Neu in den Kinos: „The Bikeriders“ (Foto: Focus Features)
Peter Füssl · 06. Mai 2018 · Musik

Blendende Unterhaltung auf höchstem Niveau – Das Tingvall Trio begeisterte in der ausverkauften Zehntscheuer in Ravensburg

Der südschwedische Pianist Martin Tingvall, der kubanische Kontrabassist Omar Rodriguez Calvo und der aus Bremen stammende Schlagzeuger Jürgen Spiegel gründeten 2003 das in Hamburg stationierte Tingvall Trio, schafften es mit den meisten ihrer sechs Studioalben in die Jazz-Charts, teilweise sogar in die Pop-Charts, und heimsten jede Menge an Auszeichnungen und Preisen ein. Kein Wunder also, dass sich rund 200 Jazzfans in die jahrhundertealte Ravensburger Zehntscheuer drängten, um sich zwei Stunden lang vom perfekt gespielten, zeitlosen Akustik-Jazz dieses kongenialen Trios begeistern zu lassen.

Von „Ewigkeitsmaschinen“, „Bumerangs“ und „Wegen“

Mit den Eröffnungsstücken des 2017 erschienenen Albums „Cirklar“, startete das Tingvall Trio gleich eindrucksvoll ins Konzertvergnügen und demonstrierte, worin die Stärken dieser aus der Unmenge an Piano-Trios herausstechenden Formation liegen. Die Melodiefragmente von „Evigkhetsmaskinen“ („Ewigkeitsmaschine“) gehen unglaublich leicht ins Ohr, verdichten sich zu meditativen Passagen mit beinahe hypnotischer Sogwirkung, die dynamischen und rhythmischen Entwicklungen und Verschiebungen lassen kreative Spannungsmomente entstehen, die aber niemals verstörend wirken. Auch für „Bumerang“ zauberte Martin Tingvall eine absolute Ohrwurm-Melodie, die in interessantem Kontrast zu Jürgen Spiegels hartem Rock-Drumming steht – verbunden werden die beiden Pole durch Omar Rodriguez Calvos unglaublich melodiösen, singenden Bass. Der Kubaner wird im Lauf des Abends auch noch mehrfach unter Beweis stellen, wie gut er mit dem Bogen umgehen und dadurch zu einer bemerkenswerten Erweiterung der Soundpalette beitragen kann. Etwa bei der wunderschönen Ballade „Bland Molnen“ („Zwischen den Wolken“), wo alles in einem grandiosen Wohlklang schwebt, ohne jemals in wohlklingende Einfalt abzudriften. Ein schöner Kontrast dazu ist das hypnotisch-rockende „Sjuan“, das etwas kontrolliert Ungestümes hat, wobei Freiheit und Struktur schön ausgependelt erscheinen, sodass beide Komponenten nicht überstrapaziert werden. Die erste Halbzeit schloss das Tingvall Trio mit dem Titelstück des 2011er Albums „Vägen“ ab, einem emotionsgeladenen Stück, das nicht zufällig zu den meistgespielten im umfangreichen Band-Repertoire zählt.

Von Helden, Geisterschritten und Dagobert Duck

Mit dem zwischen kräftig gehämmerten, impulsiven und hymnisch-lyrischen Pianopassagen pendelnden „Hjälten“ („Helden“), dem Eröffnungsstück der zweiten Halbzeit“, deckte das Tingvall Trio ein breites Stimmungsspektrum ab. Vieles erscheint wohlkalkuliert, aber man kann auch spontan! So erzählt Tingvall, man habe sie am Nachmittag auf der Straße angesprochen, ob sie nicht am Abend das Stück „Grrr“ spielen könnten, das vor zehn Jahren auf „Norr“, dem zweiten Album der Band erschienen ist. Da ihnen das nicht oft passiere, wollen sie diesen Wunsch gerne erfüllen, zumal sich der Bandleader dadurch an seine Lieblingslektüre aus Kindertagen erinnert fühle. Das Stück ist nämlich Dagobert Duck gewidmet und klingt entsprechend witzig und comichaft, wobei manche Sprechblasen durchaus auch etwas experimenteller ausgefüllt sind. „Spöksteg“, die „Geisterschritte“ vom vorletzten Album „Beat“ geben sich spannungsgeladen wie ein Krimi-Soundtrack, mit „Cirklar“ lässt es sich grandios über alle Grenzen von Zeit und Raum hinwegschweben, und während „Psalm“ eine mit interessanten Spannungsbögen aufgefettete Ballade ist, bezeichnet Tingvall den rockigen „Skånsk Blues“ als „Fake Blues“, weil es ihm unglaublich schwer falle, so zu spielen, dass es wirklich nach Blues klinge – witzig und virtuos klang es allemal. Obwohl die Songs eigentlich ein breites Spektrum abdecken, wirkt dennoch alles wie aus einem Guss. Das liegt vermutlich daran, dass Martin Tingvall alle kompositorischen Ideen entwickelt, die dann im Trio gemeinsam arrangiert und mehrfach in Konzerten ausprobiert werden, ehe sie den Weg ins Repertoire finden. Das Tingvall Trio schafft es jedenfalls mühelos, Intellekt und Bauchgefühl gleichermaßen anzusprechen und das Publikum auf höchstem Niveau blendend zu unterhalten – und das hat durchaus Seltenheitswert. Tobender Applaus wurde mit zwei Zugaben belohnt!     

Konzerttipp: Die Stuttgarter Band Archie Banks wird am 11.5. im Bärengarten Ravensburg ihre mitreißende Mischung aus Rap, Hip-Hop und Jazz präsentieren. Das ist sozusagen das Intro zur "Langen Jazznacht" in 14 Spielstätten in Ravensburg am 12. Mai.
www.jazztime-ravensburg.de