Chris Haring/Liquid Loft beim tanz ist Festival am Spielboden Dornbirn (Foto: Stefan Hauer)
Anita Grüneis · 26. Aug 2022 · Musik

Jonas Kaufmann beim Vaduz Classic Festival – eine Sternstunde

Das diesjährige Vaduz Classic Festival erlebte mit dem Eröffnungskonzert am Donnerstag einen höchstkarätigen Auftakt – mehr geht nicht! Das Programm war mit ausgesuchten Arien aus Oper und Operette klug aufgebaut, das Sinfonieorchester Liechtenstein SOL spielte unter der Leitung von Jochen Rieder absolut souverän und Jonas Kaufmann bewies einmal mehr, dass er den Titel «Star-Tenor» zu Recht trägt. Die Duette sang er mit der erstklassigen Sopranistin Rachel Willis-Sørensen, und da beide mit viel komödiantischem Talent ans Werk gingen, wurden die Arien zu kleinen Schauspiel-Szenen und das Konzert zum höchst vergnüglichen Abend.

Opernwerke von Ruggero Leoncavallo, Giacomo Puccini und Umberto Giordano bildeten den ersten Teil des Abends, die sogenannte «Leichte Muse» war im zweiten Teil mit Operettenliedern von Franz Lehar, Johann Strauss und Ralf Erwin zu hören. Die Moderation übernahm Jonas Kaufmann gleich selbst und meinte nach dem Auftakt mit Leoncavallos «Prologo» aus «I Pagliacci» mit einem Schmunzeln: «Wenn Sie sich nun fragen, ob sie ein Bariton- oder Tenorkonzert gebucht haben – das war nur ein kleiner Ausflug». Er kann eben beides – sowohl die weichen Tiefen als auch die vollen Höhen. Und noch viel mehr. Das bewies er während des gesamten Konzerts. Jonas Kaufmann lebt seine Rollen, er singt sie nicht nur. Und so machte er bei Giacomo Puccini die Magie der Melodien deutlich, dies auch gemeinsam mit Sopranistin Rachel Willis-Sørensen. Das Duett «Oh soave fanciulla» aus «La Boheme» geriet mit ihrer strahlenden Höhe und der Wärme seines Tenors zu einem dramatischen Highlight. Jonas Kaufmann brillierte bei Puccinis «Turandot», er sang das «Non Piangere, Liu» mit viel Innigkeit und sehr zurückgenommen. Auch bei Umberto Giordanos «Improvviso» aus der Oper «Andrea Chenier» bewies er, dass Opernsänger heute nicht mehr schmettern müssen wie einst Franco Corelli oder Mario Lanza, sondern dass die Dramatik in der Interpretation liegt – Jonas Kaufmann ist ein Meister darin und lud mit seiner lyrisch-dramatischen und innigen Darbietung zu einem «Tag im azurblauen Raum» ein.

Ein bestens disponiertes Sinfonieorchester Liechtenstein SOL

Schon im ersten Teil des Konzerts wuchs das Sinfonieorchester Liechtenstein unter der Leitung von Jochen Rieder über sich hinaus. Das zeigte sich sowohl bei der Begleitung der Solisten – wobei der Dirigent äußerst feinfühlig und atemgenau auf die Interpretationen achtete – als auch bei den konzertanten Stücken wie beim Intermezzo von Puccinis «Manon Lescaut». Energiegeladen und zugleich sensibel erzählte das Orchester von Manons Gefangenschaft und ihren Gefühlen. Auch später, in der Polka „Leichtes Blut“ von Johann Strauss,  bewies das SOL seine Qualität als spielfreudiges, leidenschaftliches und klangstarkes Orchester.

Wenn die leichte Muse Tiefe bekommt

Der zweite Teil des Abends war der Operette gewidmet, die oft als «Leichte Muse» geschmäht wird. Dass dies völlig zu Unrecht geschieht, bewies Jonas Kaufmann, der jedes einzelne Lied zu einer Geschichte werden ließ. Er behauptet mit Franz Lehars «Guiditta» im Brustton der Überzeugung «Freunde das Leben ist lebenswert» und blickte bei den Zeilen «Dort vom Fenster des Palazzos» mit einem Augenzwinkern auf das hoch oben liegende Schloss Vaduz. Doch von dort fielen keine dunkelroten Rosen, auch wenn die Cavatina des Tenors zärtlich und herzschmelzend war. Später bewies er mit Rachel Willis-Sørensen und dem «Wiener Blut» seine stimmlichen Schmeicheleinheiten, mit Ralph Erwin küsste er die Hände der Madame und lud sie verführerisch in sein blaues Himmelbett ein. Die «Lustige Witwe» Rachel Willis-Sørensen antwortet ihm mit einem dem kraftvollen Vilja-Lied, woraufhin dann beiden behaupten «Lippen schweigen, flüstern Geigen». «Die leichte Anzüglichkeit der Texte», wie sie Jonas Kaufmann nannte, begeisterte das Publikum. Zudem gab er den Texten eine tiefe volkstümliche Herzlichkeit. Bei seinem inbrünstigen «Dein ist mein ganzes Herz» lächelte nicht nur das «Land des Lächelns», sondern jeder und jede im Publikum. Als er dann bei der zweiten Zugabe das elfmalige Schlagen der Vaduzer Kirchturmuhr abwartete und dann Puccinis «Nessun dorma» intonierte, war an Schlaf wirklich nicht mehr zu denken – das Konzert dauerte fast bis Mitternacht, denn insgesamt schenkten Jonas Kaufmann, Rachel Willis-Sørensen, das SOL und Dirigent Jochen Rieder dem Publikum sechs Zugaben! Gemäß dem Motto «From Austria with love» sang Jonas Kaufmann zum Schluss «Wien, Wien, nur du allein» - diesmal als Rausschmeißer! Dann machte sich das Publikum endlich auf den Heimweg.
Zu Beginn des Konzert-Abends gab Ernst Walch, vor fünf Jahren Gründungsmitglied und seitdem Verwaltungsrats- Präsident von Vaduz Classic, bekannt, dass er sein Amt an den «Ur-Liechtensteiner» Industriemanager Philipp Elkuch übergeben wird. Dieser fügte hinzu, dass er ja auch ein halber Österreicher sei und passte damit bestens zum diesjährigen Motto des Festivals «From Austria with love».

www.vaduzclassic.li