Im Laufrad gefangen – „Von Mäusen und Menschen“ feierte Premiere im Landestheater. © Anja Köhler
Ingrid Bertel · 05. Sep 2014 · Literatur

Unprätenziös, witzig und anrührend – Monika Helfers Buch mit Kindergeschichten hat einen großen Wunsch im Titel: „Diesmal geht es gut aus“

Monika Helfer hat eine sehr seltene und sehr beglückende menschliche Gabe: sie kann Menschen einfach nur als Menschen wahrnehmen. Da ist zum Beispiel ein Mann, der nicht als „verhaltenskreativ“ bezeichnet werden will. „Sag, guten Morgen, Krüppel“, fordert er. „Hast du gut geschlafen? Was bastelst du heute? Wieder einen Stern aus Brotteig?“ Die Ich-Erzählerin unterhält sich mit ihm über vieles. Und weil sich die beiden gut verstehen, bringt sie ihm einen Chaplin-Film mit. „Modern Times“, denn: „Ich weiß, wenn er sieht, wie Chaplin am Fließband steht und das Band immer schneller läuft, wie er in der Essmaschine eingeklemmt ist und die Suppe ihn zuschüttet, wird er sich halb tot lachen.“

So einfach geht das. So unglaublich ist das. Wenn Monika Helfer erzählt, werden die Menschen liebenswert, und die Welt ist fröhlich. Ihre Geschichten handeln fast immer von Kindern, denen es nicht besonders gut geht und die davon ausgehen, dass das Wort „Glück“ ein gutes Wort wäre für eine Waschmaschine. Monika Helfer ihrerseits weiß, dass solche Kinder ziemlich verletzlich sind. Das wissen sie allerdings nicht. Der vierjährige Anton möchte zum Beispiel eine Pistole haben. Auf dem Cover der „Weltwoche“ aber ist ein Vierjähriger zu sehen, der aussieht wie Anton und wirklich eine Pistole hat. Die Schlagzeile dazu lautet „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“. Was ist das für ein Mensch, der ein Kind zur politischen Hetzpropaganda missbraucht? Was sagen die Kinder aus Tschetschenien, die Kinder aus dem Kinderdorf und jenes Mädchen, das „das Eigentum von meiner Mutter“ ist? Warum hört ein Kind lieber den Tieren im Wald zu als dem Psychiater? Und warum beginnt sein Vater dann doch, das Schweigen zu brechen und von der Nachtigall zu erzählen? Und welche Mutter sagt ihrem dicken Sohn, „dick sind nur arme Leute“?
„Ihr seid doch auch dick, Papa und du!“
„Eben“, sagte die Mutter, „aber wir wollen dünn werden wie die besseren Leute.“

Kleine Plakate


Zu jeder von Monika Helfers Kurzgeschichten hat Lorenz Helfer ein Bild gemalt. Es sind kleine Plakate. Jedes Bild hält die Bewegung fest, um die die Geschichte kreist und an der die Menschen aus der Geschichte sich abmühen. Für die Geschichte „Könnte Anton sein“ hat er einen mageren Buben gezeichnet, der sich die Hände über die Augen legt.  Ein Bild zeigt eine Art Pyramide – ein bisschen provisorisch – und zwei Menschen mit Stäben in den Händen. Bauen sie an diesem Konstrukt? Eine Frau steht vorn, die Stange quer in Händen, hinter ihr ein Mann, die Stange erhoben. Tanzt sie? Droht er? Bauen beide ein Haus? „Es liegt alles an dir“ nennt Monika Helfer diese Geschichte einer Erpressung. Die Tochter soll heiraten, damit die Eltern die Wohnung gratis behalten können. Die Tochter fügt sich, widerwillig. Ein Jahr später steht sie mit ihrem Mann in einem Autosalon.

„Such dir das Schönste aus“, sagte der Mann. „Geld spielt keine Rolle.“
„Dann nehme ich den Jaguar für das Wochenende, den Mercedes für die Werktage und…“
„Willst du dich lustig über mich machen?“ Der Mann wandte sich von ihr ab und schloss einen Kaufvertrag über einen günstigen Mittelklassewagen ab.

Aus dem ganz barbarischen Alltag


Monika Helfers Szenen aus dem ganz barbarischen Alltag der Armen brauchen nichts als diesen trockenen Humor. Sie dampfen die Bewegungen ein auf das Essentielle – so wie Lorenz Helfers Bilder das tun. Eine Art Christkind wird im Gepäcknetz des Railjet von Wien nach Bregenz gefunden, ein Säugling. Große Rührung. Geldsammlung. Alle wollen, dass es gut ausgeht für das Kind. „Also ging es diesmal gut aus.“ Gegen unsere Sehnsucht nach einem märchenhaften happy end streut Monika Helfer eine Prise Salz in offene Wunden, mahlt reichlich Pfeffer darüber und lässt einen unheimlichen Unhold sagen: „Dir soll es nie an Gutem fehlen“, um weise hinzuzusetzen: „Und so geschah es.“ Das ist ein offenes Ende, denn niemand kann dieses „und so geschah es“ glauben. Wer diese kurzen Erzählungen liest, kommt nicht billig davon. Jede will fertigerzählt werden. Jede entwickelt so viel Kraft, dass Kopf und Herz bei den Kindern bleiben müssen, von denen Monika Helfer erzählt. Denn die Kinder brauchen Aufmerksamkeit. Weil sie nämlich keine Christkinder sind.

 

Monika Helfer, „Diesmal geht es gut aus“, Geschichten mit Zeichnungen von Lorenz Helfer, gebunden mit Schutzumschlag, 216 Seiten, EUR 19,90, ISBN 978-3-7099-7802-3, Haymon Verlag, Innsbruck 2014