Orlando im Liebesrausch, das Publikum im Jubel
Nicolò Balducci und das Concerto Stella Matutina versetzten die Zuhörenden in euphorische Stimmung
Das Concerto Stella Matutina setzte mit seinem vierten Abonnementkonzert erneut einen Höhepunkt im ohnehin reichhaltigen Programm. Bereits vor drei Jahren begeisterte der italienische Countertenor-Sopranist Nicolò Balducci in der Kulturbühne AmBach. Nun hatte der musikalische Leiter Thomas Platzgummer die Idee, gemeinsam mit dem herausragenden Sänger den Liebesleiden und dem Liebestaumel des berühmten Orlando von Ludovico Ariosto musikalisch nachzuspüren. Unter dem Motto „Nicolò furioso“ tauchten der Countertenor-Sopran und das Orchester in die Geschichten ein, die unter anderem Händel, Hasse, Nicola Porpora, Agostino Steffani, Lully und Vivaldi zu ihren Werken inspiriert haben. Aus dem reichen Fundus an Opernarien und Ballettmusiken rund um den wahnsinnigliebenden Orlando entstand ein unterhaltsames Programm mit enthusiastisch gefeierten Interpretationen.
Nicolò Balducci ist 27 Jahre alt und hat in den vergangenen drei Jahren eine außergewöhnliche Karriere als Countertenor-Sopranist gemacht. Seine Virtuosität in den Koloraturarien ist atemberaubend. Zusätzlich begeistern seine einfallsreiche Freude an der Verzierung melodischer Linien, sein spitzbübischer Charme und seine elegante Körpersprache. Vom ersten bis zum letzten Ton hing das Publikum an den Lippen des Sängers. Mit größter Selbstverständlichkeit lotete er große Emotionen, vom erdrückenden Liebesleid bis zu enthusiastischer Freude, aus und verlieh jeder Arie ihren eigenen Charakter.
Barocke Gefühlswelten mit Seelentiefe
In der Arie des Ariodante „Scherza infida in grembo al drudo“ von G. F. Händel kam Nicolò Balduccis überragende Interpretationskunst sogleich zum Ausdruck. Den Schmerz des vermeintlich betrogenen Liebenden stellte er nuanciert und mit großer Seelentiefe dar. Vor allem die Atemführung in den langen Legatobögen verstärkte den innigen Charakter.
In der strahlenden Arie „Con l’ali di costanza“ formte der Countertenor den Freudentaumel mitreißend aus und zeichnete das Liebesglück zu Ginevra und die Hoffnung – speranza – in vielgestaltigen Koloraturen nach.
Ruhe und Intimität verströmte die feinsinnig dargebotene Arie „Sol da te, mio dolce amore“ aus der Oper „Orlando furioso“ von Antonio Vivaldi. Danach zeigte sich die Meisterschaft des Sängers im Rezitativ „Insolito coraggio ora in quest’alma“ und in der Arie „Nel profondo cieco mondo“. Zuerst beeindruckte die klare Rhetorik und sodann die gesteigerte Energie in den musikalischen Themen, die sich über einen weiten Tonumfang erstreckten. Mit selbstverständlichster Leichtigkeit führte Nicolò Balducci auch hier die Koloraturen aus.
Die Arien aus Händels „Alcina“ (HWV 34) rundeten die Werkauswahl ab. Insbesondere die Arie der Morgana „Credete al mio dolore“ verströmte eine intim berührende Stimmung. Rhythmische Energie und große emotionale Gegensätze formte der Countertenor-Sopranist in „Sta nell’ircana“ geistreich und mit schelmischem Esprit aus. Überdies unterstrich Nicolò Balduccis bewundernswerte Körpersprache die musikalische Aussagekraft der Darbietungen.
Herausragende Solist:innen
Das Concerto Stella Matutina formte die Orchesterparts aufmerksam und mit viel Bedacht auf die musikalische Textdeutung. Dass zahlreiche Orchestermitglieder auch herausragende Solist:innen sind, war in mehreren Werken zu erleben. Die Fagottistin Makiko Kurabayashi war mit ihrem Solo in der Händel-Arie des Ariodante dem Sänger eine feinfühlige musikalische Partnerin. Ebenso bewundernswert gestaltete Angelika Gallez auf der Traversflöte den Flötenpart in Vivaldis „Sol da te, mio dolce amore“. Besonders in Erinnerung blieben dabei die exakt aufeinander abgestimmten Phrasierungen in den zweistimmigen Passagen des Sängers und der Flötistin. Thomas Platzgummer trat am Violoncello in der kammermusikalisch besetzten Arie der Morgana aus Händels „Alcina“ in einen klangsinnlichen Dialog mit Nicolò Balducci.
Gewohnt unterhaltsam erzählte Thomas Platzgummer von den Umständen, die Orlando um den Verstand brachten und wie er ihn wiederfand.
Esprit und Klangfarbenvielfalt
Zu Beginn und zwischen den Arien musizierte das Concerto Stella Matutina die Sinfonie aus „L’Angelica“ von Nicola Antonio Porpora, die Ouvertüre zu „Il Ruggiero“ von J. A. Hasse sowie Suiten von Jean-Baptiste Lully und Agostino Steffani. Die inspirierte Musizierart und die Freude an außergewöhnlichen Klangfarbenspielen bereicherten das Konzerterlebnis. Unter anderem Tamburin, Cajon und Triangel sowie Blockflöte, Gitarre und unterschiedliche Spieltechniken verliehen den Darbietungen Raffinesse und machten den Abend zu einem geistreichen und in vielerlei Hinsicht erfrischenden Konzerterlebnis.