Poolbar Festival: Uche Yara animierte das Publikum – mit Erfolg. (Foto: Daniel Furxer)
Fritz Jurmann · 22. Jul 2025 · Musik

Musik in besten Händen

Drei Frauen machten das erste Orchesterkonzert der Festspiele zum Ereignis

Nach der unübersehbar kanariengelben Charmeoffensive, mit der die neue, aus Finnland stammende Festspiel-Intendantin Lilli Paasikivi bei der Eröffnung des Festivals höchstpersönlich ihre programmliche DNA präsentierte, hat wohl jeder im Festspielpublikum kapiert, was heuer Sache ist in Bregenz: Das werden finnische Festspiele! Wenige Tage später, am Montagabend, gelingt Paasikivi noch gleich ein durchschlagender Erfolg im Konzertbereich, auch wenn bei diesem ersten Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker finnisches Personal Pause hat.

Dafür wird das zur Stunde der Frauen, dreier weiblicher Künstlerpositionen, die an diesem ausverkauften Abend im Festspielhaus an wichtigen Stellen entscheidende Akzente setzen und damit ein weiteres Anliegen des Festivals und seiner Intendantin erfüllen. Es geht um die Wertigkeit und künstlerische Kompetenz dirigierender, musizierender und komponierender Frauen, ein viel diskutiertes Thema, das noch lange nicht zum Abschluss gekommen ist und vermutlich auch nie kommen wird. Auch wenn sich rein zahlenmäßig hartnäckig ein krasses Ungleichgewicht im Frauenanteil etwa der internationalen Dirigentenriege oder in den Reihen großer Orchester wie „unserer“ Wiener Symphoniker hält, gilt allemal als offenes Geheimnis, dass Frauen keineswegs die schlechteren Künstler sind als ihre männlichen Kollegen.

Französischer Impressionismus

Das wohl überlegte Programm dieses 1. Orchesterkonzertes mit französischem Impressionismus aus der Umbruchszeit von 1900 bietet den willkommenen Anlass und attraktive Möglichkeiten zur Untermauerung dieser These, die an drei prominenten Beispielen die künstlerische Potenz der Damen ins rechte Licht eines international besetzten Events vor ein interessiertes Festspielpublikum rückt. Da ist Musik nun in besten Händen.
Mit der aus Hongkong stammenden Dirigentin Elim Cham erlebt man eine bereits international arrivierte junge Frau, die ihr Bregenz-Debüt zum Ereignis macht. Die nur so strotzt vor Energie und Überzeugungskraft und somit die Symphoniker, die ihr aufs Wort glauben, auch von Anfang an im kleinen Finger hat. Apropos: Sie dirigiert ohne Stab, oft mit gespreizten Fingern, ist in ihrer kräftigen Körpersprache jeden Moment präsent und spurtet in ihren Auf- und Abtritten wieselflink über die Bühne. An ihrer Seite die tunesisch-kanadische Mezzosopranistin Rihab Chaleb, ebenfalls eine Debütantin, die sich diese Gelegenheit in einem reifen, glänzenden Bühnenauftritt mit Ravel-Liedern nicht entgehen lassen will.      

Mel Bonis – die Vergessene

Die dritte im Bunde ist eine bei uns kaum bekannte französische Komponistin, Mélanie Bonis (1858–1937), die in einer Zeit lebte, als Frauen in der Musik generell und als Komponistinnen erst recht aus gesellschaftlichen Erwägungen nichts zu melden hatten und sogar verpönt waren. Ein Blick in die Vergangenheit macht im Zentrum dieses Programms ihr Schicksal deutlich, durch das die verheißungsvolle Entwicklung der Hochbegabten entscheidend und über Jahrzehnte durch eine Zwangsheirat unterbunden wurde. Da half es auch nichts, dass sie ihren Vornamen auf „Mel“ abkürzte, weil das männlicher klang. Dabei hätte sie wohl noch so viel mehr in petto gehabt als ihre Kammermusik, die man bei uns seit Jahren in Konzerten der „Musik in der Pforte“ in Feldkirch hört. Deren Kurator Klaus Christa hat sich zum Wiederentdecker dieser schmählich behandelten Frauengeneration große Verdienste erworben und aktuell eine CD dazu veröffentlicht. 
In diesem Festspiel-Programm kommen nun von Mel Bonis drei Orchesterporträts („Trois femmes de légende“) über mythologische Frauengestalten zur Aufführung, im Original Klavierlieder, deren spätere Orchesterfassungen zu Lebzeiten der Komponistin nicht mehr aufgeführt wurden. Ophelia, Salome und Cleopatra werden da in einer nicht rein impressionistischen, aber diesem Stil angenäherten, sehr persönlichen und absolut gekonnten Weise charakterisiert, einfallsreich und souverän im Umgang mit einem Spiel der Klangfarben. Es ist Musik, die einen auf Anhieb fasziniert, auch berührt und die man gerne hört, auch wenn sie neu ist.

Erotik und Exotik

Das Umfeld dieses geistigen Zentrums im Programm ist Impressionismus in Reinkultur von den beiden markanten Aushängeschildern Claude Debussy und Maurice Ravel. Das Programm besitzt damit große Geschlossenheit und Einheitlichkeit. Wer aber glaubt, dieses „Gesäusel“ würde stets gleich klingen und sich damit in Langeweile erschöpfen, wird eines Besseren belehrt. Das funkelt und knistert schon im berühmten Eröffnungsstück, dem „Nachmittag eines Fauns“ von Debussy, angefangen von dem mit erotischem Flair ausgestatteten dunklen Flötensolo bis zum Sirren im reich besetzten Streicherwald, den mahnenden Hornrufen, dem Silbergespinst der Harfen. 
Debussy ist mit seinen sinfonischen Skizzen „La Mer“, einem grandiosen Markstein des Impressionismus, auch der Schlusspunkt dieses denkwürdigen Abends übertragen. Die ideale Vorlage für die Symphoniker, erneut ihre bewährte Klangkultur ins Treffen zu führen, in den vielen solistisch gekonnten Einlagen ebenso wie im Großen. Denn da greift Meister Debussy nun freilich ins Volle, lässt vor allem im Finalsatz die Musiker:innen in Orchestertuttis völlig explodieren, die Elim Cham mit weit ausholenden Bewegungen ihnen erbarmungslos abfordert. Sie ist aber auch eine Meisterin des feinen Pianissimo, das – gerade noch hörbar – für starke Wirkungen sorgt und das Publikum manchmal das Atmen vergessen lässt.

Rihab Chaieb – eine Erscheinung

Dazwischen ist noch Raum für „Shéhérazade“, eine traumhafte, von einer Vokalkünstlerin ersten Ranges getragene Reihe dreier Orchesterlieder von Maurice Ravel, die man hier wohl kaum je gehört hat. Dabei wird Rihab Chaleb mit ihrem gefährlich gurrenden, kostbaren Mezzo zur optisch und stimmlich faszinierenden, gleichwohl zurückhaltenden Bühnenerscheinung. Ihr moderner pinkfarbener Kaftan verweist auf ihre tunesische Abstammung, und wenn sie wie eine Hohepriesterin des Gesanges aus „Tausendundeiner Nacht“ ihre Arme ausbreitet, glaubt man, sie würde gleich abheben. Es ist mehr als das berühmte Sahnehäubchen obendrauf, als Chaleb, vom stürmischen Applaus getragen, nun mit Opernstimme noch das berühmte Liebeslied der „Carmen“ von Bizet anstimmt, ebenfalls französische Musik: „L’amour est un oiseau rebelle“. Man glaubt es ihr aufs Wort!