Neu in den Kinos: „The Bikeriders“ (Foto: Focus Features)
Anita Grüneis · 24. Feb 2018 · Musik

Fazil Say - der temperamentvolle Poet am Klavier im Vaduzersaal

Fazil Say ist einer der besten Pianisten und Komponisten unserer Zeit. Er ist zudem ein genialer Erzähler musikalischer Geschichten. Sein Instrument ist das Piano mit all seinen Facetten, denn für Say sind die Tasten keine Drück-Mechanismen, sondern der Eingang zu einem geheimnisvollen Reich. Auch das Innere des Klaviers wird von ihm erforscht und in seine Geschichten eingebaut. Das wird deutlich in seinem selbst komponierten „Black Earth“, das er als Zugabe spielte. Ein zauberhaftes Werk!

Der Stratosphären „Space Jump“ in Noten gepackt

Das Publikum wurde jedoch zunächst für den Abend im Vaduzersaal vom Luzerner Sinfonieorchester mit Friedemann Bachs Sinfonie F-Dur, der „Dissonanzen-Sinfonie“ eingestimmt. Nach der eher getragenen und ein wenig melancholisch klingenden „Ouvertüre“ setzte Fazil Say mit seinem 2013 in Istanbul fertiggeschriebenen „Space Jump“ einen ersten Höhepunkt. In diesem Werk beschreibt er das spektakuläre Medienereignis aus dem Jahr 2012, bei dem der Österreicher Felix Baumgartner aus der Stratosphäre mit einem Fallschirm zur Erde sprang. Say war beim Zuschauen vor dem Fernseher derart fasziniert, dass er seine Emotionen zu einem Klaviertrio verarbeitete. In Vaduz stellte er dieses Werk gemeinsam mit der Konzertmeisterin Lisa Schatzmann und dem Cellisten Heiner Reich vor. Nach einem spielerisch leichten und manchmal verträumten Beginn schien der Ton zu entschwinden, kehrte jedoch vehement zurück, Cello und Geige beschrieben Nervosität und Ängste, bis dann das Klavier den Absprung signalisierte und sich Kaskaden von Adrenalin-Schüben ergossen. Die Landung klang versöhnlich, auch wenn sich hin und wieder Erinnerungen an das Erlebte aufbäumten.

W.A. Mozart und Fazil Say – zwei geniale Musiker

Nach diesem emotional starken Stück wirkte Mozarts „Konzert für Orchester und Klavier Nr. 1 F-Dur“ zunächst wie ein Relikt aus der Vergangenheit, änderte sich aber mit Fazil Say im „Andante“ in eine tänzerische Ballade, bei der der Künstler mit den Noten Mozarts über diesen einzigartigen Komponisten Wolfgang Amadeus erzählte, der die Musik schreibend aus sich heraus fließen ließ, geradeso wie Fazil Say seine Töne mit Handbewegungen in den Raum zu schubsen schien. Beim „Allegro“ sang der Pianist lautlos mit und fegte mit nahezu kindlicher Spielfreude über die Tasten.

Mit einem rasanten „Presto“ ging es nach der Pause weiter, als wiederum das Luzerner Sinfonieorchester das Publikum einstimmte – diesmal mit Joseph Haydns „Sinfonie Nr. 59 A-Dur, der „Feuersinfonie“. Kennzeichnend für die Sinfonie sind starke Motive und heftige dynamische Gegensätze. Dies zeigte sich im ersten und im zweiten Satz, während der vierte Satz vom überraschend starken Einsatz der Bläser geprägt wurde, die eine Fanfare im Fortissimo spielten und damit den Startschuss zum Finale gaben. Das Orchester bewies dabei, wieviel Temperament in jedem einzelnen von ihnen steckte und die Sinfonie endete mit Sturm- und Drang.

Der phänomenale Pianist aus anderen Sphären

Ebenfalls mit einem Allegro begann das „Klavierkonzert Nr. 12 A-Dur“ von W. A. Mozart. Und wieder verblüffte Fazil Say mit seinem genialen Spiel. Aus ihm strömte die Mozartische Musik wie einst die Verdi-Arien aus dem Körper von Startenor Luciano Pavarotti. Die Noten schienen sich von selbst zu spielen, Fazil Says Finger berührten kaum die Tasten und doch differenzierte er die Anschläge präzise, schien sie sogar abzuwiegen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, dass immer noch ein kleiner Zusatzton Platz hatte. Während des Spiels schaute er ins Publikum, als hole er sich Inspiration, blickte ins Orchester, als wolle er es mit seiner Leidenschaft anstecken. Dabei war Fazil Say mit seinem Klavier selbst ein ganzes Orchester.

Nach der zweiten Zugabe war eines klar: Beim nächsten Konzert im Vaduzersaal sollte Fazil Say ausschließlich seine eigenen Kompositionen spielen. Allerdings: Welches Orchester kann ihn in seinen Sphären begleiten? Schwierig!