Das Material und seine Beherrschung
Am Freitagabend begeisterte die schwedische Jazz-Sängerin Rigmor Gustafsson im Rahmen der Jazztage Lustenau mit ihrer Band im sehr gut besuchten Jazzhuus.
Tragende Stimme - hohes Niveau
Rigmor Gustafsson ist eine aparte, sympathische Erscheinung. Und sie hat eine Stimme, mit der sie umzugehen weiß. Ihr Material ist schlank. In Hinsicht auf Volumen oder Klang verfügt sie wohl nicht über das, was man in Fachkreisen als „große Stimme“ bezeichnet. Ihr sehr großes Talent liegt wohl eher darin, ihr Organ einzusetzen. Und dies tut sie auf sehr hohem Niveau. Intonationssicher hält sie auch längere Töne aus, ohne die Tonhöhe zu verlieren, rhythmisch präzise bewältigt sie auch schwierige Jazz-Phrasen. Ihre Stimme trägt. Veredelt wird diese Stimme durch ein jazziges Vibrato, gerne am Ende von Phrasen. Eine gute Range ermöglicht ihr hohe und tiefere Töne. Und: Gustafsson versteht es, mit dem Mikrofon zu arbeiten. Sehr gute Voraussetzungen also, um in der Jazz-Welt zu punkten. Gepunktet hat sie nun ein weiteres Mal mit der Interpretation von Standards, Pop-Nummern und Eigenkompositionen im sehr gut besuchten Jazzhus, dem ersten Konzert ihrer Tour. Die zwei Sets gerieten zum Erfolg.
Liebt es, mit dem Publikum zu kommunizieren
Schon mit dem Opener, dem Klassiker „You are everything“ legte das Quartett seine Visitenkarte aufs Tablett. Ein Scat-Beginn und stilsicherer Gesang, ein dichtes Piano-Comping und ein langes fingerfertiges Solo auf dem Flügel (Daniel Karlsson), kompetente Arbeit am Kontrabass (Christian Spering) und eine überzeugende Leistung am Schlagzeug (Jonas Holgersson) gaben den Tarif durch.
Druckvoll war die Interpretation von „Walk on by“. Modern die Voicings auf dem Flügel, modern die Läufe. Gustafssons Vortrag war temperamentvoll. Dies äußerte sich auch in ihrer Körpersprache. Es war offensichtlich, dass sie es liebt, sich auf der Bühne zu bewegen und mit dem Publikum zu kommunizieren.
Fabelhafte Balladeninterpretin
Was für eine fabelhafte Sängerin sie ist, zeigte Gustafsson besonders bei Balladen und ihren getragenen Eigenkompositionen auf. Der Standard „Over the rainbow“ berührte genauso wie der Titel „Still“, eine wunderschöne Nummer aus ihrer eigenen Feder. Bemerkenswert war hierbei Karlssons kunstfertige Begleitung. „Still“: Die Progression mit Gospel-Anklängen auf dem Flügel und das Einsetzen des Fender Rhodes (auch bei anderen Titeln) stellten einen Stilisten von großem Geschmack vor.
Eine Portion Blues gab es mit Michel Legrands Komposition „Love makes the changes“. Auch auf diesem Gebiet bewegte sich die Band stilsicher. Der Shuffle groovte.
Schnellere Tempi wurden etwa bei den Eigenkompositionen „On higher ground“ und „I will stay the way I am“ angeschlagen.
Keine Frage, dass Zugaben gefordert wurden. Mit den Titeln „Close to you“ und „Fragile“ wurden diese gewährt.