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06.10.2020 |  Manuela Schwaerzler

V#35 – neue Ausgabe der Vorarlberger Zeitschrift für Literatur: „Stechuhr und Babydoll“

Neugierig macht er, der Titel, unter dem die neu erschienene V#35 literarische Beiträge zur Vorarlberger Industriegeschichte versammelt. Ausgangspunkt dafür war die Debatte über ein Industriemuseum in Vorarlberg, zu der die Herausgeberinnen Marie-Rose Rodewald-Cerha und Sabine Benzer einen Beitrag leisten wollten. Beim Centre For Anthropological Research On Museums And Heritage, einer Abteilung der Humboldt-Universität zu Berlin, fanden sie Inspiration für die Umsetzung ihrer Idee. „Dort forschen auch Künstler*innen zu Kulturerbe bzw. wird versucht mittels Kunstprojekten Zugänge zu kulturellem Erbe zu schaffen. Sehr spannend ist das“, antwortet Sabine Benzer auf meine Frage zur Entstehungsgeschichte des Sammelbandes. „Es hat sich also angeboten, Autor*innen um Beiträge zum industriellen Erbe zu bitten. Marie-Rose Rodewald-Cerha hatte darüber hinaus die Idee, das schöne Projekt www.meinindustrie.museum des Vorarlberger Wirtschaftsarchives aufzugreifen, wo die Bevölkerung aufgerufen wird, auszuwählen, was in ein Industriemuseum gehört und das dann auf dieser Homepage einzuspeisen.“

In weiterer Folge traf Christian Feuerstein vom Wirtschaftsarchiv eine Auswahl an Objekten, und die Autor*innen wählten jeweils eines, auf das sie ihren literarischen Beitrag dann bezogen. Das gewählte und dem Text zugrunde liegende Objekt ist in der Anthologie stets gegen Ende des literarischen Beitrags abgebildet.
Die Auswahl der Autor*innen sei nicht leicht gefallen, so Sabine Benzer, „wir haben sie aufgrund ihrer Beschäftigung mit Zeitgeschichte, mit gesellschaftlichen Phänomenen, ihrer besonderen literarischen Sprache, ihrer originellen Umsetzung literarischer Themen angefragt und uns sehr über die tollen Beiträge gefreut.“

Unterschiedliche Genres

Als Ergebnis liegt nun ein „erste[r] Beitrag zur künstlerischen Beforschung der Vorarlberger Industriegeschichte“ vor, wie die Herausgeberinnen im Vorwort schreiben. – Eine gelungene und erfrischende Ergänzung zu Sachbüchern wie „Orte – Fabriken – Menschen. 168 historische Industriebauten in Vorarlberg“ von Barbara Motter und Barbara Grabherr-Schneider (2014).
Der Sammelband bietet ein vielfältiges literarisches Spektrum und unterschiedliche Zugänge zur Vorarlberger Industriegeschichte. Ob „klassische“ Erzählung, innerer Monolog, Erinnerung, Gedankenspiele oder Experimentelle Poesie, jede*r Autor*in hat eine individuelle Form gewählt und verschiedene thematische Aspekte einfließen lassen.
Besonders deutlich wird die Unterschiedlichkeit an den zwei Texten zur Elastisana-Werbung. Irmgard Kramers Beitrag dazu trägt den Titel „Gegenüber der Fabrik“ und erzählt die Geschichte einer Familie, die über fünf Generationen in der Dornbirner Kehlerstraße, gegenüber der Elastisana-Fabrik, später Benedikt Mäser, lebte. Äußerst lebendig und bildreich, wie filmische Einstellungen, geben Ausschnitte aus dem Alltag in und rundum die Fabrik Einblick in das Leben, die Sozial- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Ganz anders der Text von Christina Vaccaro, „Babydoll“, der ausgehend vom Werbemotiv den Leser*innen Gedanken über Rollenzuschreibungen und Identitätskonstruktionen eines weiblichen Ichs vorführt und den historischen Kontext des Plakats ausklammert.
Interessanterweise sind ein Großteil der Protagonisten weiblich, nicht die mächtigen Fabrikherren stehen im Mittelpunkt, sondern vor allem die einfachen Arbeiterinnen, die Mütter, die Töchter, die Enkelinnen. Vielleicht kann das als eine Art Kompensation zur üblichen Geschichtsschreibung, die Namen und Biografien der Fabrikanten dokumentiert, gelesen werden.

Die Zeit, Kinderarbeit und Gastarbeiter

In vielen Beiträgen spielt die Zeit und vor allem die Bewertung und Einteilung der Zeit eine Rolle. In der Geschichte „Buschwindröschen“ von Jürgen-Thomas Ernst lesen wir, wie die Arbeiterschaft ihren freien Sonntag opfert, um sich bei den Fabrikanten für die Kürzung der täglichen Arbeitszeit von dreizehn auf zwölf Stunden zu bedanken. Voll und ganz der Zeit gewidmet ist hingegen Wolfgang Bleiers Text „Die Einrichtung der Zeit“, zu dem er sich von der Stechuhr des Textilunternehmens Sannwald in Hörbranz inspirieren ließ.
Weitere sozialgeschichtliche Themen, die als wichtiger Teil der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte in dieser literarischen Aufarbeitung vorkommen, sind Kinderarbeit, Geschlechterverhältnisse und Gastarbeiter. Erstere greift Jürgen-Thomas Ernst in seiner oben erwähnten Geschichte von Lina auf, einem Mädchen, das wie seine Mutter und Cousine in einer Fabrik arbeitet und sich nichts sehnlicher wünscht als zur Schule gehen zu dürfen.
Einen sprachspielerischen und zugleich klugen und tiefgreifenden Beitrag stellt die Collage „Zur Verständigung“ von Muhammet Ali Baş dar. Er arrangiert Einträge der 1969 erschienenen „Sprachhilfe zur Verständigung zwischen türkischen und deutschen Mitarbeitern in deutschen Betrieben“ und ergänzt hie und da Satzteile. Einmal an das Lesen der Lautschrift gewöhnt, bereitet die Collage nicht nur Vergnügen, sondern regt auch zu neuen Gedanken an.

Ins Jetzt geholt

Während manche Beiträge die Vergangenheit durch Erinnerung oder Nacherzählung ins Jetzt holen, stellen andere den direkten Bezug durch das Nachzeichnen von Entwicklungen her – so zum Beispiel „Und täglich grüßt das Murmeltier“ von Christine Hartmann, die computertechnische Entwicklungen mit den herrschenden Gesellschaftsstrukturen in Zusammenhang bringt.
Völlig losgelöst von der Geschichte und doch durch den Stoff, das Material und Produkt der Textilfabriken eng verbunden sind einige von Katharina Kleins Beiträgen, die teilweise der Konkreten Poesie zuzuordnen sind. Zeitlos bilden sie im Kontext der Anthologie die Vergangenheit ab und sind zugleich für die Gegenwart gültig.

V#35 - Vorarlberger Zeitschrift für Literatur: Stechuhr und Babydoll – Industriegeschichten, hg. v. Marie-Rose Rodewald-Cerha & Sabine Benzer, mit Beiträgen von Bella Angora / Sandra Dorner, Muhammet Ali Baş, Wolfgang Bleier, Jürgen-Thomas Ernst, Christine Hartmann, Nadine Kegele, Katharina Klein, Irmgard Kramer, Christian Kühne, Christina Vaccaro; 128 Seiten, ISBN 978-3-9503808-4-2, € 18, erhältlich in ausgewählten Buchhandlungen und über Literatur Vorarlberg (literatur-vorarlberg@aon.at)

Präsentation:18.10., 10.30 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch; es lesen Ch. Hartmann, W. Bleier, Ch. Kühne, N. Kegele, B. Angora
10.12., 19 Uhr, Stadtbibliothek Dornbirn; es lesen: I. Kramer, Ch. Vaccaro, K. Klein, M. A. Baş, J.-Th. Ernst

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