Die Brassband Vorarlberg setzte mit „Brassband*in“ einen Markstein
Walter Gasperi · 19. Jun 2025 · Film

Aktuell in den Filmclubs (20.6. – 26.6.2025)

Am Spielboden Dornbirn wird diese Woche nochmals Alexander Horwaths großartiger Essayfilm „Henry Fonda for President“ gezeigt. Beim TaSKino Feldkirch bietet der Spielfilm „Sing Sing“ dagegen einen mitreißenden Einblick in ein Theaterprojekt im titelgebenden New Yorker Hochsicherheitsgefängnis.

Sing Sing: Seit 1996 gibt es im New Yorker Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing das Projekt „RTA – Rehabilitation through the Arts“, bei dem durch künstlerische Aktivitäten wie Theaterworkshops die persönliche Entwicklung der Häftlinge und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft gefördert werden sollen. Mit einer Rückfallquote von 5 % unter den Teilnehmenden gegenüber 60 % unter allen Häftlingen der USA ist der Erfolg beeindruckend.
Greg Kwedar zeichnet in seinem zweiten Spielfilm mitreißend die Entwicklung eines Theaterprojekts nach. Dicht und in genau getimtem Rhythmus treibt er den Film mit Vorsprechen für die Rollen, Übungen, die der Selbstfindung der Mitwirkenden dienen, bis zu den Proben voran und sorgt gleichzeitig mit dem Pendeln zwischen Szenen in der Gruppe und Zweiersituationen für Dynamik und Abwechslung.
Quasidokumentarische Intensität entwickelt „Sing Sing“ dabei nicht nur durch Pat Scolas bewegliche Handkamera, die immer nah an den Häftlingen ist, sondern auch durch die ungeschönten Farben und das natürliche kalte Licht der leicht körnigen, mit 16mm-Film aufgenommenen Bilder. Unmittelbar nimmt man so am Geschehen teil. Vollendet wird der Eindruck von Authentizität aber durch das fulminante Ensemble, bei dem Profischauspieler neben Ex-Häftlingen, die eine Version von sich selbst spielen, perfekt harmonieren. Atemberaubend intensive Szenen gelingen Kwedar hier immer wieder und neben dem Profi Colman Domingo bietet vor allem der Ex-Häftling Clarence Maclin eine herausragende Leistung. Nichts wirkt hier gespielt, sondern unglaublich echt wirken Dialoge, Gesten und Gefühle.
Eindrücklich feiert „Sing Sing“ so nicht nur dieses Gefängnisprojekt, sondern bietet auch einen großartigen Einblick in die stärkende Kraft von Theaterarbeit im Allgemeinen und erzählt nebenbei auch, wie aus anfänglicher Aversion langsam eine Freundschaft wachsen kann, bei der sich die beiden Männer in Krisen gegenseitig stützen.
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: Fr 20.6. bis Mo 23.6.

Henry Fonda for President: Der Filmhistoriker und Kurator Alexander Horwath verbindet in seinem großartigen Essayfilm einen Streifzug durch die Filme mit Hollywoodstar Henry Fonda mit der amerikanischen Geschichte. Gegliedert mit Ort- und Zeitinserts spannt der ehemalige Direktor der Viennale (1992–1997) und des Österreichischen Filmmuseums (2002 – 2017) den Bogen von der Immigration von Fondas holländischen Vorfahren im 17. Jahrhundert bis zu den späten Oscar-Ehren in den Jahren 1981 und 1982 und seinem Tod 1982. Die Ansiedlung von Fondas Vorfahren im Mohawk-Tal verknüpft er dabei nicht nur mit Szenen aus John Fords „Drums Along the Mohawk“ (1939), sondern erinnert dabei auch an den Prozess der Expansion und Verdrängung der Native Americans. Der Western „The Ox-Bow Incident“ (1943) wird genützt um Fondas antirassistische Haltung herauszuarbeiten, während anhand der von sozialem Impetus durchzogenen Steinbeck-Verfilmung „The Grapes of Wrath“ (1940) Kapitalismus und Ausbeutung angeprangert werden. Sergio Leones linker Western „C‘era una volta il west“ („Spiel mir das Lied vom Tod“, 1967) dient wiederum nicht nur dazu, die Wandlung Fondas zum entschiedenen Kritiker der Entwicklung der USA aufzuzeigen, sondern auch um den Bogen zur US-Gegenkultur der späten 1960er Jahre zu schlagen und von einer Annäherung des Vaters an seine Kinder Peter und Jane, die durch „Easy Rider“ und Anti-Vietnam-Engagement Ikonen dieser Bewegung waren, zu erzählen. Denn auch die familiären Bruchlinien mit Selbstmord seiner zweiten Frau und Verheimlichung der Umstände dieser Tat seinen Kindern gegenüber werden nicht ausgespart.
Dank akribischer Recherchearbeit (Regina Schlagnitweit), brillanter Montage des Materials (Michael Palm) und pointiertem Kommentar Horwaths, der den Film zusammenhält, ist so ein trotz einer Länge von 184 Minuten durchgängig gedankenanregender und spannender Film entstanden, der nicht nur Fonda- und Filmfans begeistern kann.
Spielboden Dornbirn: Di 24.6., 19.30 Uhr

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