„Wax Traders“ im Vorarlberger Landestheater: Ein wunderbar spielfreudiges Ensemble (Foto: Anja Köhler)
Peter Füssl · 09. Apr 2026 · CD-Tipp

Mark Turner / Jason Palmer / Joe Martin / Jonathan Pinson: Patternmaster

Manchmal gibt es Band-Konstellationen, die unter einem besonders guten Stern stehend entstanden sein dürften. Vom aktuellen Quartett des Saxophonisten Mark Turner mit dem Trompeter Jason Palmer, Kontrabassist Joe Martin und Drummer Jonathan Pinson lässt sich das jedenfalls behaupten, stieß doch schon das Debütalbum „Return From The Stars“ vor vier Jahren auf begeisterte Kritiken.

Damit sollen keineswegs die herausragenden Qualitäten von Turners früheren Bands – etwa des Trios Fly mit Larry Grenadier (b) und Jeff Ballard (dr) oder seines Quartetts mit Avishai Cohen (tp), Joe Martin (b) und Marcus Gilmore (dr) – geschmälert werden, aber der Saxophonist sieht sich selber auf einem neuen Level angekommen: „Je mehr Vertrauen man hat, desto mehr Risiken kann man eingehen und desto tiefer kann man mit den musikalischen Partnern über das Handwerk hinaus in die Kunst der Musik eintauchen. Man fühlt sich frei, kompositorisch mehr zu experimentieren, ohne sich jemals Gedanken darüber machen zu müssen, was passieren wird, weil man weiß, dass es großartig werden wird.“ Mark Turner schließt stilistisch unmittelbar am erfolgreichen Vorgängeralbum an und schöpft aus den Quellen des Bebop, Hard Bop, Cool Jazz und nachfolgender Spielarten der Jazz-Avantgarde, wobei ihn der Verzicht auf Piano oder Gitarre als Harmonie-Instrument in kompositorischen Belangen durchaus anzuspornen scheint. Bassist Joe Martin kommt in dieser Hinsicht eine besondere Bedeutung zu, er brilliert vor allem aber als exzellentes Rhythmus-Gespann mit dem abwechslungsreichen, gleichermaßen kraftvoll wie sensibel agierenden Jonathan Pinson. Die sechs komplexen, zwischen sechs und zwölf Minuten langen Kompositionen aus der Feder Turners sind durch Tempo- und Rhythmuswechsel gekennzeichnet und schöpfen Kraft und Attraktivität aus starken Melodien und interessanten Klangfarben. Wobei Mark Turner und Jason Palmer ihre Soli oftmals elegant anlegen und eine innere Kraft zum Glühen bringen.



Ein Verweis auf Turners Faible für Science-Fiction-Literatur darf natürlich auch nicht fehlen. Bezog sich „Return From The Stars“ auf den gleichnamigen Romanklassiker von Stanisław Lem, so bezieht sich „Patternmaster“ auf das erste, 1976 veröffentlichte Buch der „Patternist“-Reihe der US-Autorin Octavia E. Butler. Die Welt wird in einer fernen Zukunft von auf Intelligenz, mentale Kraft, Willensstärke und parapsychische Fähigkeiten trainierte, telepathisch vernetzte Patternisten regiert, die wiederum ihrer mächtigsten Ausformung, dem Patternmaster, unterstehen. Ähnlichkeiten mit den hier agierenden Musikern sind natürlich nicht beabsichtigt, sondern rein zufällig. Solch ein künstlerischer Patternmaster sei auch Science-Fiction-Fan Wayne Shorter gewesen, erklärt Turner, dessen für das Miles Davis Quintett 1967 geschriebenes Stück „Pinocchio“ er für das Titelstück „ziemlich gut maskiert“ umgearbeitet habe. Auf die bassorientierte Einleitung folgt eine tief im Hard Bop verwurzelte, spannungsgeladene Unisono-Passage der beiden Bläser, die auch solistisch mit feuriger Eleganz zu überzeugen wissen. „Trece Ocho“ wird von einem langen Bass-Solo eingeleitet, das schließlich in einen mitreißenden Groove übergeht, der von Pinson und Martin kraftvoll vorangetrieben und zum perfekten Untergrund für expressive Bläsersoli, aber auch exakte Unisono-Linien wird – wobei interessante rhythmische Intermezzi den Reiz dieser Komposition zusätzlich steigern. „It Very Well May Be“ ist ein spannungsgeladenes Kraftpaket, das eindrucksvoll demonstriert, dass die Funktion der Rhythmiker in dieser Band-Konstellation – vor allem jene des unglaublich wendigen Bassisten – weit über das Time-Keeping hinausgeht. Nicht weniger elektrisierend wirkt „Lehman’s Lair“, eine kleine Hommage an den Saxophonisten Steve Lehman, als Gast dessen Trios Mark Turner letztes Jahr ein spannendes Album mit Kompositionen des legendären Avantgardisten Anthony Braxton herausgebracht hat. Zeit zum genussvollen Ausruhen bietet die intensive und farbenreiche Ballade „The Happiest Man On Earth“. Den Abschluss macht schließlich das 2009 erstmals mit dem Trio Fly eingespielte „Supersister“, das hier über mehr als zwölf Minuten hinweg abwechslungsreich inszeniert wird – mit einer Drum'n'Bass-Einleitung, komplexen Harmonien und rhythmischen Finessen, einem unglaublich rasanten Drum- und einem singenden Bass-Solo, feuriger Trompete und warmem Sax. Wenn man dieses Album gehört hat, versteht man, was Mark Turner hinsichtlich Band-Chemie und gesteigerter Intuition mit einem seiner Lieblingsbegriffe „Psycho-Spiritualität“ meint. Ja, die Alchemie stimmt in jeglicher Hinsicht. 
(ECM/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.