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11.10.2015 |  Annette Raschner

Späte Blüte - Jürgen-Thomas Ernst präsentiert seinen zweiten Roman

„Vor hundert Jahren und einem Sommer“ nennt der Vorarlberger Schriftsteller Jürgen-Thomas Ernst seinen zweiten Roman, der zugleich – nach „Anima“ (2010) - sein zweiter historischer Roman ist. Im sogenannten Dorf der Kirschen wächst ein ledig geborenes Mädchen als Pflegekind auf; bei den gleichen Zieheltern wie auch Jonathan. Der Entwicklungsroman wurde bereits vor seiner Publikation ausgezeichnet (3. Preis bei der Floriana – literarischer Wettbewerb in Sankt Florian bei Linz) und ist soeben im Verlag braumüller erschienen.

Jürgen-Thomas Ernst verfügt über einen langen Atem. Knapp fünf Jahre dachte, recherchierte, schrieb und feilte er an seinem neuen Roman. Das Handlungsgerüst entstand im Rahmen eines fünfwöchigen Nachdenk-Aufenthalts am Grundlsee, das „Rückgrat der Geschichte“ im Zuge aufwändiger Recherchen in der Vorarlberger Landesbibliothek. Ein knappes Jahr lang hat Jürgen-Thomas Ernst - Mikrofilm um Mikrofilm - Gemeindeblätterjahrgänge zwischen 1872 und 1925 gesichtet, um größtmögliche Genauigkeit bei den historischen Fakten walten zu lassen. Die Geschichte spielt zu jener Zeit, als die Glühbirne die Häuser eroberte: Im Dorf der Kirschen, für das als Vorbild Fraxern stand, das damals über ein Armenhaus verfügte, welches mittlerweile unter Denkmalschutz steht. „Viele Kinder lebten im Dorf der Kirschen und beinahe wöchentlich stiegen aus dem Tal Menschen hoch, trugen Säuglinge und zerrten an Kindern, die sie manchmal den ansteigenden Weg hochschrien. Und nicht wenige dieser Menschen hofften, dass sie aus dem Dorf der Kirschen bald die Nachricht bekämen, dass ihr Kind dem Leben nicht mehr standgehalten habe …“. Doch das Mädchen Annemie scheint gleich über mehrere Leben zu verfügen. „Mit zweieinhalb Jahren überlebte Annemie einen Sturz von der Kirschbaumleiter nur deshalb, weil sich ihre Schuhe an einer der obersten Sprossen verfingen, als sie gerade kopfüber auf den gepflasterten Boden zuraste. Und als sie einmal in der Krone des Baumes herumkletterte, endete ihr tiefes Fallen nur deshalb, weil sich ein Ärmel ihres blauen Kleides glücklich an einem Ast verhakte.“ Annemie ist ein besonderes Mädchen. Mit unbändigem Lebenswillen und enormem Mut ausgestattet, verfügt sie auch über ein hohes Maß an Sensibilität und Klugheit. Beides braucht sie, als sie ein wohlhabender „Experimenteur“ bei sich aufnimmt, und sie benötigt sie auch, als sie schwanger zu Fuß in den Süden flüchtet, um auf einer Seidenraupenplantage Arbeit zu finden. In ihre Heimat zurückgekehrt, begegnet sie Jonathan wieder…

Menschen und soziale Abhängigkeiten

Jürgen-Thomas Ernst erzählt in detailreicher, bildhafter, wenngleich auch teilweise etwas altertümelnder Sprache die Lebensgeschichte einer starken, jungen Frau, die überall und zu jeder Zeit spielen kann. Schließlich gehe es um „Menschen und soziale Abhängigkeiten, die ständig und immer passieren“, sagt der Autor. Ausufernde Naturbeschreibungen (Ernst ist Förster und zertifizierter Waldpädagoge!) nehmen streckenweise etwas viel Tempo heraus, doch die Figuren sind glaubwürdig und mit Liebe gezeichnet, und die Geschichte steckt voller überraschender Wendungen. Man muss halt an Wunder glauben können!

 

Jürgen-Thomas Ernst, Vor hundert Jahren und einem Sommer, Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten, € 23.90, ISBN: 978-3-99200-139-2, Braumüller, Wien 2015

Lesung: Bücherei Hohenems, 20.15 Uhr

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