Zwischen Herbstblättern und Urwaldüppigkeit - Das Schaerer-Niggli Duo am Spielboden
„Kunst ohne Werk“ hat man die freie Improvisation auch schon genannt, gar so frei ist sie freilich nicht, außer vielleicht man hält sich an die strengen Regeln der „non-idiomatischen“ Improvisation nach Derek Bailey, in der versucht wird, alles vorher Erworbene zu tilgen. Keine Rückgriffe auf bekannte Muster, keine Wiederholungen, keinen Rhythmus, schon etwas streng also. Glücklicherweise sehen das Andreas Schaerer und Lucas Niggli nicht so eng, gerade unter Einbeziehung aller möglichen Mittel, denn sie sorgen mühelos für ein außerordentliches Hörerlebnis.
„Kunst ohne Netz“, so könnte man ein ausschließlich improvisiertes Konzert auch nennen, denn die Gefahr von Leerläufen und Längen ist evident. Man kann dem durch den Gebrauch einiger Grundmuster entgegenwirken und es scheint, die beiden Schweizer tun genau das auch. Der dramaturgische Aufbau des ganzen Abends vom verhaltenen Beginn zum intensiven Ende mag dafür ein Beispiel sein.
Wie auch immer, beide sind erfahrene Improvisatoren, das spürt man in jedem Moment und besonders dann, wenn die enge Interaktion der beiden fast schon nach Komposition klingt. Man hört aufeinander, man ergänzt einander, womit die wichtigsten Eigenschaften in diesem Kontext schon einmal erfüllt sind.
Meister der Dynamik
Daneben ist natürlich auch das Vokabular der Protagonisten entscheidend. Lucas Niggli kennt man schon von einigen Auftritten mit verschiedenen Ensembles. Er ist neben aller Virtuosität ein Meister der Dynamik und weiß aus seinem umfangreichen Schlagwerk allerhand Ungehörtes zu entlocken. Überdies beweist er, dass Klappern, Riesenbohnen und der übliche andere Firlefanz, den auch öde Latin-Perkussionisten immer wieder gern dabei haben, im Zusammenspiel z.B. mit Plastikflaschen auch sinnvoll und originell eingesetzt werden können. Wie intensiv sein Spiel werden kann, ist übrigens in seiner Formation „Steamboat Switzerland“ nachzuhören, dort bleibt kein Stein auf dem anderen. Versprochen!
Andreas Schaerer ist derzeit der Shooting-Star unter den Vokalisten - und das völlig zurecht. Mithilfe von gar nicht mal üppiger Elektronik und einem Mikrofon geht er enthusiastisch zu Werke, so, dass er schon mal sein halbes Equipment vom Tisch fegt. Das kann klingen wie ein (täuschend echtes) Trompetensolo über eine imaginäre Jazzballade oder wie ein Dschungelszenario mit allerhand wildem Getier. Andere Assoziationen: ein säuselnder Chet Baker, eine angesagte Techno-Party von außen, ein Mongole, der in den Schweizer Bergen fleißig Dreiklänge geübt hat. Nicht zu vergessen die vokale Perkussion, dicht verzahnt und manchmal kaum unterscheidbar von Nigglis Trommeln.
„Kunst ohne Netz“ ist das schon, ein Netz scheinen die beiden aber ohnehin nicht nötig zu haben.