Marie Spaemann am Violoncello und Christian Bakanic am Akkordeon führten klangsinnliche und ausdrucksstarke musikalische Dialoge miteinander. (Foto: Stefan Hauer)
Michael Pekler · 05. Mai 2026 · Film

Neu in den Kinos: „Nürnberg“

Bevor Hermann Göring sich in Nürnberg vor Gericht verantworten darf, muss ein US-Psychiater ein Gutachten über Hitlers Nachfolger erstellen. Russell Crowe und Rami Malek treten im psychologischen Duell gegeneinander an. Ein amerikanischer Film für ein amerikanisches Publikum über die Faszination des Bösen.

Am 7. Mai 1945, einen Tag vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, rollt ein schwarzer Mercedes mit Nazibeflaggung über eine verstaubte österreichische Landstraße. Die gesichtslose Masse der Flüchtlinge weicht zur Seite, ein paar amerikanische Soldaten zücken das Maschinengewehr. Ein Unterrock muss als weiße Fahne herhalten, die der Chauffeur aus dem Fahrzeugfenster hält. Ein dicker Mann steigt aus. „Jesus Christ, that’s Hermann Göring.“ In seiner blendend weißen Uniform hält der Reichsmarschall seine letzte, aus zwei Sätzen bestehende Rede in Freiheit: „Meine Herren, ich ergebe mich Ihnen ganz förmlich. Mein Gepäck ist im Auto.“

Auf dünnem Eis

Ob die GIs dann tatsächlich Görings Koffer ausgeladen haben, ist dann zwar leider nicht mehr zu sehen, doch die Eröffnungsszene von „Nürnberg“ („Nuremberg“) liefert bereits einen guten Eindruck davon, wie die restlichen zweieinhalb Stunden aussehen werden: Es folgt ein sich auf dünnem Eis bewegendes Historiendrama rund um die Nürnberger Prozesse, das einmal mehr der Frage nachgehen möchte, wie die erschreckende Normalität des „radikal Bösen“ (Arendt) überhaupt existieren konnte. Eine Frage, der sich unlängst etwa auch „Das Verschwinden des Josef Mengele“ über den sich in Südamerika versteckt haltenden NS-Arzt mit August Diehl in der Hauptrolle stellte. 

Richtige Sprache

In „Nürnberg“ wird Hermann Göring vom australischen Schauspieler Russell Crowe dargestellt. Weil Göring vorgibt, die Amerikaner nicht zu verstehen, spricht er in den ersten zwanzig Minuten Deutsch mit dem englischen Akzent seines Darstellers. Nach einer vertrauensbildenden, weil lebensrettenden Maßnahme nach einer Herzattacke wechselt er schließlich ins Englische – und damit in die für einen Hollywoodfilm richtige Sprache –, spricht nun aber mit einem konstruierten deutschen Akzent, den sich Russell Crowe offensichtlich mühsam angeeignet hat, um Göring authentischer wirken zu lassen. Über die deutsche Synchronfassung kann an dieser Stelle nichts berichtet werden, man ahnt Übles. Tatsächlich kam Hitlers offiziellem Nachfolger im Gerichtssaal kein englisches Wort über die Lippen. 

Auf der Anklagebank

Dabei sind die sprachlichen Unstimmigkeiten das geringere Problem in diesem Film. „Nürnberg“ ist die zweite Regiearbeit des Drehbuchautors James Vanderbilt und eine Adaption des Buches „Der Nazi und der Psychiater“ des Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai. Dabei handelt es sich um ein auf persönlichen Aufzeichnungen des Militärpsychiaters Douglas M. Kelley beruhendes Sachbuch. Der aus Kalifornien stammende Kelley, dem die Aufgabe zufiel, Göring und weitere überlebende Nazigrößen – neben Göring sitzen Rudolf Heß und Julius Streicher auf der Anklagebank – vor dem Prozess psychologisch zu untersuchen, wird in „Nürnberg“ vom ägyptischstämmigen US-Schauspieler Rami Malek gespielt. Gegen den öffentlichen Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher – weitere gegen NS-Juristen und NS-Ärzte sollten folgen – gab es durchaus Bedenken seitens der Alliierten, die befürchteten, die Architekten des mechanisierten Völkermords könnten ihren Auftritt dazu nutzen, ihre Ideen zu rechtfertigen und weiterzuverbreiten. Sowohl in Vanderbilts Vorlage als auch im Film spielt das Tribunal jedoch nur eine untergeordnete Rolle. 

Sympathische Familie

Für diese Frage nach der Wirksamkeit ist in „Nürnberg“, den historischen Tatsachen entsprechend, der US-Chefankläger Robert H. Jackson (Michael Shannon) zuständig, wenn er für eine rechtsstaatliche Verhandlung argumentiert. Doch im Grunde erzählt „Nürnberg“ vom Duell zweier Männer, die ideologische Feinde sein sollten und sich dennoch so weit annähern, dass man meint, sie könnten Freundschaft schließen. Das mag prinzipiell möglich sein – man denke an Erich Fried und den Neonazi Michael Kühnen –, wirkt in diesem Rahmen aber eher befremdlich, wenn Kelley gar den Postboten für Göring und seine sympathische Frau und liebliche Tochter spielt. „We will be friends“, meint Göring tatsächlich einmal zu Kelley. Für diesen ist Görings Zuversicht ein Triumph, hat er es damit doch endgültig geschafft, das Vertrauen des Massenmörders zu gewinnen – glaubt er jedenfalls. Denn Göring ist schlau und spielt den Ball zurück: „You vaporize 150.000 Japanese at the touch of a button, and you presume to stand in judgment of me for war crimes?”

Persönliches Dilemma

Bevor „Nürnberg“ zu einem letztlich schnell abgehandelten Justizthriller wird, versucht sich der Film ausgiebig als Psychodrama rund um zwei hochintelligente Männer. Der eine beherrscht Zaubertricks mit Karten und interpretiert Rorschach-Tests, der andere ist ein ebenso höflicher wie charismatischer Nazimörder. Im Gegensatz zu Stanley Kramers meisterlichem Dreistundenepos „Judgment at Nuremberg“ (1961), in dem NS-Richter auf der Anklagebank sitzen, interessiert sich „Nürnberg“ in erster Linie für das persönliche Dilemma des einzelnen Amerikaners. Tatsächlich sind es erst die im Gerichtssaal vorgeführten Aufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern, die Göring das Genick brechen. Was deshalb nicht geschah, weil sich Hitlers Stellvertreter bekanntlich noch vor der Vollstreckung des Urteils mit einer Zyankalikapsel das Leben nahm. Eine unheimliche letzte Gemeinsamkeit mit seinem Psychiater.

ab 7.5., Cinema Dornbirn (dF), ab 8.5., Skino Schaan (OF)