Neu in den Kinos: „Wildwood“
Ein buchstäblich fantastisches Meisterwerk erwacht zum Leben: Das renommierte Animationsstudio Laika („Coraline“) liefert unter der Regie von Travis Knight den wohl erstaunlichsten Stop-Motion-Puppenfilm seit vielen Jahren. Das über zweistündige Kinomärchen um die zwölfjährige Prue, die ihren Bruder aus einem mystischen Wald retten muss, fasziniert durch seine atemberaubende Handarbeits-Ästhetik.
In diesem Film lohnt sich das genaue Hinsehen. Der blaue Mantel der jungen Heldin, die roten Militärjacken der Kojoten und sogar jedes Federkleid der verschiedenen Vögel sehen aus wie von Hand gemacht – weil sie es sind. Tatsächlich ist dieses mehr als zwei Stunden lange Stop-Motion-Abenteuer der erstaunlichste Puppenfilm seit vielen Jahren: In jahrelanger Arbeit haben die Animationsschmiede Laika („Coraline“) und Actionregisseur Travis Knight an Figuren und Dekors gebastelt, um schließlich mithilfe sorgsam verwendeter digitaler Unterstützung dieses buchstäblich fantastische Meisterstück zu vollenden.
Tragische Momente
„Wildwood“, eine Adaption des ersten Bandes der gleichnamigen Jugendbuchtrilogie, erzählt die Geschichte der zwölfjährigen Prue, die in einen mystischen Wald am Stadtrand von Portland aufbricht, um ihren von Krähen entführten kleinen Bruder zu retten. Warum die schwarzen Vögel ausgerechnet das Leben der glücklichen Familie zerstören, ist eines jener Rätsel, deren Lösung man erst im Laufe des Films erfährt. Ebenso rätselhaft erscheint zunächst der kurze Prolog, in dem sich ein Kind sein mechanisches Herz aus der Brust reißt – womit man schon eine Vorahnung bekommt, dass dieser Film womöglich kein typisches Kinomärchen ist. Tatsächlich werden immer wieder bitter-tragische Momente die magische Erzählung von „Wildwood“ verdunkeln. Langsam verdichten sich in diesem temporeichen Film die Zeichen, dass Prues Mission weit über die Rettung ihres Bruders hinausreicht.
Wollschal und Vogelfeder
Die Geschichte rund um den Kindesraub ist von zahlreichen literarischen und filmischen Motiven – von den Hausmärchen der Brüder Grimm über Tolkiens „Lord of the Rings“ bis Hitchcocks „The Birds“ – gespeist. Weise Eulen, entrechtete Banditen und eine traumatisierte Herrscherin verwickeln die junge Heldin in einen erbitterten Machtkampf, in dem schließlich ein geheimnisvoller Efeu eine wichtige Rolle spielt. Doch das eigentliche Abenteuer dieses Films ist seine Ästhetik. Mit dem zunehmenden Einsatz von digitaler VFX-Technologie wurde die Stop-Motion-Technik, mit der etwa die britischen Aardman Studios mit ihren „Wallace & Gromit“-Filmen in den 1990er-Jahren berühmt wurden, immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Wie atemberaubend aufwendig dieses Handwerk ist, kann man nun anhand der im Internet frei verfügbaren Making-of-Dokumentation „Wildwood: Building a Character from Page to Puppet“ bestaunen: Jedes kleinste Detail, vom Wollschal bis zur Vogelfeder, dient der entsprechend stimmungsvollen Atmosphäre. Wie meint Prues nerdiger Freund, der sie auf ihrer Rettungsmission begleitet und sich im Wald zum Helden mausert? „Oh my god, that’s amazing!“
Glückliches Ende?
Am Ende stellt der Film selbst die Frage nach dem bestmöglichen Ausgang dieser Geschichte: Kann es für Prues Familie das „Happy ever after“ noch geben oder zählt bloß das glückliche Leben im Hier und Jetzt? Gewiss ist hingegen, dass in diesem Film der Musik (Dario Marianelli) und vor allem den Stimmen großes Gewicht beikommt: Für die tierischen und menschlichen Charaktere sprechen – in der empfohlenen Originalfassung – Stars wie Carey Mulligan, Angela Bassett, Mahershala Ali und Tom Waits.
ab 5.11., Scala St. Gallen (OmU), Cineplexx Hohenems (dF), ab 7.11., Skino Schaan (dF)