Neu in den Kinos: „Spaziergang nach Syrakus“
Eine historische Tragikomödie fast ohne gängige DDR-Klischees: Charly Hübner bricht als freiheitsliebender Ostdeutscher nach Italien auf, um seinen Bildungshunger zu stillen. Die wahre, beinahe absurde Geschichte einer jahrelang geplanten Flucht in den Westen und das Porträt eines Individualisten, dessen Sehnsucht von der politischen Entwicklung eingeholt wurde.
„Ich hätte gerne studiert. Literatur. Philosophie. Geschichte.“ Paul Gompitz (Charly Hübner) aus Rostock ist unzufrieden. Statt als Historiker oder Philosoph arbeitet er als Kellner auf einem Ausflugsschiff. Denn erstens schreibt man das Jahr 1982, und zweitens lebt Gompitz in der DDR. Schlimmer als der falsche Beruf wiegt für ihn allerdings der Umstand, dass er seine humanistische Bildungsreise nicht antreten darf: Die Staatsführung erlaubt zwar Urlaube in Prag oder Bulgarien, nicht aber im kapitalistischen Italien. Dabei möchte Gompitz – inspiriert durch den Dichter Johann Gottfried Seume, der im frühen 19. Jahrhundert bis nach Syrakus wanderte – doch unbedingt nach Sizilien. „Für ihn bedeutete Gehen selbst denken dürfen“, meint Gompitz, der viele Jahre später einem Freund seine Geschichte erzählt. „Mir fehlte hier nichts außer der übrigen Welt.“
Sieben Jahre Heimlichkeit
Unter den zahlreichen Filmen über die DDR mit unterschiedlicher Intention in verschiedenen Formaten – von der Komödie über das Liebesdrama bis zum Fernsehkrimi – nimmt „Spaziergang nach Syrakus“ einen besonderen Platz ein. Nicht nur, weil dem Film eine unglaubliche Fluchtgeschichte zugrunde liegt, sondern auch, weil es Regisseur Lars Jessen versteht, seiner historischen Tragikomödie die nötige Ambivalenz zu verleihen. Denn einerseits ist Gompitz zwar angewidert vom repressiven System, andererseits fühlt er sich seiner norddeutschen Heimat und der Ostsee verbunden. Vor allem aber seiner geliebten Frau Anne (Lina Beckmann), die er zurücklassen müsste. „Bis heute ist mir nicht klar, ob mich Italien lockte oder die DDR von sich stieß.“
Fast sieben Jahre dauern die heimlichen Vorbereitungen, bis Gompitz endlich aufbrechen kann. Weil sein Spaziergang zunächst über Dänemark führen soll, lernt er Segeln, macht sich in Buchhandlungen heimlich Notizen über Radarkunde – für den Kauf müsste er sich ausweisen –, spart Geld für ein eigenes Segelboot und schreibt Verwandten in Westdeutschland. Wobei Paul Gompitz kein Flüchtling im eigentlichen Sinn sein möchte; schließlich betrachtet er sich weiterhin als Staatsbürger und hat vor, in die DDR zurückzukehren. Sogar ein präventives Begnadigungsgesuch an Egon Krenz bereitet er vor. Mehr als die Hälfte seiner Laufzeit verwendet der Film auf diese in losen Szenen erzählten Jahre – die Flucht und die anschließende Reise nach Süditalien wirken beinahe wie ein nötiger Epilog, in dem es auch ein wenig rührselig wird: Der erste echte Parmesan für Paolo!
Unsichtbare Spitzel
„Spaziergang nach Syrakus“ beruht auf der Geschichte des Hobbyseglers Klaus Müller, der im Juni 1988 mit seinem Boot über die Ostsee flüchtete und im Frühling 1989 in die DDR zurückkehrte. Dass auch Gompitz vom Mauerfall eingeholt wird, macht seine jahrelang geplante Flucht zur tragischen Farce. Dennoch kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass es dieser Film nun endlich richtig machen will mit dem sogenannten Osten. Er will nicht nostalgisch verklären und nichts schönreden, wo es nichts schönzureden gibt; er will aber auch nicht behaupten, dass alles nur schlecht gewesen wäre – am wenigsten für jene Menschen, die sich irgendwie zurechtgefunden hatten im Laufe der Jahrzehnte. Die Spitzel bleiben unsichtbar in diesem Film, und die Staatssicherheit, das sind ein paar graue Figuren, die nach Gompitz’ Flucht in der Wohnung seiner nunmehr alleinstehenden Frau auf seinen Anruf warten.
„Ich wusste seit 1986, dass die DDR untergehen kann, aber nicht von den Bonzen, den Lehrern und auch nicht von den Ärzten, die man ja auch alle traf“, so der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Charly Hübner unlängst in einem Interview, „sondern durch die Arbeiter. Durch Freunde meiner Eltern, die in Eisenhüttenstadt arbeiteten im Stahlwerk.“ Bei der gesellschaftspolitischen Spaltung Deutschlands angesichts von Brandmauern nach dem Mauerfall macht dieser Film jedenfalls nicht mit.
ab 15.10., Cinema Dornbirn