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15.12.2015 |  Klaus Lutz

Preziosen eines Vorarlberger Weltbürgers - „Paris Berlin New York. Verwandlungen“ und „Die letzten Gesänge“ - Zwei Neuerscheinungen von Wolfgang Hermann

Nach der Veröffentlichung des Romans „Die Kunst des unterirdischen Fliegens“ im Frühjahr dieses Jahres (siehe KULTUR Juni 2015) sind nun gleich zwei Bücher von Wolfgang Hermann erschienen, in denen er sich wiederum kürzeren Prosaformen zuwendet. „Paris Berlin New York. Verwandlungen“ ist die überarbeitete Neuauflage einer Erstveröffentlichung von 1992; dieses Werk sowie der Erzählband „Die letzten Gesänge“ wurden vom Limbus Verlag in der bibliophilen Reihe „Preziosen“ in sehr ansprechender Gestaltung herausgebracht. Bezüglich der Schauplätze stehen die beiden Bücher in einem reizvollen Spannungsverhältnis zueinander, wendet sich Hermann doch nach den drei Weltstädten in den meisten seiner „Erzählungen“ seiner engeren Heimat Vorarlberg zu.

„Wer bin ich an diesem, an jenem Ort?“

Bereits im Buchtitel und ersten Satz des Buchs über die Metropolen („Durch wie viele Verwandlungen einer geht.“ S. 10) wird das Hauptthema eingeführt, das sich durch alle Stadtaufenthalte mit ihren zufälligen und flüchtigen Beobachtungen und Begegnungen des Erzählers zieht und diese so miteinander verknüpft. „Die Städte, in denen ich in diesen letzten Jahren lebte, sie haben mich verwandelt. Es scheint, ich habe keinen Widerstand gegen sie, lasse sie ganz in mich ein, werde, was die Stadt in mir wird.“ (S. 13) Damit ist neben dem durchgängigen Thema auch die zweite Konstante in der Schilderung des unüberschaubaren, reizüberfluteten Getümmels der Großstädte genannt, der Erzähler: Mit all seinen Sinnen ist er bereit, sich dem pulsierenden Leben auszusetzen, indem er seismographisch Gesprächsfetzen, Geräusche sowie körperliche Empfindungen registriert. Schauplätze solcher Beobachtungen sind öffentliche Verkehrsmittel, U-Bahnschächte, Bistros, Restaurants oder Bars: „Ich stellte mich bei einem Glas an der Bar auf, zu beiden Seiten flankiert von plaudernden Männern, die ihr Feierabendgläschen tranken. ‚Das glaubst du nicht, sag‘ ich dir, das glaubst du nicht‘, sagte der eine. (…) Vom Flipper das endlose Klacken, Stoßen und Rütteln eines Dauerspielers. (…) Ich lehnte am Tresen und fühlte den Raum um mich, die Körper der Männer, ihre Stimmen, die Musik aus den Lautsprechern, und draußen (…) die Körper der Passanten, die Wagen, das schwere Stocken der Busse.“ (S. 22f) Der Erzähler setzt sich den Eindrücken zwar aus, verharrt jedoch immer in der Rolle des Beobachters aus der Distanz. Selbst wenn es zu näheren Begegnungen mit anderen Menschen kommt, bleiben sie einmalig. In der Regel beschränkt sich die Kontaktaufnahme auf Blickkontakte unterschiedlicher Intensität. Damit entspricht der Blickwinkel des Erzählers jenem des Flaneurs Hermannscher Prägung.

Einerseits sind solche flüchtigen Momentaufnahmen Ausdruck der modernen Großstadt, andererseits wird durch die genaue Beschreibung der Einzelne jedoch aus der Masse gehoben und erhält so seine Individualität und menschliche Würde. Besonders im Abschnitt „New York“ finden sich einige solcher kurzen, präzisen Schlaglichter, die zu den eindrücklichsten Episoden des Buches gehören, etwa die Begegnung des Erzählers mit einer jungen Bettlerin an einem U-Bahnaufgang.

Leben „wie auf einer Insel“

Der Erzählband „Die letzten Gesänge“ enthält 35 Kurztexte, die alle zwischen Miniaturen und knappen Kurzgeschichten im Umfang einer halben bis zu zehn Seiten angesiedelt sind. Die Palette an Themen und Erzählhaltungen ist naturgemäß breiter gefächert als im oben besprochenen Buch, konzentriert sich jedoch weitgehend auf den Raum Vorarlberg. So beklagen gegenwartsbezogene Texte die hemmungslose Verbauung und Vermarktung der Landschaft an den Stadträndern. Neben Porträts von sozialen Außenseitern und Sonderlingen nehmen Erzählungen auch Bezug auf die geistige, soziale und familiäre Enge, die Jugendliche hierzulande in den 1970er und 80er-Jahren durchleiden mussten. Mit einer Ausnahme, auf die weiter unten noch eingegangen wird, ist die Erfahrung der Einsamkeit und Isolation sowie des Misslingens zwischenmenschlicher Beziehungen in den unterschiedlichsten Lebensphasen in diesen Texten allgegenwärtig.

Der Autor findet eine Fülle von literarischen Zugängen (Erzählhaltungen) zu den gewählten Themen. Der Erzähler kommentiert und wertet Beobachtungen und Erfahrungen - manchmal nicht frei von Überheblichkeit, etwa wenn er meint, hinter den Mauern des sozialen Wohnbaus ganz generell „die Abwesenheit des Lebens“, (S. 11) konstatieren zu können - und er bedient sich auch der Ironie, des Sarkasmus und der Satire. So entlarvt er zum Beispiel hinter der Pose eines sendebewussten Esoterikers dessen eigennützige Absichten. Im Gebrauch dieser erzählerischen Mittel erweist sich Wolfgang Hermann, der bereits an die vierzig Werke in verschiedenen Genres veröffentlicht hat, meist als routinierter, in den Glanzstücken der Sammlung auch sehr versierter Schriftsteller.

Seine erzählerische Meisterschaft zeigt sich vor allem in jenen Prosaminiaturen, die maximal auf vier Seiten beschränkt sind. So etwa in „Mann im Park“, in der der kurze Monolog eines Heimbewohners, der wider besseres Wissen Abend für Abend auf das Flüstern seiner verstorbenen Mutter wartet, ein Schlaglicht auf ein ganzes tragisches Leben wirft. Der in seiner zärtlichen Intimität berührendste Text trägt den Titel „Die Hände meines Vaters“. Am Bett des sterbenden Vaters kommt es zu einer Berührung der Hände von Vater und Sohn, die für den Ich-Erzähler eine lebenslange Sehnsucht stillt. „Nun lag diese Hand in meiner, und es strömte … durch diese Finger etwas wie ein dunkles Licht, ich sah es durch unser beider Hände fließen, hinein in diesen hinfälligen Körper, der auf seinen letzten Atemzug wartete, und hinein in den Körper des Sohnes, der so lange auf den Augenblick des dunklen Lichtes gewartet hatte.“ (S.169)

Insgesamt lohnt es, die beiden Bücher zusammen zu lesen, da sie einen komprimierten Einblick in den literarischen Kosmos von Wolfgang Hermann bieten und darüber hinaus großes Lesevergnügen bereiten.   

 

Wolfgang Hermann, Paris Berlin New York. Verwandlungen, Gebunden mit Lesebändchen, 104 Seiten, € 10, ISBN 978-3-99039-063-4, Limbus, Innsbruck 2015 (überarbeitete Neuauflage, erstmals erschienen 1992).

Wolfgang Hermann, Die letzten Gesänge. Erzählungen, Gebunden mit Lesebändchen, 176 Seiten, € 15, ISBN 978-3-99039-059-7, Limbus, Innsbruck 2015

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