Neu in den Kinos: „Silent Friend“
Ein riesiger Ginkgobaum im Garten einer deutschen Universität, zu dem drei Menschen zu unterschiedlichen Zeiten eine besondere Beziehung entwickeln. Ildikó Enyedi erzählt in ihrer magischen Geschichte vom Erleben und Verstreichen der Zeit. Wunderschön fotografiert und so stilvoll inszeniert wie durchs Laub dringende Sonnenstrahlen.
„Ich würde niemals wagen, jemandem eine Erklärung dafür zu liefern, wie ein Baum die Welt wahrnimmt“, meint die Filmemacherin Ildikó Enyedi. „Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass es sich bei einem Baum um ein komplexes Wesen mit einer eigenen Wahrnehmungswelt handelt, die genauso gültig und wichtig ist wie diejenige der Menschen.“ Nach knapp zweieinhalb Stunden, die man mit „Silent Friend“ im Kino verbracht hat, kann man der ungarischen Regisseurin zumindest teilweise recht geben: Ein Baum ist definitiv ein komplexes Wesen mit einer eigenen Wahrnehmung. Ob diese genauso wichtig und gültig ist wie jene des Menschen, darüber können nur Vermutungen angestellt werden – und zwar von Menschen.
Baum im Film
Es gibt ausreichend Spielfilme über Bäume und sogar sehr viele, in denen sie die Hauptrolle einnehmen. Allerdings sind naturgemäß immer auch Menschen nötig, die sprechen können, die mit den stets beeindruckenden Gewächsen entweder besondere Dinge tun oder ihnen spezielle Fähigkeiten zuschreiben. Etwa wenn in Julie Bertuccellis „The Tree“ die Tochter in einem großen Feigenbaum die Seele des verstorbenen Vaters zu erkennen meint, oder in „El Olivo“ von Icíar Bollaín ein zweitausend Jahre alter Olivenbaum vor einem bösen deutschen Konzern gerettet werden muss. Ein Film ausschließlich aus der Sicht eines Baums wäre im Kino hingegen eine Herausforderung, für die sich die Literatur – man denke an Andersens wunderbares Märchen „Der Traum der alten Eiche“ – denkbar besser eignet. Auch deshalb verknüpft Ildikó Enyedi auf höchst kreative Weise die Geschichte eines scheinbar unbeteiligten Baums mit jener von drei höchst unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten.
Verästelungen
Der Baum steht im Botanischen Garten der deutschen Universitätsstadt Marburg und ist ein riesiger Ginkgo. In der ersten Geschichte – tatsächlich verästelt sich die Erzählung selbst wie ein Baum in lose miteinander verknüpfte Stränge – strandet ein chinesischer Neurowissenschaftler (Hongkong-Star Tony Leung Chiu-wai) im Jahr 2020 während der Covid-Pandemie an der Fakultät, an der er eine Gastprofessur antreten hätte sollen. Eigentlich erforscht er die kognitive Entwicklung von Babys, doch weil die Universität kurz nach seiner Ankunft geschlossen wird, ist er bald allein auf weiter Flur – und beginnt sich für die „Gedanken“ des Ginkgobaums zu interessieren. In der zweiten Geschichte, die im Jahr 1908 spielt, bewirbt sich eine junge Frau (Luna Wedler) um die Aufnahme an der von alten weißen Männern regierten Fakultät. In glasklaren Schwarzweiß-Bildern erzählt Enyedi vom Kampf der ersten Studentin an der Universität gegen die verknöcherte Struktur, den offenen Sexismus und die ihr entgegengebrachte Skepsis als Wissenschaftlerin. Als sie bei einem alten Fotografen in Marburg eine Stelle als Assistentin annimmt, entdeckt die Biologin mit der Kamera bislang verborgene Muster in den Gewächsen – eine bis dahin unsichtbare Welt, die erst mit dem technischen Einfrieren der Zeit sichtbar wird. In der dritten Geschichte entdeckt wiederum im Jahr 1972 ein einzelgängerischer Student (Enzo Brumm), der mit Kiffen und Politik nichts am Hut hat, seine Begeisterung für eine Geranie, die ihm seine Kommilitonin zur Pflege anvertraut hat. Der Ginkgobaum sieht und weiß alles.
Menschliches Konstrukt
„Silent Friend“ ist ein bedächtig erzählter und ausnehmend kluger Film, dessen formale und stilistische Raffinesse – und dessen großartiges Sounddesign – erst im Laufe der zweieinhalb Stunden deutlich wird. Jeder Erzählstrang besitzt nicht nur sein eigenes Tempo, sondern auch seine besondere Ästhetik, die vom klassischen 35mm-Format in Schwarzweiß für die Jahrhundertwende über das haptisch anmutende 16mm-Format für die frühen Siebziger bis zu den digitalen HD-Bildern der Gegenwart reicht. Vor allem aber ist „Silent Friend“ ein Film über die Wahrnehmung von Zeit als menschliches Konstrukt: Obwohl ihre Wege durch den Campus dieselben sind und der Ort nahezu unverändert ist, nehmen Student, Fotografin und Wissenschaftler diese Welt anders wahr. Denn wie schnell die Zeit verstreicht, hängt bekanntlich von subjektiver Erfahrung ab. Für den Ginkgobaum dauern die drei Menschenleben deshalb nur so lange wie ein Wimpernschlag. Oder wie das Herabfallen eines welken Blatts.
ab 19.2. TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)
9.3. und 18.3. Kinothek Lustenau (OmU)