Prinz Grizzley erzählte musikalisch eindrucksvoll die Geschichte seiner Großeltern. (Foto: Daniel Furxer)
Peter Füssl · 27. Jun 2024 · CD-Tipp

Oded Tzur: „My Prophet“

Das Album beginnt mit dem wehmütigen, 45 Sekunden langen, auf dem Saxophon gespielten „Epilogue“, was man für eine spleenige Idee halten könnte, aber tatsächlich handelt es sich um den Epilog zum letzten Album „Isabela“, das 2022 viel Kritikerlob erhalten hatte. Eine Art Nachhall also, denn der 40-jährige aus Tel Aviv stammende und in Brooklyn lebende Saxophonist und Komponist Oded Tzur ist nun mal einer, der in großen Bögen und weiten Perspektiven denkt. In seiner Musik vereinen sich diverse Spielarten des Jazz mit den Erkenntnissen aus seinem Studium klassischer indischer Musik, dem er unter anderem sein Wissen über das Wesen der Ragas, die vielfach seinen Kompositionen konzeptionell zugrunde liegen, und seinen außergewöhnlichen, mikrotonal entwickelten, flötenartigen Ton auf dem Tenorsaxophon verdankt.

Auch die widerspruchsfreie Kombination von strenger Form und größtmöglicher Freiheit interessiert ihn, oder das geschickt choreographierte Zusammenspiel von ruhigen, meditativen Elementen, dynamischen Entwicklungen und exzessiven Ausbrüchen. Die fünf auf das Auftaktfragment folgenden Stücke sind alle zwischen siebeneinhalb und elf Minuten lang und bieten Pianist Nitai Hershkovits, Kontrabassist Petros Klampanis und dem neu zum Quartett gestoßenen, brasilianischen Drummer Cyrano Almeida jede Menge Raum zur Entfaltung ihrer kreativen Ideen. Klampanis geerdeter Bass und das gleichermaßen leichtfüßige wie zupackende Spiel des aus der afro-brasilianischen Candomblé-Tradition stammenden Schlagzeugers harmonieren perfekt. Hershkovits, der sich mit seinem im letzten Jahr erschienenen Album „Call On The Old Wise“ in einer imaginären Weltrangliste der Solo-Pianisten ziemlich weit nach vorne gespielt hätte, nützt seine Freiräume für aus unterschiedlichsten Quellen schöpfende, impressionistische Klangbilder und detailreiche, spannungsgeladene Improvisationen, die Oded Tzurs ausdrucksstarken Linien auf dem Tenorsax umspielen, akzentuieren und vorantreiben. „Child You“ legt fröhlich tänzelnd los und hält diesen Grundcharakter trotz einiger dramatischer Interludes bei. „Through A Land Unsown“ wird von einem bluesigen Bass in Szene gesetzt und von gleichermaßen rasanten wie unkonventionellen Pianofiguren dominiert, ehe Tzur wieder in ruhigere, wenn auch zwischendurch immer wieder emotional aufgeladene Gefilde führt. Auch „Renata“ lebt vom anmutigen Wechselspiel zwischen zart Lyrischem, lässig Swingendem und expressiver Aufgewühltheit. Hier wie in allen anderen Stücken ist beeindruckend, wie perfekt der Gruppensound stimmt. „Musik ist vielleicht die einzige wahre Form der kollektiven Meditation“, erklärt Oded Tzur und charakterisiert damit perfekt das wohltuende Ruhe ausstrahlende Titelstück des Albums, das zum Schweben in spirituellen Sphären und Durchwandern friedvoller Seelenlandschaften einlädt. Als Kontrastprogramm dazu lassen es die Herren im darauffolgenden Closer „Last Bike Ride in Paris“ dann ordentlich rocken und drehen die Intensitätsschraube gnadenlos in die Höhe, bis der sonst oftmals durch Zurückhaltung brillierende Tzur sein Sax nur noch röhren lässt. Da ist es dann natürlich enorm verlockend, gleich wieder mit dem ruhigen "Epilogue“ in den nächsten Durchlauf zu starten. (ECM/Universal)

Konzert-Tipp: Das Oded Tzur Quartet eröffnet am 14.8 die diesjährige Jazzbühne Lech.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2024 erschienen.