María Esperanza, die einst gefeierte kolumbianische Bolero-Sängerin, begeistert auch mit 93 Jahren noch mit ihrer Stimme und ihrer Lebensfreude. (Foto: Bastian Innfeld)
Michael Pekler · 07. Okt 2024 · Film

Neu in den Kinos: „Memory“

Filme über Missbrauch und Demenz gelten als schwierige Kinounterhaltung. Der mexikanische Regisseur Michel Franco schlägt in seinem mit Jessica Chastain und Peter Sarsgaard hochkarätig besetzten Drama einen neuen Weg ein. Dem man jedoch nur so lange folgen möchte, bis klar wird, wohin er führt.

Noch ehe dieser Film richtig begonnen hat, wird man das Gefühl nicht los, ihn schon gesehen zu haben. Kaum hat man sich mit den Charakteren vertraut gemacht, meint man ihnen schon unzählige Male begegnet zu sein, als ob die beiden Stars Jessica Chastain und Peter Sarsgaard ihre Rollen bereits unzählige Male gespielt hätten. Dabei handelt es sich bei „Memory“ um keinen Genrefilm, sondern um ein sogenanntes Beziehungsdrama. Was aber möglicherweise der Grund dafür ist, mit einer Erinnerungstäuschung im Kino zu sitzen. 
„Memory“ beginnt mit einer Szene bei den Anonymen Alkoholikern. Eine Frau namens Sylvia wird angesprochen, manche bedanken sich bei ihr für ihre Unterstützung, sie bedankt sich bei allen anderen. Außerdem hat sie heute offensichtlich zum ersten Mal ihre 13-jährige Tochter mitgebracht. Sylvia ist eine strenge, aber herzliche Mutter. Sie wirkt robust und hat ihre Sucht überwunden. Wenig später sieht man sie in ihrem Job in einer sozialen Einrichtung für Erwachsene. Essen ausgeben, Kleidung vorbereiten. Routine. Langsam taucht ein Familiengefüge im Hintergrund auf, die Alleinerzieherin hat den Kontakt zur Mutter offensichtlich abgebrochen, jener zur verheirateten jüngeren Schwester gestaltet sich pragmatisch. Sylvia hat sich eine harte Schale zugelegt. Die natürlich aufbrechen wird.
Der erste Auftritt von Saul wiederum führt auf eine falsche Fährte. Als Sylvia eine Einladung zu einem Klassentreffen erhält, die sie widerwillig annimmt, setzt sich Saul, der dieselbe Schule besucht hat, einfach neben sie. Sylvia, die den Abend bis dahin ohnehin allein an einem Tisch verbrachte, steht auf und geht nach Hause – und wird von Saul verfolgt, der sich keine Mühe gibt, sich zu verstecken. Doch der mögliche Thriller wird zum großen Drama, als er am nächsten Morgen nass und unterkühlt vor Sylvias Haus liegt. 

Keine Unsicherheiten

Saul braucht Hilfe. Sylvia braucht Hilfe. Saul hilft Sylvia. Sylvia hilft Saul. „Memory“ erzählt, wie der Titel bereits vermuten lässt, von der Erinnerung, in diesem Fall von einer, die Sylvia verdrängt hat, und einer anderen, die Saul zunehmend verliert. Die anfängliche Zurückhaltung seitens Sylvia weicht einer zunächst professionellen Nähe, die sich jedoch als äußerst labil erweist: Beim ersten gemeinsam Spaziergang beschuldigt sie Saul, sie während der gemeinsamen Schulzeit missbraucht zu haben. Woran sich Saul nicht erinnern kann.
Der mexikanische Regisseur Michel Franco ist dafür bekannt, dass seine Filme ihr Versprechen nicht einhalten. Im Thriller „New Order“ (2020) erzählte er – zunächst durchaus beklemmend – von der Erstürmung einer Villa in Mexico-City durch die Armen, um sich letztlich in der plakativen Darstellung von Revolution, Korruption und Militärgewalt zu genügen. Im Charakterdrama „Sundown“ (2021) verstörte zuletzt Tim Roth als Urlauber in Mexiko, der plötzlich nicht mehr zu seiner Familie heimkehren möchte – bis seine Motive des sozialen Widerstands überdeutlich zutage treten. Und auch in „Memory“ funktioniert dieses methodische Spannungsspiel so lange, bis aller Unglaubwürdigkeit zum Trotz alle Unsicherheiten ausgeräumt und für Sylvia alle Zweifel beseitigt sind. 
Natürlich weiß Franco auch als sein eigener Drehbuchautor, dass Themen wie Alkoholismus, sexueller Missbrauch, familiäre Auseinandersetzungen, Traumata und Demenz, noch dazu in dieser Kombination, nur behandelt werden können, indem man die Klischees vorsorglich vermeidet. Also besser kein großes Drama und nur wenige Nervenzusammenbrüche inszeniert, sondern das Geschehen meistens mit angemessener Kühle aus der Distanz wahrnimmt. Also jenen Beobachtungsposten bezieht, den man bei „Memory“ im Kinosaal einnimmt, während man darauf wartet, dass alles ein versöhnliches Ende nehmen wird. An das man sich bald nicht mehr erinnern wird können.

ab 10.10., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)