Das Wiener Burgtheater war mit Molières „Der Menschenfeind“ unter der Regie von Martin Kušej im Bregenzer Festspielhaus zu Gast. (Foto: Matthias Horn)
Peter Füssl · 28. Mär 2024 · CD-Tipp

Mose: „rand“

Mose präsentieren mit „rand“ wieder einen genialen Soundtrack fürs Kopfkino

Beim ersten Durchlauf des neuen Mose-Albums „rand“ (Galileo Music) glaubt man bald einmal, im Kino zu sitzen – aber nicht im falschen Film, sondern im absolut richtigen. In jenem imaginären nämlich, den man immer schon sehen wollte, der aber noch nicht gedreht wurde. Wenigstens gibt es jetzt schon einmal den passenden Soundtrack dazu – bilderreich, spannend, melancholisch, zwischen Road Movie, Film noir und Spaghetti-Western, stets für Überraschungen gut. „rand“ schließt perfekt an das vor zwei Jahren erschienene Album „puls“ und an „mose film musik“ aus dem Jahr 2018 an, bestätigt Mose-Gitarrist und -Mastermind Thomas Kuschny.

Peter Füßl: Welche ungedrehten Filme geistern denn beim Spielen durch eure Köpfe, wo liegen eure Inspirationen? Ennio Morricone oder Hans Zimmer?
Thomas Kuschny: Im Zweifelsfall natürlich Morricone, dessen Einfluss ja in den ersten Mose-Jahren auch hörbar war. In der Tat gehören diese drei Platten zusammen, als Soundtracks für imaginäre Filme sind sie aber nicht an ein konkretes Drehbuch oder Ähnliches gebunden. Mir scheint aber gerade, dass ein Versuch in diese Richtung spannend sein könnte – eine Idee aus einem Interview gewonnen, passiert auch nicht alle Tage! Manchen Stücken liegen wohl Assoziationen von Bildern zugrunde, nichts Konkretes. Ziel ist es aber schon, einen Fluss entstehen zu lassen, auch durch die Reihenfolge, weswegen wir die Platte auch live quasi „original“ spielen werden. Inspirationen? Die Antwort lautet: querbeet. Alles andere würde den Rahmen sprengen.

Aufnahmeverfahren und Postproduktion

Füßl: „Puls“ habt ihr damals innerhalb von drei Tagen in der Kapelle St. Arbogast aufgenommen, „rand“ ist im Feldkircher Saumarkttheater entstanden.
Kuschny: Logistisch ist es im Theater einfacher, auch die Heizsituation in der Kapelle ist im Jänner nicht optimal. Sämtliche Basistracks entstehen innerhalb von drei bis vier Tagen, das ist schon lange unsere Arbeitsweise. Overdubs werden dann noch bei Bedarf im Proberaum oder in diversen Wohnzimmern hinzugefügt.
Füßl: Vom 40-Sekunden-Intro „lirum“ abgesehen, klingen die meisten der 15 Stücke als läge ihnen eine Komposition zugrunde. Andrerseits weiß man, dass bei euch vieles aus dem Improvisieren heraus entsteht.
Kuschny: neben „lirum“ sind noch zwei Stücke sozusagen beim Aufwärmen aufgenommen worden. Der Rest ist durchkomponiert, allerdings vereinzelt auch „ex post“, was heißt, dass die fixe Ausformung erst im Computer entsteht.
Füßl: Du drückst den Stücken durch eine aufwendige Postproduktion nochmals deinen ganz besonderen Stempel auf. Ist das schon von vornherein Teil des musikalischen Konzepts, haben die anderen Musiker da etwas mitzureden?
Kuschny: Das ist bei uns immer Teil der Produktionen, und die Kollegen haben selbstredend umfangreiches Einspruchsrecht. Dieses wird aber nur ab und an wahrgenommen. Diesmal zum Beispiel vom Trompeter Herbert Walser, der wichtige und richtige Einwände eingebracht hat.

Bildhafte Texte und Musik

Füßl: Einige Titel enthalten auch Vokales. Wer schreibt die Texte, und welche Rolle spielt der Gesang?
Kuschny: Die Texte sind meist von mir, traditionell ist auch eine Gedichtabstraktion von Dylan Thomas dabei, ein grandioser Poet! Genauso wie die Musik sind auch die Texte bildhaft zu verstehen, recht frei interpretierbar. Sehr wichtig ist eine gewisse „Silbenästhetik“. Das geht so weit, dass mir gewisse Worte abseits ihrer Bedeutung in manchen musikalischen Kontexten unpassend erscheinen und deshalb gestrichen werden.
Füßl: Es scheint weit weniger um eitle Virtuosität zu gehen, als um musikalische Kommunikation, um einen unverkennbaren Gruppensound und um eine Vielfalt an Soundfarben. Würdet ihr das auch so sehen?
Kuschny: Wir machen aus der Not eine Tugend! Außer Herbert sind wir einfach keine Virtuosen! Unsere Stärken liegen genau dort, wo du sie richtig vermutet hast.
Füßl: Man hat das Gefühl, es kämen eine Menge verschiedener Instrumente zum Einsatz, allerdings ist manches auch schwer zu identifizieren. Wer hat denn welche Instrumente gespielt – oder wechselt das auch?
Kuschny: Das wechselt allerdings! Schwer zu identifizieren ist vor allem das Instrumentarium von Markus Marte. Er bedient unter anderem auch eine zum Instrument modifizierte Holz-Bierkiste. Keyboards – z.B. eine originale Casio Heimorgel aus den Achtzigern – werden von allen bedient, Perkussion von vielen.

25-Jahre-Band-Jubiläum?

Füßl: Wenn ich richtig informiert bin, gibt es Mose seit 1999, das heißt, ihr könnt mit eurem 11. Album gleich auch das 25-Jahre-Band-Jubiläum feiern. Gibt es da keine Ermüdungserscheinungen? Kann man sich musikalisch noch gegenseitig überraschen?
Kuschny: Ich glaube nicht, dass jemand genau weiß, wie lange wir schon zusammen sind. Ich jedenfalls nicht. Natürlich gibt es hin und wieder Ermüdungserscheinungen und Leerläufe, wie bei alten Ehepaaren halt so üblich. Ebenso aber auch nach wie vor wunderbare Momente, die keiner missen möchte. So lange wie die Stones wird‘s uns aber nicht geben …

Stilmäßig kaum Einschränkungen

Füßl: Wer weiß? Viele Stücke wirken eher ruhig und stimmungsvoll, die Drums rücken kaum einmal in den Vordergrund, die Trompete und manchmal auch die Gitarre steuern wundervolle, leicht ins Ohr gehende Melodien bei. Von Zeit zu Zeit durchbrechen Störgeräusche und Noise-Artiges die Idylle, peppen sie aber eher auf, als sie zu zerstören. Inwiefern ist Schönheit ein Kriterium in eurer Musik?
Kuschny: Das Zerstören ist auch nicht unsere Absicht! Irritieren aber sehr wohl. Schönheit ist für mich kein Begriff, der nur mit Harmonie und Wohlgefallen zu tun hat. Auch in Chaos und Anarchie ist Schönheit.
Füßl: Es gibt auch Härteres: der erste Teil von „anna krohn“ wirkt stark Rock-orientiert. Und nochmals ganz andere Saiten werden beim wuchtigen, Noise-artigen „corpus delicti“ angeschlagen – eine Erinnerung an deine Avant-core-Zeiten?
Kuschny: Nein, keine Erinnerung. Die Zeiten damals waren von Schnelligkeit, abrupten Wechseln und ohrenbetäubender Verausgabung geprägt.
Füßl: Welche Stile und Gitarristen findest du denn besonders interessant?
Kuschny: Stilmäßig gibt‘s kaum Einschränkungen. Leute mit einer eigenen Klangsprache mit hohem Wiedererkennungswert sind mir die liebsten: Marc Ribot, Fred Frith, Bill Frisell. Aber auch ein Wahnsinniger wie Robert Fripp, mit dem ich mal eine Woche zu tun haben durfte, gehört dazu.
Füßl: Ein bisschen Neugierde muss noch sein: Wer sind Anna Krohn und Emma Diehl, und geht’s bei „m.b.valence“ um die polnischen Electronicer – oder sind solche Songtitel schlicht ambivalent?
Kuschny: Programmatische Titel mag ich nicht krampfhaft suchen, wenn sie sich nicht wie manchmal sofort aufdrängen. „anna krohn“ hat sich aufgedrängt, es scheint mir wegen der rockigen Note „anachronistisch“. „emma diehl“ nicht, also umgekehrt gelesen eben ein „Dilemma“.  „m.b.valence“ ist tonal irgendwo zwischen Dur und Moll platziert, also „ambivalent“.

Dieses Interview ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2024 erschienen.

Mose live: „rand“
Sa, 6.4., 20.30 Uhr:  Theatergarage Sulz
Fr, 12.4., 20 Uhr: Bahnhof Andelsbuch
Fr, 28.6., 20.00 Uhr: Spielboden Dornbirn – Doppelkonzert mit Son of the Velvet Rat
So, 30.6., 6.00 Uhr (!) Morgenkonzert: Kapelle Bildungshaus St. Arbogast
Sa, 26.10., 19.30 Uhr Saumarkt Feldkirch
(weitere Termine in Planung)
mose.klingt.org