Neu in den Kinos: „Im Herzen jung“
Fanny Ardant und Melvil Poupaud sehen sich als Liebespaar heftiger Ablehnung ausgesetzt. Doch diese beruht nicht nur auf dem Altersunterschied zwischen der 70-jährigen Großmutter und dem wesentlich jüngeren Familienvater.
Am Ende fragt man sich, was in jenem Augenblick passiert ist, als Shauna (Fanny Ardant) und Pierre (Melvil Poupaud) einander zu ersten Mal begegneten. Nichts Besonderes, außer der üblich freundlichen Begrüßung zwischen einer 70-jährigen Frau und einem 45-jährigen Mann. Von Liebe auf den ersten Blick kann jedenfalls nicht die Rede sein, viel eher von Zuneigung. Die Begegnung kam durch durch Pierres Arbeitskollegen Georges (Sharif Andoura) zustande, mit dem der Onkologe aus Lyon einen Kongress in Irland besuchte, wo Shauna, früher erfolgreiche Architektin, die Sommermonate auf dem Land verbringt. Georges und Shauna kennen einander seit Jahrzehnten, Georges‘ mittlerweile verstorbene Mutter war Shaunas beste Freundin. Am Abend, als Georges noch ins Pub geht, bleibt Pierre lieber im Haus. Später muss er bei Shauna an der Türe klopfen und sich eine Zahnbürste borgen. Nichts geschieht und doch sehr viel. Am nächsten Morgen fliegen die Männer nach Hause. Georges, bei Frauen offensichtlich unglücklich und erfolglos, in sein Junggesellendasein. Pierre, mit Shaunas Telefonnummer in der Tasche, zu seiner Frau und seinen beiden Kindern.
Am Ende fragt man sich aber auch, was wohl passieren wird, nachdem Shauna und Pierre zum letzten Mal in diesem Film gemeinsam zu sehen sind. Viel Besonderes, denn vieles hat sich verändert. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass sich dieser Augenblick schwermütig anfühlt. Die Affäre zwischen den beiden, von der „Im Herzen jung“ („Les jeunes amants“) erzählt, ist nämlich eine überaus komplizierte: Nach dem zögerlichen Beginn entzündet sich die Liebe zwischen den beiden, hastig geschriebenen Textnachrichten folgt ein erster gemeinsamer Abend – und eine Nacht. Doch während Pierre fest davon überzeugt ist, in Shauna endlich die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, ist diese zurückhaltender. Als Großmutter ist die Angst, sich in diesem Lebensabschnitt für das Falsche zu entscheiden, ungleich größer als für den Familienvater.
Ängste und Hoffnungen
Regisseurin Carine Tardieu verfilmt hier einen Stoff der isländisch-französischen Autorin und Filmemacherin Sólveigh Anspach, die 2015 verstarb und der dieser Film gewidmet ist. Tardieu beweist bei der Umsetzung ein großes Gespür für die Feinheiten einer solchen Liebesgeschichte, verweigert jede Sentimentalität in der Inszenierung und gewährt auch den Figuren im Umfeld – den Angehörigen und Freunden – noch ausreichend Platz. Womit sich eine im Grunde sogar interessantere Perspektive als jene auf das ungewöhnlich ungleich alte Liebespaar ergibt: Die blinden Flecken der anderen werden sichtbar. Denn die Ablehnung der ungewöhnlichen Beziehung hat immer auch mit den eigenen Ängsten, Vorurteilen und Hoffnungen zu tun. Georges begründet sein Entsetzen damit, dass Shauna wie „eine zweite Mutter“ für ihn sei, Shaunas alleine lebende Tochter Cécilia (Florence Loiret-Caille) will die Mutter nicht an einen Mann im selben Alter wie sie selbst verschwendet sehen. Und Pierres Ehefrau Jeanne (Cécile de France), die obendrein mit Georges im selben Labor arbeitet, sieht die für sie fatale Wendung in einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit als Familie.
Derart erweist sich „Im Herzen jung“ auch nicht bloß als Film, der von der Liebe zwischen einer alten Frau und einem wesentlich jüngeren Mann als nach wie vor gesellschaftliches Tabu erzählt. Mit der simplen Botschaft, dass eine solche Liebe wie jede andere auch ihre Chance bekommen soll, gibt sich Tardieu jedenfalls nicht zufrieden. „Im Herzen jung“ ist vielmehr ein Liebesdrama, das einen voller unbeantwortbarer Fragen auf sich selbst zurückwirft: Was sein hätte können und nie war. Was falsch hätte sein können und sich als wahr erwiesen hat. Was nur deshalb wahr wurde, weil man immer daran geglaubt hat.