Jazz&-Doppelkonzert mit Martin Eberle/Martin Ptak und Martin Listabarth am Spielboden (Foto: Stefan Hauer)
Silvia Thurner · 31. Jul 2012 · Musik

Empathisch gestalteter Solopart und gedämpfte Konzertlaune – das zweite Orchesterkonzert war ein Wechselbad

Im Rahmen des zweiten Orchesterkonzertes bei den Bregenzer Festspielen präsentierten die Wiener Symphoniker Werke von Mieczyslaw Weinberg und Sergej Prokofjew. Im Mittelpunkt stand der Cellist aus den eigenen Reihen, Christoph Stradner, mit Weinbergs Cellokonzert. Im Hinblick auf die Dirigentenwahl stand dieses Konzert unter keinem guten Stern. Ursprünglich sollte der herausragende Teodor Currentzis wieder zu Gast in Bregenz sein, doch krankheitsbedingt mussten er und auch sein Kollege Kirill Karabits die Leitung abgeben. Die dritte Wahl war dann Jacek Kaspszyk. Mittelmäßige Werkdeutungen hinterließen einen unbefriedigenden Gesamteindruck.

Christoph Stradner ist seit dem Jahr 2004 erster Solocellist bei den Wiener Symphonikern. Nun stand er als Solist mit Mieczyslaw Weinbergs Konzert für Violoncello und Orchester, op. 43 im Zentrum. Er gestaltete das Werk mit viel Empathie und spielte vor allem die  lyrischen Passagen mit einer mitteilsamen und flexiblen Tongebung. Insgesamt entwickelte sich das Cellokonzert episodenhaft und zeichnete sich durch einen poetischen melodischen Duktus aus. Tonartenwechsel wirkten wie Licht- und Schattenspiele, Kontraste sorgten für erzählerische Perspektivenwechsel. Jüdische Musik war Weinberg eine wichtige Inspirationsquelle. Dieses Wesensmerkmal stellte Christoph Stradner vor allem in der Solokadenz, die auch intonatorisch an jüdische Musik angelehnt erklang, in den Vordergrund. Schön abgerundet endete das bogenförmig angelegte Werk mit einem ruhigen Lamento.

Zurückhaltung

Das Orchester agierte sehr zurückhaltend und stets im Hintergrund, Kontrastwirkungen fehlten weitgehend. Beispielsweise erklang die markante, auf Marschrhythmen beruhende Passage eher breit artikuliert und auch über die Tempowahl ließe sich diskutieren. Kommunikationsmuster zwischen dem Solisten und den Orchestermusikern wurden wenig konturiert ausformuliert. So entwickelte sich die vom Solisten leidenschaftlich inspirierte Werkdeutung nur mäßig spannungsgeladen.

Sicher wäre diese Werkdeutung mit dem kompetenten Dirigenten Teodor Currentzis ein Ereignis geworden. Dieser hatte bereits Weinbergs Oper „Die Passagierin“ dirigiert und kennt die Wesenszüge des Komponisten sehr genau. Weinbergs Musik lebt – ganz nach dem Vorbild Schostakowitschs - auch von überspitzt formulierten, sich aufbäumenden Phrasen und motivischen Details, die innere musikalische Wirkzusammenhänge deutlich machen.

Oberflächlich

Sergej Prokofjews Symphoniker Nr.5 ist ein Meisterwerk sprühender Orchesterkunst und eingängiger Themen, die sich stil- und schwungvoll entwickeln. Doch eigentümlich distanziert agierten die Wiener Symphoniker auch bei dieser Werkdeutung. Mit versteinerten Mienen und voll auf ihre Notenpunkte konzentriert, spielten sie ihren Part. Jacek Kaspszyk hatte die großen Linien im Visier, wirkungsvolle Steigerungsbögen und Themenvergrößerungen kamen vor allem im Eröffnungssatz sowie im Adagio zur Geltung. Allerdings ließ er die zahlreichen, Zusammenhang stiftenden Motivbildungen sowie profilierte Themengestaltungen fast vollständig außer Acht. So agierten nicht nur die Holzbläser über weite Strecken auf sich selbst gestellt. Freilich sind die Symphoniker versiert genug, um die Klangwirkungen der Symphonie an die Oberfläche zu kehren. Musizierlust oder gar Esprit war in dieser Interpretation jedoch nicht erlebbar, besonders augen- und auch ohrenfällig war dies beim Allegro giocoso zu hören.

Musizierlaune

Aus Insiderkreisen wurde der Eindruck bestätigt, dass die Chemie zwischen dem Dirigenten und den OrchestermusikerInnen bei diesem Konzert nicht stimmte. Auch unter Profis wie den Wiener Symphonikern ist ein gemeinsames Musizieren jedoch nur möglich, wenn auch der Energiefluss stimmt. Dies war bei diesem Orchesterkonzert sehr deutlich erfahrbar.