Marcos Arriolas getanzte Revolte wirkt weit über LGBTQI+-Community hinaus
Begeisterungsstürme für „CRUCE“ zur Eröffnung der Herbst-Edition des tanz ist Festivals am Spielboden
Der gebürtige Argentinier Marcos Arriola studierte Tanz und Performance an unterschiedlichen Universitäten in Buenos Aires, setzte seine Ausbildung in Paris fort, wo er einen Bachelor in Tanz an der Université Paris 8 Vincennes Saint Denis machte und absolvierte schließlich in Brüssel ein Studium der Choreographie. Ein hervorragend ausgebildeter Künstler, was ihn aber nicht davor feit, bei der Anreise an den Dornbirner Spielboden zwischen Flughafen und Bahnhof Zürich von Polizisten verhaftet, stundenlang festgehalten, durchsucht und herabwürdigend behandelt zu werden, wie tanz ist-Gründer und -Kurator Günter Marinelli bei der Begrüßung erzählte. Welch trauriger, aber zugleich realistischer Hintergrund für die grandiose Tanz-Performance „CRUCE“, in der es um Widerstand gegen und Befreiung von rassistischen, geschlechtsspezifischen und sexuellen Unterdrückungsmechanismen in den sogenannten „Mehrheitsgesellschaften“ geht.
Start in völliger Dunkelheit
Nur langsam begann sich aus der völligen Dunkelheit zu unheilvollem Dröhnen ein nicht zu definierendes Etwas herauszuschälen. Eine chromglänzende, sich eigenartig bewegende Mensch-Maschine? Als sich die Augen an die herausfordernden Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, war zu erkennen, dass es sich um eine Akteurin im Schulterstand mit hochgestreckten, in chromledernen Hüftstiefeln steckenden Frauenbeinen handelte. Die öffneten sich und gaben den Weg frei für Hände, die sich heraustasteten und ein Gesicht, das herausschaute – beides absurd vergrößert. Kurz meinte man, einer absurden Geburtsszene beizuwohnen. Und tatsächlich ging es in den folgenden fünfzig Minuten um Transformation, um Menschwerdung in einem selbstbestimmten Sinn. Ein grandioser Einstieg, der das Publikum völlig unvermittelt aus dem Alltagsleben herausholte und ins Bühnengeschehen hineinzog.
Voguing als stilistischer Ausgangspunkt
In der an den Rand gedrängten New Yorker Homosexuellen-Szene der 1970er Jahre – damals sprach noch niemand von LGBTQI+ – entstand der nach der Modezeitschrift „Vogue“ benannter Tanzstil Voguing, der sich ursprünglich an den Posen und Schrittmustern der Models orientierte. Auch Marcos Arriola, Célia Coulibaly, Lara Chanel und Lucia García Pullés schienen sich oft linear auf imaginären Laufstegen zu bewegen. Nach und nach wurden auch Bewegungsformen aus Breakdance, Boxkampf oder extreme Dehnungen ins Bewegungsvokabular aufgenommen, und auch Arriola kombiniert Voguing mit expressiven Ausdrucksmitteln. In einer längeren Solo-Aktion legt er zu hämmernden Disco-Rhythmen auf unterschiedlichste Art immer wieder dieselbe lineare Strecke zurück: kriechend, stolpernd, schwankend, im Catwalk, mit übertriebenem Hüftschwung und dazu passenden Schulterbewegungen. Zwischendurch kriechen alle Beteiligten auf allen Vieren kreuz und quer über die Tanzfläche, stoppen für eindeutig sexuell aufgeladene Hüftbewegungen. Auch die drei Performerinnen überzeugen mit ebenso ausdrucksstarken Solo-Darbietungen, scheinen abwechselnd auf unsicherem Boden zu schwanken, aber auch an Selbstsicherheit zu gewinnen. Immer heftiger und kraftvoller werden die suchenden, teils skurrilen Posen zu schrägen elektronischen Klängen und einfachen, aber wirkungsvollen Lichteffekten, die abwechslungsweise aus vertikal von oben oder von der Seite her mehr oder weniger grell leuchtenden, farblosen, in Linien arrangierten Schweinwerfern stammen. Sylvere (Sound-Design) und Vera Martins (Light-Design) haben sehr gute Jobs gemacht, und J Boy – für die unorthodoxen Streetwear-Kostüme verantwortlich – brachte sowieso genug Farbe ins Geschehen. Wobei aber das unglaublich eindrucksvolle Finale schließlich ohne jegliches textiles Beiwerk kommen sollte.
Tanz als gesellschaftspolitisches Statement
Es war spürbar, dass mit diesem krassen Bewegungsrepertoire, das den Akteur:innen Kraft und vollen Körpereinsatz abverlangte, eine Art von Transformation, Bewusstseinserweiterung, Identitätsfindung angestrebt wird. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass die LGBTQI+-Communities „Cruce“ als symbolhaften Befreiungsschlag gegen die von der etablierten Gesellschaft ausgeübte strukturelle Gewalt und Unterdrückung empfinden. Marcos Arriola verzichtet aber auf jegliche Opferhaltung oder Weinerlichkeit, arbeitet voller Energie und Intensität, lustvoll und mit skurrilem Witz – bis zum Schluss:
Plötzlich ist die Bühne leer, aus dem Lautsprecher kommen nur unverständliche Gesprächsfetzen. Im Bühnenhintergrund erscheint Lucia Garciá Pullés splitternackt und bewegt sich auf einer geraden Linie bis direkt vors Publikum. Diese Strecke bewältigt sie mehrfach, bringt nochmals das ganze Bewegungsrepertoire in Erinnerung – von unsicheren Schritten über Stolzieren im Model-Style, bis hin zu aggressiven Boxbewegungen, extremen Dehnungen und akrobatischen Verrenkungen. Spätestens hier wird klar, dass „Cruce“ kein „Minderheiten“- oder „Außenseiter“-Programm ist, dass diese getanzte Revolte uns allen – zumindest in symbolhafter Form – eine Art von Befreiung bringen kann – von gesellschaftlichen Zwängen, finsteren Zukunftsängsten, Resignation vor demokratiepolitischen und zivilisatorischen Rückschritten, Hilflosigkeit angesichts niveauloser Machtmenschen in der Weltpolitik. Der tobende Applaus am Ende der Vorstellung, mit dem die Akteure x-mal auf die Bühne zurückgeholt wurden, war ein eindeutiges Zeichen für diese allgemeine Wirksamkeit. Und dass die Künstler:innen eine Stunde später, als sie die Spielboden-Kantine betraten, nochmals stürmisch beklatscht wurden, hat ohnehin absoluten Seltenheitswert.
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Fr, 16.10., 19.30 Spielboden Kino
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Sa, 17.10., 20.30 Uhr Spielboden
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