In der Parallel Kitchen auf einen Blick: Christine Lederer, Paul Renner sowie die schmucken Biertische und -bänke von Lukas Weithas. (Foto: MPS)
Silvia Thurner · 29. Okt 2023 · Musik

Musik und Horror-Sience-Fiction

Eine für alle Seiten bereichernde Erfahrung

Die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik suchten in diesem Jahr den Kontakt zur „Stella Vorarlberg Privathochschule“ und luden Studierende zum gemeinsamen Musizieren ein. Der britische Komponist Neil Luck sowie Paul Beckett, Björn Wilker und Florian Müller vom Klangforum Wien erarbeiteten mit den Studierenden das instrumentale Theater „Real Telepaths“. Sowohl für die Mitwirkenden als auch für die Zuhörenden stellte die Performance eine Herausforderung dar, doch die Aufführung beeindruckte und bereicherte die diesjährigen BTtzM in der Remise Bludenz maßgeblich.

Es ist kein Leichtes, Studierende mit variabler Instrumentenbesetzung, Profimusiker und einen zeitgenössischen Komponisten zusammenzuführen und alle auf Augenhöhe miteinander in Beziehung zu bringen. Doch dem britischen Komponisten Neil Luck gelang dies mit seinem Werk „Real Telepaths“, das auf einer beeindruckenden Idee beruht. Bereits im vergangenen Jahr wurde das „Instrumentale Theater“ bei den Klangspuren Schwaz gezeigt. Doch jede Aufführung nimmt durch die flexible Besetzung und die unterschiedlichen musikalischen Ausgangsmaterialien eine andere Gestalt an. Deshalb wurde die Bludenzer Version mit Spannung erwartet.
Zehn Studierende erarbeiteten mit den Profis das eindrückliche Werk, das bei der Aufführung in der Remise Bludenz die Zuhörenden sogleich in seinen Bann zog. Als Grundlage dienten musikalische Passagen aus diversen Musikstücken, die die Ensemblemitglieder mitgebracht hatten. Während des Entstehungsprozesses wurden die musikalischen Versatzstücke von Alina Martin und Annabell Florian (Bfl), Urs Rickmann (Rh), Stefan Negurici (Ob), Amin Asgari (Git), Philipp Roman (Perc.) Alina Winsauer (Cl), Paula Barrocal (Vl1), Olga Khicheva (Vl2) und Maria Gay Fernandes (Vc) in ein Gesamtkontinuum gegossen.
Als Ausgangspunkt für die Performance verwendete Neil Luck den Horror-Sience-Fiction-Film „Der Kopf, der nicht sterben durfte“ aus dem Jahr 1962. Darin versucht ein verrückter Wissenschaftler den noch lebendigen Kopf seiner Geliebten auf einen Körper zu transplantieren. Neil Luck selbst führte als „Erzähler“ durch das Stück. Grotesk wirkte dabei seine Stellung während der Performance, denn mittels Augenbinde und Kopfhörern schaltete er seinen Seh- und Hörsinn aus. Musikalisch entwickelten sich bis zu den Filmprojektionen hin spannende Beziehungsgeflechte zwischen dem Erzähler, den Bandzuspielungen und den real agierenden Musiker:innen.
Anregend und bildhaft agierte das Ensemble auf die „Erzählung“ des Protagonisten, indem unterschiedlich angelegte Klangfarben und Energieverläufe miteinander korrespondierten sowie Spiegel- und Reflexionsflächen boten. Während Neil Luck, bezugnehmend auf den Film, unter anderem Bilder von einzeln agierenden Körperteilen und Charakteren in den Raum setzte, entwickelte sich zwischen den Ensemblemitgliedern mitteilsame Beziehungsgeflechte. Eindrücklich wirkten jene Abschnitte, in denen Zitate solistisch in den Klangvordergrund traten. Auch der direkte Austausch des beatboxenden Komponisten mit dem Perkussionisten lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. In Erinnerung blieb jene Passagen, in denen der Atem und die Charaktere der filmischen Hauptprotagonisten musikalisch gedeutet und dabei viel Energie freigesetzt wurde. Der tonale Kontext in einer abschließenden Passage ließ aufhorchen. Sehr rasch verwies die Filmzuspielung am Schluss die Musik in den Hintergrund, denn wie immer wirkten die visuellen Reize einiges stärker als die akustischen.
Die Zusammenarbeit der Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik mit der Stella Vorarlberg Privathochschule war sowohl für das Festival als auch für die Studierenden und das Publikum eine große Bereicherung. Neil Luck und die Musiker:innen regten durch die Verbindung zwischen Erzählung, Sprache, Zuspielung mitsamt Soundeffekten, realen Instrumentalklängen und Filmsequenzen die Fantasie an und rüttelten mit ihrer speziellen Performance auf.

Die Folgen des Schocks nach dem Missbrauchs

Vor der Aufführung von „Real Telepaths" hielt Roland Zag einen Vortrag. Er stellte Überlegungen über die Neue Musik und Öffentlichkeit in der Gegenwart an. Sein Streifzug war interessant, aber ziemlich einseitig. Aufhorchen ließ Roland Zag mit dem Gedanken, dass der Missbrauch der klassischen Musik durch die Nationalsozialisten sehr tiefgreifende Spuren hinterlassen hat, die nie ernsthaft aufgearbeitet worden sind. Um einen derartigen Missbrauch in Hinkunft unmöglich zu machen, hätten sich die Musikschaffenden im Bereich der Neuen Musik nach dem Krieg und fortan vorgenommen, ihren Kompositionen das erzählerische musikalische Moment zu entziehen, legte Roland Zag dar. Eine Folge davon seien nun das mangelnde Publikumsinteresse und die geringe gesellschaftliche Relevanz der zeitgenössischen Musik. Schließlich plädierte Roland Zag dafür, das Narrative in der Musik wieder zuzulassen sowie die Komposition und Reproduktion von den strikten hierarchisch patriarchalen Strukturen zu lösen. Das nachfolgend aufgeführte instrumentale Theater von Neil Luck erfüllte diese Kriterien.

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