. Denn wenn wir die Tour absagen, das absagen, wofür wir stehen, dann haben wir schon verloren.“ Alleinschon wenn man den ausgelassenen, fröhlich voranpreschenden, von marokkanischer Volksmusik inspirierten „Wedding Song“ am Ende des Albums hört, weiß man, dass er recht hat.

(ACT)

Konzert-Tipp: 3.3.2024 Industrie36, Rorschach

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Dez'23/Jän'24 erschienen.