Neu in den Kinos: „Wilhelm Tell“
Der Schweizer Nationalheld mit der Armbrust ist im Historien-Actionfilm von Nick Hamm ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der eigentlich seine Ruhe haben will, schließlich aber doch den Aufstand gegen die bösen Österreicher anführt. Wer in der Schule bei Friedrich Schiller nicht aufgepasst hat, lernt in dieser Edeltrash-Verfilmung nichts über problematische Legendenbildung dazu.
Die Szene mit der Armbrust und dem Apfel kommt gleich zu Beginn. Wilhelm Tell (Claes Bang) steht mitten auf dem Marktplatz eines Schweizer Städtchens und muss sich besonders konzentrieren. Zwanzig Schritte entfernt steht sein Bub vor einem Holzpfahl und hat die rote Frucht auf dem Kopf, die der Vater nun treffen muss. Es ist ein heißer Sommertag, und die tapferen Schweizerinnen und Schweizer sind kurz davor, gegen die Besatzungsmacht der Habsburger zu revoltieren, weil sich Reichsvogt Gessler (Connor Swindells) diese gemeine Sache ausgedacht hat. Sogar einen Schemel hat er sich bringen lassen, um das Spektakel sitzend zu genießen.
Wer sich nicht erinnern kann, wie das nun ausgeht, muss sich in „Wilhelm Tell“ allerdings noch ein wenig gedulden, denn dieser Film möchte es spannend machen und greift deshalb auf den alten Filmtrick der Rückblende zurück: Kaum zischt der Pfeil von der Sehne, ist die Schweizer Welt drei Tage zuvor zwar nicht in bester, aber irgendwie noch in Ordnung. Glücklicherweise wissen wir, weil wir alle Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“, auf den sich dieser Film beruft, gelesen haben, um die Schützenkunst des Revolutionärs Bescheid.
Tells Frau Suna (Golshifteh Farahani) erkennt ein paar Tage zuvor jedenfalls einen Helden und einen Narren, als ihr Mann mit dem geflüchteten Bauern Baumgarten (Sam Keeley) nach Hause kommt. Dieser hat nämlich einen österreichischen Steuereintreiber, einen Vergewaltiger und Mörder, im Badetrog ermordet. Weshalb bald mit entsprechenden Gegenmaßnahmen durch König Albert (Ben Kingsley mit goldener Augenklappe) und Gessler, seinem karrieresüchtigen Mann vor Ort, zu rechnen ist. Tell hat übrigens eine arabische Frau, weil er in seinem früheren Leben als Tempelritter an einem der Kreuzzüge teilgenommen und die Liebe seines Lebens mit in die Schweiz gebracht hat. Und den dazugehörigen Adoptivsohn.
Pflicht und Pathos
Dass Regisseur Nick Hamm für sein in Südtirol gedrehtes Historienepos auf die Legende des frei erfundenen Freiheitskämpfer zurückgreift, mag für einen Actionfilm eine gute Idee sein – und Mel Gibsons „Braveheart“ ein ebenso gutes Vorbild –, nicht aber für die leiseren Zwischentöne. Denn während die unausweichlichen Kampfszenen mit den in schickem schwarzen Leder auftretenden Österreichern choreografisch souverän abgewickelt werden, schrammen die Charaktere – gute Eidgenossen und böse Habsburger – mit pathosgetränkten Dialogen, die nach Schiller klingen sollen, an der Grenze zur Lächerlichkeit vorbei.
Tell ist ein traumatisierter Kriegsveteran, der in seinem Alpental einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte, sich seiner Bestimmung als Auserwählter aber nicht entziehen kann. Sinnt er nach dem Apfelschuss zunächst nur auf persönliche Rache – Vorsicht in der Hohlen Gasse! –, erkennt er im Laufe der anfangs nur mäßig erfolgreichen Rebellion seine wahre Aufgabe: Nationalheld werden. Die adelige Berta (Ellie Bamber), die sich Gessler wehrhaft verweigernde Nichte des Königs, schlägt sich derweil tatkräftig auf die moralisch richtige Seite.
Für die Schule
Deutlich erkennbar ist die Absicht von Produktion und Drehbuch, die chauvinistischen Untertöne der Legende durch einen eher bizarr wirkenden multiethnischen Cast nicht allzu laut werden zu lassen. In Zeiten eines allerorten wiedererstarkenden Nationalismus fügt „Wilhelm Tell“ der patriotischen Erzählung dennoch keine neue Perspektive hinzu. Zu diesem Zweck muss man schon auf Max Frisch zurückgreifen, in dessen „Wilhelm Tell für die Schule“ nachzulesen ist, wie sich die Sache mit dem Apfel tatsächlich zutrug: „Beinahe war es zu spät, als Ritter Konrad oder Grisler von seinem Pferd sprang; der knieende Schütze zielte bereits mit gekniffenem Auge, als Ritter Konrad oder Grisler zu ihm trat und den Pfeil von seiner zitternden Armbrust nahm, wortlos – dieser Urner wäre imstande gewesen und hätte auf den grünen und ziemlich kleinen Apfel geschossen bloß um seiner Schützenehre willen. Das war ein peinlicher Augenblick für alle.“
ab 19.6., Cinema Dornbirn, Cineplexx Hohenems