Fahrraddiebe – Ladri di biciclette (Foto: Juppiter Film)
Michael Pekler · 15. Sep 2026 · Film

Neu in den Kinos: „Gentle Monster“

Im neuen Drama von Marie Kreutzer gerät das Leben einer erfolgreichen Konzertpianistin aus den Fugen: Als ihr Ehemann beschuldigt wird, in ein pädophiles Netzwerk verstrickt zu sein, tut sich ein Abgrund aus Zweifel und bitterer Wahrheit auf. Bei der Inszenierung vertraut die österreichische Filmemacherin ganz auf die Präsenz von Hauptdarstellerin Léa Seydoux.

Über die glückliche Familie im Kino hat man gelernt, dass es sie oft nicht mehr lange geben wird. In diesem Film sitzt sie zu Beginn am Frühstückstisch. Vater, Mutter und Kind leben in einem Haus am Land. Irgendwo in Bayern, wo es schön und ruhig ist. Der Vater ist Fotograf, erholt sich von einem Burnout und macht jetzt irgendwas mit Computern, die Mutter ist Konzertpianistin und der mehrsprachig aufwachsende Sohn – die Mutter stammt aus Frankreich, der Vater aus Österreich – wird mit dem Auto zur Schule gebracht. In ihrer Freizeit versuchen sie gemeinsam im Garten ein Trampolin aufzubauen. Das ist schwieriger als gedacht, weil man Sicherheitsnetze anbringen muss, doch irgendwann kann das Kind endlich springen. Das Trampolin wird auch am Ende von „Gentle Monster“ eine Rolle spielen, wenn der Herbst ins Land gezogen und die Familie ebenfalls an ein Ende gelangt sein wird.

Sturz ins Leere

Dann hat Lucy (Léa Seydoux) die härtesten Wochen ihres Lebens bereits hinter sich. Denn als eines Morgens die Polizei an die Tür klopft und sämtliche elektronischen Geräte von Philip (Laurence Rupp) beschlagnahmt, beginnt für Lucy ein scheinbar unendlicher Sturz ins Leere. Es besteht der dringende Tatverdacht, dass Philip pornografische Aufnahmen von Kindern im Internet verbreitet hat. Den Besitz streitet er gar nicht ab, denn die Beweislast ist erdrückend, sondern kontaktiert seinen Freund, der passenderweise Anwalt ist. Lucy erfährt vom ungeheuerlichen Delikt erst, als sie in München aufs Revier fährt und im Lift auf den entsprechenden Knopf drücken muss: zweite Etage, Abteilung für Sexualstraftaten. Die Trennung ist unausweichlich.

Persönliche Dringlichkeit

Man kommt nicht umhin, angesichts der Thematik an Marie Kreutzers vorigen Film „Corsage“ und den darin agierenden Schauspieler Florian Teichtmeister zu denken, der wegen des Besitzes und der Herstellung pornografischer Darstellungen Minderjähriger verurteilt wurde. Kreutzer weist im Presseheft zum Film darauf hin, dass das erste Treatment zu „Gentle Monster“ bereits davor entstanden sei und sie davon ausging, dass dieser Film eben deshalb nicht mehr zu verwirklichen sei: „Dann ist etwas Zeit vergangen und mir ist klar geworden, dass dies vielleicht sogar genau der Grund ist, weshalb ich diesen Film machen will.“ Aus aktueller Sicht spielt die Reihenfolge jedoch keine Rolle – nicht nur, weil ohnehin viele und zum Teil hervorragende Filme zum Thema existieren, wie etwa Thomas Vinterbergs „Die Jagd“. Kreutzer hat in jedem Fall eines der sensibelsten gesellschaftlichen Themen auf die Leinwand gebracht und sich damit der Schwierigkeit gestellt, dass der Film selbst – seine Erzählung, seine Charaktere, seine Gestaltung – davon überschattet wird. Sogar Tod, Suizid, Gewalt oder Krankheit bergen in dieser Hinsicht eine weitaus geringere Gefahr.

Was man glauben darf

Doch die ganze Wahrheit kommt in „Gentle Monster“ nicht schlagartig auf den Tisch. Philip behauptet zunächst, das Material für einen Dokumentarfilm gesammelt zu haben, und Lucy möchte das glauben. Gemeinsame Termine stehen an, doch die Hochzeit eines befreundeten Paares verlässt sie vorzeitig. Noch einmal werden zu dritt die Schwiegereltern im Salzkammergut besucht. Die Liebe verschwinde eben nicht über Nacht, versucht sie sich gegenüber ihrer Mutter (Catherine Deneuve), bei der sie mit dem Kind einzieht, zu rechtfertigen. Auch die Schulden für das Haus werden zum Thema. Langsam, aber unaufhaltsam rutscht Lucy, begleitet von Ängsten um den eigenen Sohn, immer tiefer in eine Leere.

Dekonstruktionen

Kreutzer ist in ihren Arbeiten, sogar in österreichischen Fernsehkrimis wie zuletzt „Acht“, stets um gesellschaftsrelevante Themen bemüht. In „Gentle Monster“ wird dieses Anliegen zuweilen stark überstrapaziert – vor allem durch die Parallelhandlung der hantigen Ermittlerin (großartig in der Nebenrolle: Jella Haase) und ihren dementen, übergriffigen Vater sowie motivisch durch Lucys professionelle Dekonstruktion von männlichen Liebesliedern auf dem Klavier bei ihren Auftritten. Der klügste dramaturgische Schachzug dieses Films ist sein akkurates Desinteresse an der Persönlichkeit Philips und einem sogenannten Täterprofil. Große Achtung gebührt – der leider vom Drehbuch wiederholt im Stich gelassenen – Léa Seydoux, wenn sie in wenigen Sekunden durch bloße Mimik und Körperhaltung zum Ausdruck bringt, welchen Kampf Lucy auszufechten hat: gegen sich selbst.

ab 17.9. Cinema Dornbirn, ab 19.9. TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)