Neu in den Kinos: „Ich Capitano“ (Foto: X-Verleih)
Thorsten Bayer · 18. Feb 2012 · Musik

Einfach nicht kleinzukriegen – Bernd Begemann am Spielboden

Ausdauer hat er, das muss man ihm lassen, Unverwüstlichkeit dazu: In einem – von einer kurzen Pause unterbrochenen – rund dreistündigen Set ließ sich Bernd Begemann von keiner Panne beeindrucken. Ob der Akku seines Handys (von dem er Instrumentalparts einspielte) schlappmachte, eine Saite an der ersten Gitarre riss und auch die zweite beinahe zu Bruch ging, der Publikumschor weder stimmgewaltig noch intonationssicher genug war – der Singer-Songwriter aus Hamburg zog seine sehr unterhaltsame Show weiter durch. Rampensau bleibt Rampensau.

Auch in der Spielbodenkantine ist er seinem Ruf gerecht geworden. „Herr Begemann ist der musikalischste und der hinterlistigste Frauenversteher der Republik. Dazu braucht es gleich zwei Eimer voller Charme. Zu viel ist nicht genug für Bernd Begemann.“ Zumindest entspricht diese Einschätzung dem Bild, das der Künstler selbst entwirft: Das Zitat stammt von seiner eigenen Homepage. Und trotz des stellenweise ziemlich anarchischen Auftritts – einen Mangel an Charme und Selbstironie kann man dem 49-Jährigen wirklich nicht vorwerfen. Die Poster zur Tour zeigen einen gut gestylten und topfrisierten Künstler. Zu seinem tatsächlichen Erscheinungsbild auf der Bühne klafft eine Lücke. Dessen ist sich Begemann bewusst – und geht gleich zu Beginn des Konzerts in die Offensive: „Vielleicht wollt ihr euer Geld zurück, weil ich nicht wie auf dem Plakat aussehe“.

Mit Schmelz und Schmalz

Seine Songs sind irgendwo zwischen Pop und Schlager anzusiedeln. Reine Gitarrenstücke wechseln sich mit Elektro-Nummern ab. Seine musikalischen Fähigkeiten werden aber von seinen Qualitäten als Entertainer deutlich in den Schatten gestellt – wenn er beispielsweise urplötzlich aus einem eigenen Lied in eine Coverversion von Roy Orbisons „Only the lonely“ wechselt, inklusive Original-Schmelz und -Schmalz in der Stimme. Man merkt ihm die jahrzehntelange Bühnenerfahrung deutlich an. 1962 im ostwestfälischen Bad Salzuflen geboren, zog es ihn in den 1980er-Jahren nach Hamburg, wo er bald mit Bands der „Hamburger Schule“ wie Blumfeld, Die Sterne und Tocotronic in Berührung kam. 1987 erschien sein erstes von mittlerweile zwanzig Alben. Über die Jahre hat er sich das Etikett „FC St. Pauli des deutschsprachigen Liedguts“ erspielt. Seine langjährige Heimatstadt ist auch immer wieder Thema seiner Songs, wenn er sich beispielsweise über die angeblichen „Slums von Eppendorf“, einem etablierten Hamburger Stadtteil, lustigmacht.

Das Kelly-Family-Feeling

Die bissigen Texte bei vielen seiner Songs bleiben im Gedächtnis, Zeilen wie „Du und ich / Wir haben das Kelly-Family-Feeling / Dämlich, aber glücklich“ oder „Wir sind zweimal zweite Wahl / Wir sind ein unattraktives Paar / Und du bist mir völlig egal / Ich werde dir treu sein bis ins Grab“. Der unbestreitbare Zauber seiner Show liegt aber in den Zwischentönen. Die größten Boshaftigkeiten nuschelt er als Moderationen ins Mikrofon. Der Satz „Ich liebe Österreich, weil ich noch psychotischer als Österreich bin“ ist nur ein Beispiel. Auch lässt er es an Seitenhieben auf manche Musiker-Kollegen wie Silbermond oder Scooter nicht fehlen.

Gastmusikerin Dorit Jakobs

Im zweiten Teil seines Programms lässt Begemann leider deutlich nach. Zwar macht er seine Ankündigung wahr, einen Überraschungsgast auf die Bühne zu holen. Und auch wenn der Song „Irgendwie klappt es mit uns“ das Gegenteil verspricht: Der gemeinsame Auftritt mit der jungen Dorit Jakobs funktioniert nicht wirklich, ebenso wenig wie die anschließenden Solo-Stücke der Singer-Songwriterin, die krampfhaft um zündende Pointen bemüht ist – vergeblich. Langsam, aber sicher wird dieses Konzert eine zähe Partie. Das Murren im Publikum wird stärker. Nach insgesamt drei Stunden klettert Begemann auf einen Tisch vor der Bühne und spielt mit Jakobs´ Akustikgitarre – bei seiner eigenen ist kurz zuvor eine Saite gerissen – das letzte Stück des Abends, eine Hymne auf St. Pauli.

Die zwölfte Chance

Dass die Kantine durchaus noch den einen oder anderen Zuschauer vertragen hätte, nimmt Begemann mit Humor: „Wenn ich noch 40 bis 60 Jahre weitermache, ist es irgendwann ausverkauft.“ Spätestens damit ist klar: Bernd Begemann wird noch häufig, sehr häufig auf Tour gehen – in Anlehnung an das augenzwinkernden Motto aus dem gleichnamigen aktuellen Song „Gib mir eine zwölfte Chance“. Weiter heißt es darin „Ich enttäusche Dich so / Wie nur ich es kann.“ Auch wenn die Argumentation bestechend ist. Von Enttäuschung konnte an diesem Abend trotz eines chaotischen und anstrengenden Auftritts keine Rede sein.