Sehnsucht nach dem Schönen
Eine Schaufenster-Tanz-Performance, die spielerisch draußen mit der Architektur des Montforthauses beginnt, löst im Inneren alle Versprechen ein.
Zu einer Jubelproduktion wurde die Tanzperformance „Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten“ nicht nur wegen des 25-jährigen Bestehens der Kompanie walktanztheater.com – die Begeisterung über eine überraschende Einschau in das Feldkircher Montforthaus als hybriden Traumort voller Tanz, Musik, Klang und Poesie war höchst begeisternd.
Ein Vierteljahrhundert hochkarätige freie Theaterarbeit leistet die Intendantin, Regisseurin, Choreografin Brigitte Walk in der Region – an außergewöhnlichen Orten, mit gesellschaftlicher Brisanz, herausfordernd und berührend zugleich. Für ihre „Schwanengesänge“ nimmt sie die heftigen Gedichte von Else Lasker-Schüler (geb. 1869 in Deutschland, gestorben 1945 in Jerusalem) als Ausgangspunkt. Und sie schafft einen Sehnsuchtsort, einen Traumort, wie ihn sich Else Lasker-Schüler vielleicht in ihrer Dichtung erschrieben hat.
Das Montforthaus – mit seiner Transparenz, Durchlässigkeit in das großzügige Foyer, mit seinen Linien, Schwüngen die Treppe hinauf – hatte Brigitte Walk schon jahrelang im Fokus. Für sie verspricht dieses Haus für Kunst und Kultur in seiner freien und doch radikalen Form mit den umlaufenden Glasfassadenbändern, was es im Inneren erfüllt. Kunst und Architektur korrespondieren, der Tanz mit der Bewegung der Treppenlinien, des Geländers bis zur Decke, der imposante Raum mit den heftigen Gedichten.
Das Stück beginnt als Schaufenster-Performance. Das Publikum schaut und staunt, trinkt den kredenzten heißen Tee. Eine goldene Lippe wird von schwarz gekleideten Figuren getragen. Drei Tänzerinnen, zwei Tänzer, eine in goldene Robe gekleidete Frau, die andere in Weiß nimmt das Mikrofon zur Hand und rezitiert Gedichte, Musik, Klang, ob drinnen oder draußen ist nicht mehr zu unterscheiden, ein unsichtbarer, doch deutlich hörbarer Dialog.
„Folgen Sie den Schwänen!“ Sessel werden aufgestellt, die Türen öffnen sich. Mit allen Akteur:innen arbeitet Brigitte Walk seit Jahren zusammen: mit der Kostüm- und Bühnenbildnerin Sandra Münchow, die gleich wieder nach Mainz musste, zur Opernproduktion Zauberflöte; und mit dem Komponisten Marcus Nigsch – eindrücklich in Erinnerung mit dem jüngst aufgeführten Auftragswerk der Wiener Symphoniker für Cello und Orchester, mit dem Vorarlberger Starcellisten Kian Soltani. Er lässt durch die Poetik inspirierte Klangräume entstehen, vielschichtig, emotional, tanzbar-mitreißend und komponiert vier Lieder nach den Gedichten. Die Sopranistin Jelena Dojčinović aus Zürich ist kurzfristig für die erkrankte Isabel Pfefferkorn eingesprungen – sie ist die Dame in der Goldrobe – und singt wunderbar.
Auch die bekannte Schauspielerin Helga Pedross konnte wieder gewonnen werden, eindringlich und voller Würde rezitiert sie die starken Texte. „Nebel / Und was werden wir beide spielen … / Wir halten uns fest umschlungen / Und kugeln uns über die Erde / Über die Erde.“ Beeindruckend das Tanzensemble: die Vorarlbergerin Marina Rützler, die als freischaffende Tänzerin in Wien lebt; Silvia Salzmann, die heuer gemeinsam mit Folkert Uhde die künstlerische Leitung der Montforter Zwischentöne übernimmt; die brasilianische Choreografin, Performerin und Kulturdenkerin Elenita Queiróz aus St. Gallen; Fabian Huster, Tänzer, Choreograf und Schauspieler aus Vorarlberg, schafft als freier Künstler in Wien; und Kilian Haselbeck aus der Schweiz.
„Aus mir braust finst're Tanzmusik, / Meine Seele kracht in tausend Stücken! / Der Teufel holt sich mein Missgeschick / Um es ans brandige Herz zu drücken. // Die Rosen fliegen mir aus dem Haar / Und mein Leben saust nach allen Seiten, / So tanz' ich schon seit tausend Jahr, / Seit meiner ersten Ewigkeiten.“
„Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge“
Premiere: 11.2.26, 19 Uhr
Weitere Vorstellungen: 12.2.26 / 26.2.26 / 27.2.26 / 15.3.26 / 16.3.26, jeweils 19.00 Uhr
Montforthaus Feldkirch
walktanztheater.com