Improvisieren hilft ebenso wie richtiges Kartenlesen. (Foto: Paramount Pictures)
Peter Füssl · 27. Feb 2025 · CD-Tipp

Owls & Company of Music: „Light Works“

Mit dem Wiener Jazz-Trio Owls und dem Vokalensemble Company of Music haben sich zwei gefunden, die sich gerne mit ausgefallenen Partner:innen exzeptionelle Konzepte erarbeiten und diese auf höchstem musikalischem Niveau realisieren. So überraschten etwa die aus Simon Oberleitner (Piano, Electroacoustics), Konstantin Kräutler-Horváth (Drums, Sampling) und Andreas Waelti (Kontrabass) bestehenden Owls vor zwei Jahren mit dem mit Perspektivenwechseln, unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen und Gedankenspielen gespickten Album „Wendolins Monocle“. Die 2002 von Johannes Hiemetsberger gegründete Company of Music wiederum widmet sich in ihren Programmen einem breitgefächerten Spektrum an Erstklassigem aus Renaissance, Barock und klassischer Moderne bis hin zu topaktuellen zeitgenössischen Komponist:innen. Genremäßige Grenzüberschreitungen sind für alle Beteiligten mehr Ansporn als Hindernis, und „Light Works“ ist auch weit entfernt von jenen Crossover-Projekten, in denen man vertraute Versatzstücke aus zwei musikalischen Welten publikumsfreundlich zusammenklittert.

Vielmehr ist jederzeit spürbar, mit welch großem Hintergrundwissen und mit wieviel Gespür und Feinsinnigkeit Oberleitner und Hiemetsberger Verbindungslinien und Überschneidungen zwischen Renaissance-Musik und Jazz suchten und zur Wirkung brachten. So startet das Album mit einem mehrstimmigen „Kyrie“ von Johannes Ockeghem in der Originalfassung – interpretiert von den mit wundervollen Stimmen gesegneten zwei Damen und vier Herren der Company of Music. Auf Anhieb findet man sich in der sakralen Welt des 15. Jahrhunderts wieder, ehe man nach gut zwei Minuten vom Jazz-Trio mit sanften Klängen abgeholt wird – einer der schönsten Übergänge, die man sich vorstellen kann. Ohne atmosphärischen Unterbruch ins Hier und Jetzt versetzt, verzaubert uns nun die stimmungsvolle, Renaissance-Motive aufgreifende Oberleitner-Ballade „The wood nymph“, bis sich der Chor mit emotionsgeladenen Vokalisen dazugesellt und das Piano mit ein paar rumpelnden Klängen die darauf folgende „Nymphes des boys“, die vor 500 Jahren der Feder von Josquin Desprez entsprungen ist, aufweckt – ein eindrucksvolles Lamento anlässlich des Todes von Ockeghem, das die Sänger:innen ohne instrumentale Interventionen interpretieren. Von nun an mischen sich die zwei Klangkörper aber in jedem Stück. So begleitet der Kontrabass mit einem langen, farbenreichen Solo die Einleitung zu Ockeghems „Quant de vous seul je pers la veue“, ehe Kräutler-Horváth die Vokalist:innen mit dezenter Percussion begleitet und sich auch das Klavier erst mit suchenden, dann durchaus mit kantigen Einwürfen dazugesellt – das mit neuneinhalb Minuten längste Stück des Albums. Oberleitners eine unglaubliche Ruhe ausstrahlenden Trio-Hommagen an Deprez („For Josquin“) und an Ockeghem („For Johannes“) ergeben zusammen mit einer zweigeteilten, himmlisch entrückten Vokalversion von Ockeghems Totenklage „Mort tu as navré“ ein Rondo. Der Owls-Chef versteht es perfekt, mit seinen Kompositionen die Schwingungen und Gedankenwelten seiner Renaissance-Kollegen aufzunehmen und in zeitgemäße Kompositionen zu gießen, die eindrucksvoll zeigen, wie sich exzellente Stücke aus musikalischer Gegenwart und Vergangenheit geschickt kombiniert wechselseitig in ihrer Wirkung potenzieren können. Auch als Arrangeur stellt er mehrfach Geschick und Geschmack unter Beweis. In „Seikilos Song“ verarbeitet er jene rätselhafte griechische Notation, die Archäologen Ende des 19. Jahrhunderts bei Izmir auf einer antiken Grabstele fanden. Das Stück startet mit ruhigen, archaisch wirkenden Gesängen zum gestrichenen Bass, ehe sich das Klavier mit sphärischen Klängen einbringt und der Drummer mit kräftigen Schlägen einen packenden Rhythmus vorgibt, der Chor und Band in eine cineastisch wirkende Breitwand-Sound-Passage eintauchen lässt, die wiederum in piano-geführte Modern Jazz-Gefilde führt und schließlich in einer dramatischen Gesangspassage kulminiert. Welch ein bunter Strauß an musikalischen Einfällen in einem knapp acht Minuten langen Stück! Von lustvollem Leid und Gefühlsverwirrungen handelt die vom gefeierten, burgundischen Hofmusikmeister Gilles Binchois im 15. Jahrhundert vertonte Liebeslyrik „Triste Plaisir“ – ein intensives neunminütiges Stimme-Piano-Duett, bei dem Oberleitners Qualitäten als Pianist eindrucksvoll zur Geltung kommen.


 

 


Ein glasklarer und ungemein schwungvoller a-cappella Wechselgesang eröffnet Guillaume de Machauts im 14. Jahrhundert verfasstes „Douce dame jolie“, bis das Jazz-Trio energisch ins Geschehen eingreift und funky Klänge aus der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts eine Soundtrack-artige Dramatik entstehen lassen. Die beiden letzten Kompositionen stammen von Simon Oberleitner und können wie ein Fazit der vorangegangenen, höchst spannenden wie unterhaltsamen Auseinandersetzung mit den großen Komponisten der Renaissance gelesen werden. „Where living begins“ widmet er dem ideellen Erbe, das Menschen nach dem Tod an die folgenden Generationen weitergeben und „The Storm“ soll „eine Hymne auf den Moment, so wie wir ihn erleben und formen“ sein. Ein großartiges Album, das unglaublich viel zu hören bietet , aber auch spannende Kopfarbeit, wenn man sich – was in diesem Fall unbedingt zu empfehlen ist –  mittels QR-Code ein exzellent zusammengestelltes Konvolut an Informationen herunterlädt.

(col legno) 

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR" März 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

 

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