"Kafka in Farbe" derzeit am Vorarlberger Landestheater © Joel Schweizer
Fritz Jurmann · 20. Jän 2023 · Musik

Mit Günther Fetz verstarb der Doyen der Vorarlberger Organisten

Es ist nun gute fünf Jahre her, dass er in der kleinen Kirche von Oberreitnau im Hinterland des Bodensees wie ein junger Gott Bachs 15-minütiges komplexes Präludium in c-Moll, BWV 546, samt Fuge aus den Tasten und Pfeifen der dortigen kleinen Orgel zauberte – unglaublich für einen Achtzigjährigen! Zu diesem Anlass nämlich hatte sich eine Anzahl vertrauter Freunde und Verwandter zum runden Geburtstag von Prof. Günther Fetz eingefunden und bestaunte danach auch noch dessen fantasievolle Orgel-Improvisationen, die er bis zuletzt so liebte. Die folgenden Jahre freilich waren dann von schweren gesundheitlichen Problemen geprägt, nun ist sein Lebensweg mit 85 Jahren in der Palliativstation des Landeskrankenhauses Hohenems sanft zu Ende gegangen. Mit seinen Angehörigen und Freunden trauere auch ich als einer seiner ehemaligen Orgelschüler und langjähriger Freund um ihn.

Es ist nicht leicht, von dieser persönlichen Nähe auf die notwendige Distanz zu kommen, um das Lebenswerk des Doyens der Vorarlberger Organisten, eines zugleich international anerkannten Musikers, Ensembleleiters, Cembalisten und Pädagogen, wie es Günther Fetz war, objektiv zu beurteilen. Bei aller Vielfalt gehörte seine große Liebe neben seiner Frau Gudrun, die ihm wenige Jahre zuvor im Tod vorausgegangen ist, zweifellos der Orgel. Ihr widmete er sich nach umfassenden Studien in St. Gallen, Regensburg und Basel. So ein Instrument konnte gar nicht genug Register haben, er kannte sich immer sehr rasch damit aus und bediente die vielen Orgeln, die er etwa auf seinen Solo-Tourneen durch halb Europa, die USA oder Russland in täglich einer anderen Stadt abklapperte, stets mit Fachkenntnis und glänzender Virtuosität.
Die Liebe zum Cembalo war kaum weniger groß und vielfältig, hier brillierte er gern mit Bachs höchst anspruchsvoller „Chromatischen Fantasie und Fuge“ oder dem heiklen Solopart in dessen „5. Brandenburgischen Konzert“, das er etwa 300 Mal gespielt hat. Fetz hatte zu seiner besten Zeit nicht weniger als fünf Instrumente dieser Art im Untergeschoß seines Hauses oberhalb von Lochau gebunkert, in alter flämischer oder deutscher Bauart, immer auf der Suche nach dem idealen Klang für die verschiedenen Einsätze. Seine Autos kaufte er nicht nach PS-Zahlen, sondern nach den Ausmaßen, wie sie für den Transport seiner Cembali notwendig waren. Und in den Konzertverträgen wurden eigens zwei starke Männer dafür angefordert. Günther selber schonte seine Künstlerhände lieber für das Spielen, er ließ diese sogar versichern und vermied vorsichtig alle Aktivitäten wie Skifahren, die zu Brüchen hätten führen können.
Einen international geachteten Namen errang Günther Fetz auch mit seinem Ensemble „Österreichische Bachsolisten“, in dem er ab 1974 große Namen der damaligen Barockszene versammelte und sie vom Cembalo aus leitete, oft auch zusammen mit dem französischen Startrompeter Maurice André und der Sopranistin Rita Streich. Gemeinsam brachten sie glänzende Konzerte und bleibende Rundfunkeinspielungen für den ORF zustande, stets mit einem besonderen Markenzeichen. Denn zu einer Zeit, als schon ein Harnoncourt mit Vehemenz auf Originalklang und historische Spielweise pochte, musizierten die Bachsolisten ihre Barockmusik unverdrossen im gewohnten Stil weiter, nämlich leicht romantisiert, ohne dass es jemanden gestört hätte. Konzertmeisterin war zuletzt Günthers Tochter Editha, die ab 1986 auch in Harnoncourts Ensemble Concentus Musicus mitwirkte, heute an der Stella Privathochschule in Feldkirch unterrichtet und im Kloster Gwiggen in Hohenweiler eine hochkarätige Konzertreihe ins Leben gerufen hat.
In seinen letzten aktiven Jahren ab 1981 heuerte Fetz beim damaligen Landeskonservatorium Feldkirch an. Aus seiner Orgelklasse stammen große Namen wie Alexander Moosbrugger oder Bruno Oberhammer, Helmut Binder ist am Kons längst in seine Fußstapfen getreten. Während Fetz lebenslang sein Repertoire als Organist und Cembalist auf über 50 Langspielplatten und CDs einspielte und diese in der eigenen Edition „Clarino“ veröffentlichte, wurde ihm erst in späten Jahren auch das Komponieren ein Anliegen, das sich aus in Noten gefassten Orgel-Improvisationen ergab. So schrieb er 2009 für den Lindauer Kammerchor eine bei Doblinger verlegte vierstimmige „Missa Lindaviensis“ – natürlich nicht, ohne sich darin mit einem virtuosen Orgelpart selbst zu verwirklichen.

Beerdigung: Samstag, 28. Jänner, 10 Uhr, Pfarrkirche Lochau