Das PulsArt Ensemble der Stella Privathochschule in Feldkirch (Foto: Victor Marin)
Silvia Thurner · 18. Aug 2016 · Musik

Von der Sprachlosigkeit über das Singen zur Emotion – „Make no Noise“ von Miroslav Srnka mit hervorragenden Hauptdarstellern realisiert

Vor fünf Jahren wurde die Kammeroper „Make No Noise“ von Miroslav Srnka in München uraufgeführt. In einer neuen Inszenierung war das Werk nun im Rahmen der Bregenzer Festspiele auf der Werkstattbühne zu sehen. Die Dramatik der Oper entwickelte sich vor allem durch die gesanglichen und darstellerischen Qualitäten der Sopranistin Measha Brueggergosman als Hanna. Auch Holger Falk als Joseph verkörperte den traumatisierten Arbeiter gut, der mit der aufkeimenden Liebe zu Hanna und gemeinsam mit ihr allmählich wieder zum Singen und zum Gefühl findet. Drastisch wirkte das Bühnenbild von Katrin Connan, denn die beckenförmige Spielfläche war mit einem Ölschlick bedeckt und bestimmte als wesentliches Element die szenische Atmosphäre mit. Das „ensemble modern“ unter der Leitung von Dirk Kaftan musizierte hervorragend. Einen besonderen Eindruck hinterließen überdies die elektronischen Zuspielungen von Olivier Pasquet und die Klangregie von Norbert Ommer.

Der Komponist Miroslav Srnka und der Librettist Tom Holloway entwickelten in enger Zusammenarbeit, von Isabel Coixets Film „The secret life of words“ ausgehend, einen dramatischen Plot. Auf einer Bohrinsel treffen sich die beiden traumatisierten Hauptprotagonisten Hanna und Joseph. Durch ihre gegenseitige Zuneigung finden sie allmählich ihre Sprache und den Gesang wieder. Die Geschichte gewährt der musikalischen Gestaltung und dem Gesang viel Raum, um sich zu entwickeln. Formal hat Miroslav Srnka die Oper originell und auch mutig angelegt. Aufgrund ihrer Sprachlosigkeit geben die Hauptpersonen zuerst lediglich fragmentarische Floskeln mit engem Ambitus und vielen Tonrepetitionen von sich. Das Ensemble kompensiert die Unfähigkeit von Hanna und Joseph sich mitzuteilen und zu kommunizieren. Während Hanna und Joseph allmählich ihre Ausdruckskraft wieder gewinnen, wird der musikalische Fluss immer mehr zurückgenommen. Besonders in den facetten- und klangfarbenreich angelegten Klangflächen finden sich die stärksten Momente der vierteilig angelegten Oper, die mit Soli von Hanna und Joseph endet.

Die Hauptakteure führen zwar Dialoge, aber sie kommunizieren nicht miteinander, erklärte Mirsolav Srnka in der Werkeinführung. Genau hierin offenbarte sich die Schwäche der Oper, denn insgesamt hatte das Werk einige Längen, vornehmlich im dritten Teil, als der unvermittelt schnell genesene Joseph „Im Institut“ Hanna aufsucht.

Herausragende Solisten


Die Sopranistin Measha Brueggergosman brachte ihre Kommunikationsunfähigkeit großartig zum Ausdruck. Sie sang gepresst und man konnte ihre Qual fast physisch miterleben. So eindringlich war dies vor allem auch deshalb nachvollziehbar, weil Miroslav Srnka für Hannas Zustände ein leitmotivisches musikalisches Szenario entworfen hatte. Sinusförmige grell instrumentierte Töne mit sirenenartigen Glissandi nach unten in der Violine sowie in hohen Lagen klingende Liegetöne versinnbildlichten ihr Trauma. Weniger ausgeprägt war dies bei Joseph, gut interpretiert von Holger Falk, nachvollziehbar. Zwar stammelte er und sein stockender Atem implizierte, dass es auch ihm schwer fiel, sich zu artikulieren. Allerdings wirkten in diesen Passagen die musikalischen Ausdrucksformen weniger intensiv. In den weiteren Rollen überzeugten Annika Schlicht als Inge, Taylan Reinhard als Worker und Simon sowie Maciej Idziorek als Boss bzw. Martin.

Überzeugende Klangregie


Es war eine ausgezeichnete Idee, das Ensemble ganz oben auf der Zuschauertribüne zu postieren. So kam der Raumklang zur Geltung und nahm das Publikum in die Mitte. Das „ensemble modern“ unter der Leitung von Dirk Kaftan brachte die spezifischen Klangqualitäten und die Bewegungsenergien der Musik gut zur Geltung. Miroslav Srnka hat den einzelnen Stimmen viel Gewicht beigemessen und die vokalen Linien von Fragmenten bis zu lyrischen Passagen angelegt. Allerdings war die Einbettung der Gesangslinien in den Orchesterpart nicht durchgängig überzeugend. So wirkte der Gestus der Orchesterparts teilweise plakativ konstruiert. Gegenläufige Bewegungsmuster sowie die Kombination von Chromatik und Skalen oder Akkordzerlegungen sollten die emotionalen Erregungszustände darstellen, wirkten jedoch eher oberflächlich aufgewühlt.

Bemerkenswert gut standen die elektronischen Zuspielungen von Olivier Pasquet im Raum. Sie überhöhten die jeweiligen Szenen, hoben die Zeit auf und hinterließen eine eindrückliche Wirkung. Verstärkt wurde die durchdachte und eindrückliche Inszenierung von Johannes Erath durch eine kluge Lichtkonzeption von Markus Holdermann.

Ein Sumpf als Sinnbild


Die kommentierenden und reflektierenden Darsteller, die wie Phantome in das Geschehen einbezogen waren, unterstrichen die psycholgischen Metaebenen von Hanna und Joseph. Und auch der grausige Schlick, in dem sich beinahe alle handelnden Personen zu bewegen hatten, stand sinnbildlich für Hannas und Josephs persönlichen Sumpf. Allein die ‚schlurfige’ Gangart und die damit verbundene Körperhaltung brachte dies eindringlich zum Ausdruck.