Flaue und starke Gefühle mit Neuer Musik
Das Klangforum Wien und das Ensemble Nikel gastierten in Bludenz
Die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik fanden bereits zum 34. Mal statt. Seit 2014 ist Clara Iannotta die künstlerische Leiterin des Festivals. Sie bringt alljährlich die renommiertesten Ensembles im Bereich der Aufführung zeitgenössischer Musik nach Bludenz und macht damit hierzulande nicht alltägliche musikalische Erlebnisse möglich. Begeisterung riefen das Ensemble Nikel und die Altistin Noa Frenkel mit ihrem Konzert hervor. Mit großer Vorfreude wurde das Klangforum Wien unter der Leitung von Lin Liao erwartet, doch die eher flaue Werkauswahl erfüllte die Erwartungen nicht.
Alljährlich vergeben die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik Kompositionsaufträge an junge Komponist:innen. Das Klangforum Wien stellte unter anderem zwei neue Werke von Giulia Monducci und Jessie Cox vor. Unterschiedliche Energielevels und Dichtegrade entfaltete Giulia Monducci in ihrer Komposition „AVENUE #3 Aftermath of he Overflow“, indem sie mikrotonale Abweichungen und Spaltklänge um Zentraltöne kreisen ließ. Jessie Cox experimentierte in seinem Werk „Time is nothing but a Story“ mit Tonqualitäten und Obertonklängen und deren Wirkungsgraden durch präparierte Saite sowie unterschiedlichen Bogenbewegungen. Die Musiker:innen des Klangforums Wien agierten professionell, doch der Aussagegehalt der Werke war eher gering. So stellte sich das unbefriedigende Gefühl einer vertanen Chance ein. Das Klangforum Wien hat ein herausragendes Potential, und wenn das Ensemble schon im Land gastiert, würde man sich auch die Darbietung arrivierter Kompositionen wünschen.
Auch die Aufführung von Karen Powers Komposition „… if left to soar on winds wings …” hielt der eher flauen Stimmung im Saal wenig entgegen. Zwar wurde eine Zuspielung von Windgeräuschen reizvoll in Beziehung zu realen Instrumentalklängen gesetzt und einige Texturen und energetische Klangflächen erregten die Aufmerksamkeit. Doch unweigerlich mündete der musikalische Fluss in allseits bekannte atmosphärische 'Natursounds'.
Mit der Uraufführung des Werkes „Welcome home Honey“ von Georgia Koumará weckten Brian Archinal am Schlagzeug und Francesco Palmieri an der E-Gitarre Interesse. Die melodischen Bezugspunkte zwischen der Gitarre und dem Drumset entwickelten spannende Dialoge und unterbreiteten sich gegenseitig anregende Umgebungsfelder.
Ensemble Nikel – zum dritten Mal in Bludenz
Das Ensemble Nikel mit Brian Archinal (Perkussion), Yaron Deutsch (E-Gitarre), Antoine Francoise (Klavier) und Patrick Stadler (Saxophon) sowie die Altistin Noa Frenkel boten am zweiten Festivalabend ein herausragendes Konzert. Bereits mit der Uraufführung von Lorenzo Troianis „Marea dentro“ kam Begeisterung auf. In diesem Werk entfalteten die Musiker ein Klangkontinuum, das von harten Schlägen der Perkussion und des Klaviers unterbrochen wurde und sodann packende Korrespondenzen aufbaute. Selbstverständlich lebte die Werkdeutung auch von der ungewöhnlichen Besetzung mit Saxofon, E-Gitarre, Schlagzeug und Klavier, die mannigfaltige Klangmöglichkeiten bot. Eindrücklich schälten die vier Individualisten des Ensemble Nikel in „Sh’vira“ von Sarah Nemtsov das Innenleben der einzelnen Stimmen heraus und brachten die Tonlinien in Verbindung zueinander.
Den Höhepunkt des Abends stellte Rebecca Saunders „Us Dead Talk Love“ nach einem Text von Ed Atkins dar. Die emotionale Sprach- und Gesangstechnik von Noa Frenkel, die Kommunikation der Musiker mit der Sängerin und die reflektierenden Instrumentalpassagen boten spannungsgeladene Hörerlebnisse. Abschnittweise wirkte die Sängerin wie in Konfrontationsstellung zu den Ensemblemusikern, so dass sich ein intensives Kräftemessen entwickelte.
https://www.allerart-bludenz.at/bludenzer-tage-zeitgemer-musik/2023