Neu in den Kinos: „The Lost King“
Als die britische Hobbyhistorikerin Philippa Langley die Gebeine des angeblich buckligen Tyrannen Richard III. unter einem Parkplatz ausbuddeln ließ, feierten dessen Anhänger die Wiedergutmachung jahrhundertelangen Unrechts. Stephen Frears hat aus der königlichen Wiederauferstehung ein komödiantisches Drama mit wohldosierten ironischen Untertönen gemacht.
„Ein Pferd, ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd.“ William Shakespeare machte Richard III. mit diesem ihm angedichteten Ausruf berühmt. Natürlich war der letzte Herrscher aus dem Haus Plantagenet es längst zuvor, als er 1485 in der Schlacht von Bosworth niedergemetzelt wurde. Ob der damals 32-jährige Monarch, „entschlossen, ein Bösewicht zu werden“, tatsächlich jener skrupellose Unhold war, als den Shakespeare ihn mehr als hundert Jahre später zeichnete, wurde in der Folge jedoch nicht hinterfragt. Denn historische Bösewichte machen sich nicht nur auf der Theaterbühne gut, sondern die Darstellung Richards als soziopathischen Prinzenmörder gereichte auch dem Haus Tudor, das nach ihm den Thron besetzte, zu ansehnlichem Vorteil. Auch dass die Überreste des gefallenen Königs nicht gefunden wurden, weil sie, wie man annahm, entweder verbrannt, irgendwo vergraben oder in einen Fluss geworfen worden waren, kam der einschlägigen Historiografie gelegen. Bis man im September 2012, unter dem Parkplatz des Sozialamts von Leicester, ein Skelett entdeckte.
Die Meldung vom Fund der mittels DNA-Analyse bestätigten königlichen Gebeine ging durch die Medien. Mehr als ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod bekam Richard III. seine feierliche Bestattung, tausende weiße Rosen und ein Grabmal. Gefeiert wurde das Ausgrabungsteam, die Universität von Leicester und die leitenden Archäologen – nicht aber jene Frau, die sich jahrelang für die Ausgrabung des von ihr verehrten „verlorenen Königs“ engagierte: Philippa Langley.
Umtriebige Ausgrabungen
Mit „The Lost King“ erzählt der britische Regieveteran Stephen Frears nun die Geschichte einer doppelten Rehabilitation: jene des angeblich buckligen Usurpators und die seiner passionierten Anhängerin, die allen Widerständen der institutionellen Wissenschaft zum Trotz ihr „Looking for Richard“ genanntes Finanzierungsprojekt realisierte. Eine Erfolgsstory gewissermaßen, wie man sie im Kino gerne sieht, weil man sich dann auf der richtigen Seite wähnt.
Frears hat sich zu diesem Zweck für ein komödiantisches Drama entschieden und vor allem mit Sally Hawkins als verschrobene Hobbyhistorikerin eine großartige Hauptdarstellerin gefunden. Ersteres ist deshalb nicht überraschend, weil Frears sich bereits mit Filmen wie „The Queen“ (mit Helen Mirren), „Philomena“ (mit Judi Dench) oder zuletzt „Florence Foster Jenkins“ (mit Meryl Streep) den Biografien widerständiger Frauenfiguren widmete; letzteres ein Glücksfall, weil Hawkins sowohl die Umtriebigkeit als auch Unsicherheit ihrer Figur souverän zum Ausdruck bringt.
Majestätische Erscheinung
Vom Chef in der Büroarbeit angesichts der jüngeren Kollegin hintangestellt, vom getrennt lebenden Ehemann (Steve Coogan) nicht ernst genommen und als Alleinerzieherin zweier Burschen gefordert, erweist sich Philippa zu Beginn als wandelndes Nervenbündel. Kein Wunder, dass sie nach dem Besuch einer Aufführung von „Richard III.“ den Hauptdarsteller (Harry Lloyd) fortan wahlweise in ihrem Garten, mitten auf der Straße oder in einem Park entdeckt – im königlichen Gewand freundlich lächelnd, buchstäblich aufrecht und, wie es sich für Halluzinationen gehört, zunächst mal schweigend. Eine nur scheinbar bizarre Idee der Inszenierung: Für Philippa wird die königliche Erscheinung zum sinnstiftenden Gefährten, dem sie sich zunehmend verpflichtet fühlt. Dass sie mit ihrer Unnachgiebigkeit nicht nur dem ihrer Meinung nach zu Unrecht verhassten König, sondern vor allem auch sich selbst einen Gefallen erweisen möchte, deutet „The Lost King“ immerhin an.
Frears nimmt dieser Geschichte – die nicht nur von bewundernswertem Engagement, sondern eben auch starrsinniger Verbissenheit erzählt – damit etwas von ihrer Ernsthaftigkeit. Und zeichnet Langley selbstverständlich zwar als sympathische Heldin, lässt aber Zwischentöne zu: Man mag den Mitmenschen ihren Vorbehalt gegenüber der anstrengenden Kollegin, Ex-Frau und Mutter nicht verübeln. Dass die Geschichte ein gutes Ende genommen hat, ist bekannt. So bekannt wie mittlerweile auch Philippa Langley als Autorin und Produzentin, die sich sogar Trägerin des Order of the British Empire nennen darf und derzeit nach den noch unentdeckten Gebeinen von Henry I. sucht.