Prinz Grizzley erzählte musikalisch eindrucksvoll die Geschichte seiner Großeltern. (Foto: Daniel Furxer)
Kurt Bereuter · 25. Sep 2026 · Aktuelles

NS-„Operation Walsertraum“

Gefangen im Goldenen Käfig: Die „Ehrengefangenen“ der Nationalsozialisten im Kleinwalsertaler Ifen Hotel.

Das Ifen Hotel im Kleinen Walsertal wurde von den Nationalsozialisten zu einem Ort für prominente „Häftlinge“, auch um diese gegebenenfalls als Geiseln für einen Austausch zu nützen.

Dr. Thomas Gayda ist Musikhistoriker aus dem Kleinen Walsertal und forschte zur „Entarteten Musik“, wie sie analog zur „Entarteten Literatur“ von den Nationalsozialisten bezeichnet wurde. Dazu brachte er eine eigene CD-Edition heraus. Durch seine Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus stieß er auf das Tagebuch des bedeutenden Diplomaten André François-Poncet (1887-1978) und gab dieses neu heraus. Am 24. September referierte er im AlpenStadtMuseum in Sonthofen. Das Interesse war groß.

André François-Poncet

André François-Poncet war nicht nur französischer Botschafter in Berlin (1931-1938) und Rom (1938-1940), sondern auch nach dem Krieg alliierter Hochkommissar bis 1955, als der er den französischen Militärgouverneur und die französische Regierung im besetzten Deutschland beriet. 1955 wurde er noch einmal erster Nachkriegsbotschafter Frankreichs in Bonn. Als Diplomat vor dem Krieg schwankte er zwischen einer Verständigungspolitik und der Konfrontation gegenüber Hitler-Deutschland. 1940, nach der Niederlage Frankreichs, wurde er ständiger Berater des Vichy-Regimes und am 27. August 1943, nach der deutschen Besetzung Vichy-Frankreichs 1942, in Lyon verhaftet. Nach eigenen Angaben vom Gestapo-Chef in Lyon, Klaus Barbie, der wegen seiner Grausamkeit als „Schlächter von Lyon“ bekannt wurde. Anfänglich im Schloss Itter im Brixental interniert, wurde François-Poncet im Herbst 1943 in das Kleine Walsertal verlegt, in das 4-Sterne-Hotel Ifen.

Hotel Ifen

Dieses Ifen Hotel in Hirschegg – das es immer noch gibt, wenn auch umgebaut – wurde vom Architekten und Hotelier Hans Kirchhoff aus Hannover erbaut und zeichnete sich durch einen auffallenden Rundbau aus, der übrigens heute noch existiert. 1943 habe Ernst Kaltenbrunner, Führer der SS und der Gestapo in Österreich, das Hotel persönlich beschlagnahmt und für „besondere Gäste des Reichs“ vorbereiten lassen. Von Gefängnis könne kaum die Rede sein, denn die „Inhaftierten“ konnten sich innerhalb und außerhalb des Hotels frei bewegen, wurden gut verköstigt und wohnten in den Hotelzimmern, teilweise mit eigenem Bad. Auf Spaziergängen im Walsertal sei es auch immer wieder zu Kontakten mit Einheimischen gekommen, was zum Kriegsende hin noch wichtig werden sollte.

Die „Gäste“ als Geiseln

François-Poncet befand sich im Hotel Ifen unter einer illustren „Gäste“-Schar. Neben Diplomaten auch der einstige italienische Ministerpräsident Francesco Saverio Nitti, der Chef der ukrainischen Nationalisten Andrij Melnyk, die Prinzessin von Griechenland und andere Hochadelige, zum Teil mit ihren Kindern. Insgesamt verfügte das Hotel über 60 bis 70 Betten, bei Kriegsende waren dann noch um 25 „Gefangene“ im Hotel. Skurril war daneben, dass das Hotel geöffnet blieb und auch Funktionären des NS-Regimes zur Erholung offenstand, die dann mitunter am Frühstückstisch den Festgehaltenen gegenübersaßen.

Der Widerstand

Je näher die Niederlage des Deutschen Reiches kam, desto größer wurde das Risiko, als Geisel nicht mehr gebraucht zu werden, erklärte Thomas Gayda. Deshalb sei der Kontakt von François-Poncet zum Widerstand wichtig gewesen. Vor allem habe Peter Meusburger, der die Widerstandsgruppe „Walser Heimatschutz“ anführte, als ehemaliger NS-Ortsgruppenleiter noch über Beziehungen zu den Gestapo-Beamten verfügt, um die Sicherheit der „Gefangenen“ zu gewährleisten. François-Poncet stellte ihm im Gegenzug nach Kriegsende ein entsprechendes Leumundszeugnis aus.

Die Befreiung

Am 2. Mai 1945 wurden die „Ehrengefangenen“ befreit, die Franzosen stießen mit Panzern über die „Walserschanz“ vor. Die Widerstandsgruppe hatte bereits einen Tag davor das Tal unter seine Kontrolle gebracht und noch am 2. Mai konnten die Gefangenen ihr „Hotel“ verlassen. François-Poncet habe den Postbus bestiegen und beendet seine tagebuchartigen Aufzeichnungen mit den Worten „Adieu! Adieu, du Tal der Walser! Jetzt sind wir wieder frei!“ Er reiste zurück in seine Heimat, zu seiner Familie und trat wieder in den diplomatischen Dienst ein. Zuvor habe er noch seine Zimmerfrau Wanda umarmt, die dort als polnische Zwangsarbeiterin auf der anderen Seite der Ehrengäste stand und zur Arbeit verpflichtet war. François-Poncet: „Die armen Polinnen, die wir in diesem Haus zurücklassen, wo sie wie Sklavinnen behandelt wurden, weinen wie Schlosshunde.“ 1950 soll François-Poncet noch einmal mit seiner Familie im Hotel Ifen abgestiegen sein und dasselbe Zimmer – „seine Zelle“ – gebucht haben, in dem er eineinhalb Jahre lang gefangen gehalten wurde, erzählt Thomas Gayda, der bis heute zur Familie von François-Poncet Kontakt hält.  

Buchtipp:
André François-Poncet (Hrsg. von Thomas Gayda): Tagebuch eines Gefangenen. Europa Verlag, Berlin 2015, 608 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-944305-85-1, € 30,90