Das Nederlands Dans Theater 2 beim Bregenzer Frühling (Foto: Udo MIttelberger)
Thorsten Bayer · 21. Dez 2015 · Musik

Endstation Sehnsucht – DAWA und Esteban´s am Spielboden Dornbirn

Fans von handgemachtem melancholischem Singer-Songwriter-Pop hatten am Samstagabend gleich doppelten Grund zur Freude: DAWA und Esteban´s boten zum Abschluss ihrer Österreich-Tourneen sehens- und hörenswerte Shows.

Christoph Jarmer hat bereits drei Soloalben als Esteban´s veröffentlicht und mit der Single „Time Bomb“ sogar vor drei Jahren schon Platz eins der FM4-Charts erobert. Dennoch kennt man ihn in erster Linie als langjährigen Gitarristen der Band Garish, an der Seite seines älteren Bruders und Bandleaders Thomas. Von „divergierenden künstlerischen Interessen“ ist auf der Garish-Homepage die Rede, „die uns zum schwierigen Entschluss gebracht haben, Garish fortan zu viert weiterzuführen.“ Abgezeichnet hatte sich diese Entwicklung schon länger, nun ist der Bruch endgültig vollzogen. „In Rebellion“ hieß Esteban´s Vorgängeralbum. Auf dem neuen, im Februar erschienenen Nachfolger „Overthrown“ präsentiert sich Christoph Jarmer nicht mehr als Rebell, der Umsturz ist geschafft. Nicht nur musikalisch, auch privat findet er sich in einer neuen Rolle, nämlich als Vater, wieder.

Lichte Momente

An den Spielboden hat er zwei sehr jugendlich wirkende Musiker mitgebracht, die ihn an Keyboard und Drums unterstützen. Die drei spielen schnörkellose Songs, die sie auch ebenso vortragen. Eine Unterscheidung ist ihm wichtig: Bitte nicht Künstler und Kunstwerk verwechseln! Ansonsten müsste man in seinem Fall tatsächlich einen ziemlichen Trauerkloß vermuten, der zum Lachen in den Keller geht. Im Gespräch mit Katarzyna Makusz auf unimag.at antwortete er auf die Frage, wie er seine Musik schreibe: „Keine Ahnung, das kann ich gar nicht beeinflussen. Der Großteil geht natürlich von der Gitarre aus; ich spiele großteils Moll-Akorde, weil sie mir einfach am besten gefallen. Es liegt auch daran, was für eine Art von Musik ich privat höre – das ist halt eher melancholische, würde sogar sagen deprimierende und nicht Happy-Peppy-Style-Musik.“
Eine Kostprobe dieser Haltung und seines Musikgeschmacks liefert eindrucksvoll die einzige Coverversion seines Auftrittes, die er als Zugabe spielt: „Roads“ von Portishead. Wenngleich er die – zugegebenermaßen schwer erreichbare – Sehnsucht des Originals nicht transportiert: Eine ungewöhnliche und eindrucksvolle Version gelingt ihm und seinen Kollegen allemal. Die eigenen Songs sind handwerklich einwandfrei, auf die Dauer allenfalls etwas eintönig. Und neben vielen traurigen Momenten gibt es auch Lichtblicke, wenn er beispielsweise im Titelsong „Overthrown“ singt: „I want to catch some sunrays“. Der Gesamteindruck ist zweifellos positiv. Das liegt nicht zuletzt an den staubtrockenen Sprüchen des 34-Jährigen – und an der schönen Idee, einen Song akustisch inmitten der Zuschauer zu spielen.

Kammerkonzert und Indiepop-Show in einem

Locker-flockige Moderationen sind die Sache des Frontmanns der nächsten Band nicht. Dafür hat John DAWA unübersehbare andere Talente als ausdrucksstarker Sänger und mitreißender Gitarrist. Als „die männliche Antwort auf Tracy Chapman“ hat der Standard ihn treffend bezeichnet. Was ihm an Charisma fehlt, machen seine Kollegen auf der Bühne mehr als wett: Oama Richson (Cajón/Percussion) kriegt das breite Grinsen gar nicht mehr aus seinem Gesicht und lässt die dunklen Dreadlocks ordentlich fliegen. Dass er erst vor wenigen Monaten den Part von Norbert Kröll übernommen hat, ist angesichts seiner Präzision und Abstimmung mit den anderen kaum zu glauben. Barbara Wiesinger überzeugt mit einer wunderschön gesetzten Zweitstimme und purer Lebensfreude an Percussion und Glockenspiel. Cellistin Laura Pudelek freut sich spürbar über ein Wiedersehen am Spielboden und muss über ihre wortspielerische Überleitung zum nächsten Stück „If you return“ selbst lachen. DAWA bieten mit dieser außergewöhnlichen Instrumentierung und großartigen Musikern Kammerkonzert und Indiepop-Show in einem.

Eindringliche Songs

Sehr fein nuanciert und akzentuiert spielen die Wiener, die einer breiten Masse durch ihre Teilnahme am nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest dieses Jahres bekannt geworden sein dürften. Damals wurden sie Zweite, knapp hinter The Makemakes. „Feel Alive“, der Song aus diesem Wettbewerb, ist für DAWA-Verhältnisse ziemlich trivial und weniger eindringlich als üblich, einfach deutlich mehr für Ö3 als für die treue FM4-Hörerschaft konzipiert. Und in dieser Diskrepanz liegt das einzige Problem dieses Konzerts: Erst bei „Feel Alive“ geht ein Ruck durch einen großen Teil des Publikums, das – vielleicht normal an Samstagabenden – unruhig ist und es dem Rest schwer macht, sich ganz auf diese besondere Stimmung, die die Band versprüht, einzulassen. Zwei Frauen, die einem Volkshochschulkurs für Ausdruckstanz entsprungen scheinen und das komplette Konzert vor allem zu ihrer Bühne machen wollen, erschweren dieses Vorhaben zusätzlich. DAWA wundern, aber freuen sich über diese auch für sie nicht alltägliche Untermalung. „Wir hätten nicht gedacht, dass es hier so lustig wird“, kommentiert Barbara Wiesinger das Geschehen. Ihnen kann zum Glück keiner die Lust am Auftreten nehmen. Auch in dieser Hinsicht gilt ihr berechtigter Leitspruch: „Es gibt vieles, aber nichts, das schon DAWA“.