Arbeiten der Künstlerin Maggy Mauritz (Foto: Paul Trummer)
Peter Füssl · 15. Sep 2026 · CD-Tipp

Ayumi Tanaka / Thomas Morgan / Thomas Strønen: Windflower

„Ich möchte Musik komponieren, die wie eine Improvisation klingt, und Musik improvisieren, die so klingt, als wäre sie geschrieben worden“, erklärt die 1986 in Japan geborene und seit 2011 in Oslo lebende Ayumi Tanaka, die dort an der Norwegischen Musikakademie studierte und längst zu den Produktivkräften der skandinavischen Impro-Jazz-Szene zählt.

Ein wichtiger Wegbereiter und Wegbegleiter für sie ist der vielbeschäftigte Schlagzeuger Thomas Strønen, in dessen Ensemble „Time Is A Blind Guide“ sie auf den beiden Alben „Lucus“ (2018) und „Off Stillness“ (2025) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Diese erschienen ebenso bei ECM wie das Trio-Album „Bayou“ (2021) von Tanaka, Strønen und der Klarinettistin Marthe Lea, oder das zweite Album des Ayumi Tanaka Trios (mit Dummer Per Oddvar Johansen und Kontrabassist Christian Meaas Svendsen) „Subaqueous Silence“ (2021). Es überrascht also nicht, dass das Album „Windflower“ des neuen Trios von Ayumi Tanaka mit Strønen und dem unglaublich gefragten US-Kontrabassisten Thomas Morgan in den vom Münchner Label viel frequentierten Studios La Buissonne in Südfrankreich aufgenommen und von ECM-Chef Manfred Eicher höchstpersönlich produziert wurde.

 


 

 


 

Tatsächlich kommt Ayumi Tanaka der eingangs zitierten Idealvorstellung sehr nahe, denn es ist praktisch unmöglich, aus dem neun Stücke umfassenden Konvolut, das eine durchkomponierte Stück („La Source“) herauszufinden, das perfekt in acht, zwischen zweieinhalb und sechs Minuten lange Gruppenimprovisationen eingebettet ist. Die drei interagieren höchst sensibel und intuitiv aufeinander, versorgen sich wechselseitig mit Impulsen und lassen sich voneinander inspirieren. Hier wird auf Reduktion statt auf Opulenz gesetzt und stets mit feiner Klinge gefochten. Es ist ein ruhiges und unaufgeregtes Erforschen gemeinsamer Klangräume, in denen man auf eine wohltuende Balance achtet und in denen auch die Stille zur kreativen Ausdrucksform wird. Das ist in diesen Chamber-Jazz-artigen Improvisationen vermutlich jener Punkt, an dem japanische Tradition und nordische Klangwelten aufeinandertreffen. Thomas Strønens Spiel ist eigentlich ein höchst einfühlsames und nuancenreiches Dauersolo, das allein schon stets die notwendige Grundspannung aufrechterhalten würde. Dazu lässt Thomas Morgan, der mittlerweile auch schon auf 16 ECM-Alben vertreten ist, sein breitgestreutes Ausdrucksvokabular auf dem Kontrabass zur Wirkung kommen, grundiert mit federleichten Einwürfen ebenso wie mit satten, aber etwas abstrahiert wirkenden Walking-Bass-artigen Linien. Das harmoniert alles perfekt mit Tanakas sparsamen, lyrisch mäandernden Klavierläufen und impressionistischen Klangbildern. „Windflower“ ist die englische Bezeichnung für die Anemone (Buschwindröschen), die in vielen Kulturen als Symbol für die Vergänglichkeit der Schönheit gilt – in dieser musikalischen Form ist sie jedenfalls zeitlos.

(ECM/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.