Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall startete sein Abonnement mit einem aussagekräftigen Konzert. Gefeiert wurden unter anderem der Komponist Herbert Willi und die Klarinettistin Sharon Kam.
Michael Pekler · 20. Okt 2024 · Film

Neu in den Kinos: „The Room Next Door“

Im preisgekrönten Melodram von Pedro Almodóvar brillieren Julianne Moore und Tilda Swinton als Freundinnen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen müssen. Ein Film, der von Sterbebegleitung erzählt, aber in leuchtenden Farben das Leben feiert.

Die rote Türe bleibt immer geöffnet. Bis sie eines Tages geschlossen sein wird. Dann weiß Ingrid (Julianne Moore), dass der entscheidende Moment gekommen ist, auf den sie gewartet hat. Martha (Tilda Swinton) hat ihrem Leben ein Ende gesetzt.
„The Room Next Door“ von Pedro Almodóvar ist ein Film über das Sterben. Doch dieses farbenfrohe, in wunderschön komponierten Bildern erzählte Melodram erzählt zugleich eine Geschichte über das Loslassen – und damit, wie immer, wenn vom Sterben die Rede ist, eigentlich vom Leben. Von jenen Dingen, die man nicht erledigt zu haben meint, also von möglichen Versäumnissen, der damit einhergehenden Melancholie und von den falschen Abzweigungen. Die stets wiederkehrende Frage dabei lautet: Fühlt sich etwas, das alle betrifft, nur deshalb für jeden anders an, weil man Zeit seines Lebens so verschieden war?

Entscheidende Momente

Almodóvar beantwortet diese Frage über den Umweg weniger Rückblenden, die er vor allem zu Beginn des Films in die Erzählung einstreut. Die erste Begegnung zwischen den beiden Frauen findet an Marthas Spitalsbett statt, nachdem Ingrid erfahren hat, dass die andere an Krebs erkrankt ist. Irgendwann haben sich die beiden Freundinnen nach ihrer gemeinsamen Zeit als Journalistinnen aus den Augen verloren, Ingrid wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin, Martha verschwand als Kriegskorrespondentin in der Weltgeschichte. Nun enthüllen Blicke in Marthas Vergangenheit entscheidende Momente ihres Lebens, die bis in die Gegenwart nachwirken: Sie hat ihrer längst erwachsenen Tochter nie vom Schicksal ihres Vaters, eines traumatisierten Veteranen, erzählt. Es wird an Ingrid liegen, nach Marthas Tod diese Lebenslücke zu erklären. 
Ingrid ist nicht Marthas erste Wahl. Bereits drei Freundinnen haben sich geweigert, sie während ihrer letzten Tage zu begleiten. Außerdem drohen juristische Konsequenzen. Dass Ingrid nach kurzer Bedenkzeit schließlich zusagt, mag damit zusammenhängen, dass sie sich als Schriftstellerin in einem ihrer Romane mit dem Tod beschäftigt hat. Es kann aber auch an der herbstlichen Stimmung liegen, die sich über New York gelegt hat, von wo die beiden ins ein paar Autostunden entfernte Woodstock aufbrechen. Hier will Martha in einem abgelegenen Haus die illegal erworbene Euthanasiepille schlucken. Und vorher die rote Türe schließen.

Kein Rührstück

Mitunter wirkt „The Room Next Door“, eine freie Adaption des Romans „What Are You Going Through“ von Sigrid Nunez und der erste englischsprachige Film des spanischen Altmeisters, wie ein klassisches Hollywoodmelodrama von Douglas Sirk, in dem die große Tragödie ihren Ausdruck in den leuchtenden Farben von Ausstattung und Kostümen findet. Das schicke Designerhaus mitten im Wald wirkt in seiner Modernität so unterkühlt wie der nie benutzte Swimmingpool, die Räume könnte Edward Hopper gemalt haben, und wunderbar aufeinander abgestimmt sind die Farbtöne jedes einzelnen Kleidungsstücks. 
Die große Stärke dieses Films ist allerdings Almodóvars Entscheidung, aus dem Melodram kein Rührstück zu machen. Die tiefe Erschütterung, die vielen Tränen und Umarmungen finden nicht statt. Nicht der Tod als Schicksal, sondern als Notwendigkeit ist hier von Bedeutung. Doch davor wird über ihn geredet, werden Spaziergänge unternommen oder werden abends Filme geschaut. Komisches von Buster Keaton und wie selbstverständlich John Hustons letzten Film „The Dead“, in dem, wie später für Ingrid und Martha, der erste Schnee die Landschaft bedeckt.
Und so ist es auch nicht Martha, die sich auf das Sterben vorbereitet, sondern Ingrid, der diese Erzählung gehört – und damit einer großartigen Julianne Moore. Die Entwicklung ihrer Figur von anfänglicher Ablehnung und Mitgefühl bis zur Akzeptanz ist die wahre Geschichte von „The Room Next Door“, die diesem Film ein friedliches, beinahe optimistisches Ende beschert. 

ab 24.10., Cinema Dornbirn (DF)