"Die Sterne" im Spielboden Dornbirn: Frontmann Frank Spilker und Philipp Janzen an den Drums (Foto: Stefan Hauer)
Silvia Thurner · 10. Dez 2016 · Musik

Eine atemberaubende musikalische Begegnung – Der norwegische Saxophonist Marius Neset und seine Band versetzten das Publikum im Rahmen von Jazz& in Staunen

Den norwegischen Saxophonisten Marius Neset und seine Musik begleiten euphorische Lobeshymnen von Seiten des Publikums und der Presse. Sogar von „neuen Dimensionen“ in der Spieltechnik des Saxophonisten ist die Rede oder vom „Weg zum Jazz-Olymp“. Das US-Jazz Magazin „Downbeat“ wählte Marius Neset unter dem Titel „25 for the future“ zu den besten Jazzern der jüngeren Generation. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an das Konzert im Rahmen der Reihe „Jazz&“ am Dornbirner Spielboden, bei dem Marius Neset in Quintettbesetzung Musik aus seinem Album „Pinball“ in den Mittelpunkt stellte. Und tatsächlich faszinierte der Musiker mit seiner spezifischen Spieltechnik und den unglaublich vielfältigen Klangqualitäten, die er dem Sopran- und Tenorsaxophon entlockte. Darüber hinaus überzeugte Marius Neset auch als Komponist. Alle Werke waren raffiniert angelegt und führten die Zuhörenden von einfachen melodischen Melodien ausgehend in vertrackte und mitreißend kreativ gestaltete musikalische Welten mit vielen überraschenden Wendungen.

„Pinball“ (Flipperautomat) nannte Marius Neset seine 2015 publizierte CD. Das Bild eines Flipperautomaten ist sehr passend ausgewählt für die höchst geistreiche und virtuose Musik, die Marius Neset am Saxophon, der Pianist Ivo Neame, Anton Eger am Drum-Set sowie Michael Janisch am Bass und Jim Hart am Vibraphon und an der Marimba präsentierten. Die meisten der dargebotenen Kompositionen waren ähnlich aufgebaut und entwickelten eine große Sogwirkung. Von schlichten melodischen Gedanken ausgehend, bauten die Musiker organische Verdichtungsprozesse auf. Dabei wurden vertrackte Themenvariationen in ständig wechselnden Rhythmen zu atemberaubender Komplexität hochgeschraubt. Sobald der Plafond erreicht schien, führten die Musiker den musikalischen Fluss in reflektierende, ruhige Passagen, die wie akustische Erholungsinseln heraus kristallisiert wurden. Vom ersten bis zum letzten Ton hielten die gut proportionierten Kompositionen die Spannung.

Von innen belebte Töne

Nicht nur die technische Brillanz von Marius Neset verblüffte und wirkte mitreißend. Selbstverständlich verwebte der Saxophonist Akkordzerlegungen zu höchst virtuosen Tongeflechten und schattierte die Tonqualitäten des Instruments. Sein Spiel zeichnete sich darüber hinaus durch eine feinsinnig nuancierte Klangfarbenvielfalt aus. Am beeindruckendsten waren jene Passagen, in denen Marius Neset mit Spaltklängen mehrstimmige Passagen fabrizierte. Dabei gab er sich mit der Mehrstimmigkeit allein nicht zufrieden, sondern er modellierte die Klänge, indem er einzelne Obertöne besonders hervorhob und damit spielte. Eine weitere Spezialität erreichte Marius Neset, indem mit wahnwitzig schnellen Passagen den Eindruck eines am Cellos gespielten Glissando impliziert wurden. Dies sind nur zwei Beispiele aus der vielfältigen Palette an Spieltechniken, die die Meisterschaft des erst 32-jährigen norwegischen Musikers illustrieren.

Kommunikative Bandmitglieder

Auch die Bandmitglieder belebten mit ihrer ausgefeilten Spieltechnik und schillernden Klangfarbenvielfalt die einzelnen Werke. Besondere Aufmerksamkeit zogen der Vibraphonist Jim Hart und der Perkussionist Anton Eger auf sich. Jim Hart wechselte zwischen Vibraphon und Marimba und brachte auch seine perkussionistischen Qualitäten ein. In ihren vielschichtig verschachtelten Wechselspielen ergänzten sich die Musiker ausgezeichnet. So war es ein großes Vergnügen, den einzelnen Themenvarianten in all den klanglichen Schattierungen nachzuspüren und die rhythmischen Eskapaden so weit wie möglich mitzuverfolgen. Eine helle Freude am gemeinsamen Gestalten hatte auch Anton Eger am Drumset. Er setzte viele Impulse, trieb an, hielt inne und zog mit seinem aufreizenden Spiel die Fäden im Hintergrund. Michael Janisch am Bass war ein verlässlicher Partner. Die Rolle des Pianisten wurde erst allmählich klar. Er bildete in einigen Stücken anregende Achsen um Zentraltöne und unterstrich die harmonischen Farben, stand jedoch eher im Schatten des Vibraphonisten.

Musikalische Vexierbilder

Musikalisch reizvoll an diesem Abend war auch das Spiel mit Allusionen, das Marius Neset hervorragend beherrscht. Themen erinnerten an Bekanntes wie Folkmusic, klangliche Assoziationen führten über Bartok und Strawinsky sowie Joe Zawinul bis hin zu Frank Zappa. Die inspirierende Musik von Marius Neset wirkt lange nach. Auf seine weitere Karriere darf man sich freuen.