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29.08.2018 |  Ingrid Bertel

Michael Köhlmeier: „Bruder und Schwester Lenobel“ - Ein bebendes Bild

Es kommt nicht selten vor, dass Menschen in der Mitte ihres Lebens in eine tiefe Krise geraten. Ließe sich nicht doch etwas ganz Neues beginnen? Ein anderer Beruf, der ganz den eigenen Fähigkeiten entspricht? Oder die absolut große Liebe? Von einer solchen Krise erzählt Michael Köhlmeier in seinem neuen Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ – und er tut es auf märchenhafte Weise.

„Du musst aufpassen, dass Dir die Hanna nicht nur negativ gerät!“ Diesen Rat habe ihm seine Frau Monika gegeben, als er an „Bruder und Schwester Lenobel“ schrieb, erzählt Michael Köhlmeier. Hanna ist die Frau von Robert Lenobel, und sie weiß, dass sie nicht geliebt wird. Das ist traurig. Aber wirklich furchtbar ist das Warum, das Hanna angibt. „Es gibt nicht Menschen, die lieben, und Menschen, die nicht lieben; es gibt nur Menschen, die geliebt werden können, und solche, die es nicht können. Geliebt werden zu können ist eine Begabung – wie komponieren zu können oder malen zu können.“ Dass Hanna glaubt, sie könne nicht geliebt werden, weil nichts an ihr liebenswert sei – das ist wohl das Grauenhafteste, das ein Mensch empfinden kann. Er habe diesen Gedanken zuvor nie gehabt, sagt Michael Köhlmeier – seine Figur habe ihn gefunden. 
Hanna ist von ihrem Mann Robert Lenobel verlassen worden. Dass er eine Geliebte hatte, wusste sie irgendwie. Aber nun ist er plötzlich spurlos verschwunden. Hanna ruft seine Schwester Jetti zu Hilfe. „Die Jetti ist ein glücklicher Mensch!“, sagt Michael Köhlmeier. Auch das habe er beim Schreiben entdeckt. „Die Jetti blickt nicht zurück.“ Sie wechselt die Wohnorte, die Berufe, die Liebhaber, und wenn etwas abgeschlossen ist, dann ist es vorbei. Kann man so leben? Ohne Erinnerung?

Der Jude im Dorn

Jetti hat auch die Gemeinheiten Roberts samt und sonders weggesteckt und vergessen. Denn Robert kann sehr, sehr böse sein. Er ist von Beruf Psychiater, und wer ihm von Seele redet, kriegt eine eiskalte Dusche. Empathie? Absolute Fehlanzeige. „Geschieht ihm recht“, sagt Michael Köhlmeier, denn Robert hat sich heftig verliebt. In eine Stimme am Telefon, die Stimme von Bess. Und weil sich Robert mit 55 das erste Mal verliebt, baut er einen ungeheuren Apparat auf, um zu erklären, was er da gerade erlebt. Vom biblischen Gott redet er, der zum Menschen aus einem brennenden Dornbusch sprach. „Ein Wesen, bloß als Stimme existierend. Deshalb hat Gott den Menschen geschaffen. Er brauchte jemanden zum Zuhören.“ 
Seinem Freund Sebastian Lukasser erscheint das verdächtig, und glücklich kommt ihm Robert auch nicht vor. Er vergleicht ihn mit dem tanzenden Juden aus einem Märchen der Brüder Grimm. Das Märchen beschäftigt auch Robert: „Der Jude im Dorn“ sei nicht antisemitisch, schreibt er am Tag seines Verschwindens in einem Wikipedia-Eintrag, während sich sein Freund Sebastian fragt: „Aus welcher Welt kam er? Von dort her, wo ein Jude ins Dornengebüsch gelockt wurde und nach der Pfeife seines Peinigers tanzen musste?“ So zerrissen von Dornen, so aufs Blut gepeinigt erscheint ihm der Freund. 
Robert empfinde erst in seiner Lebenskrise das jüdische Erbe, das weder ihm noch seiner Schwester Jetti davor auch nur das Geringste bedeutet habe, sagt Michael Köhlmeier. Bruder und Schwester Lenobel sind Atheisten, haben nie eine religiöse Tradition erlebt, und vom „KZ-Opa“ reden sie in einer naiven Kindersprache. Jetzt aber sucht Robert das, was er für sein Erbe hält. Ist es überhaupt ein Erbe? Oder hat er ebenso wenig Geschichte wie Jetti? Was tut er mit der zerbrochenen Form seines Lebens?
Denn darum geht es in diesem Buch: Sinn bekomme das Leben doch erst, wenn man ihm eine Form gebe, sagt Michael Köhlmeier im Gespräch. Und die Form entsteht durch die Beziehungen. Für Robert bricht diese Form auseinander, als er sich in Bess verliebt und dann die Geliebte genauso ansatzlos verlässt wie die Ehefrau.

„… dass die Mama das Unheil war …“

Für Jetti zerbricht die Form ihres Lebens, als einer ihrer drei Liebhaber sich als narzisstisch gestörter Stalker entpuppt. Allerdings hat sie diesen Mann, den hübschen Lucian, auf die denkbar kälteste Art und Weise vor die Tür gesetzt. Lucian fertigzumachen ist dann eine Aufgabe für Liebhaber Nummer 2 – der damit auch seine Schuldigkeit getan hat. Und Jetti zu trösten, das kommt Liebhaber Nummer 3 zu, dem Schriftsteller Sebastian Lukasser. Denn Hanna ist dazu nicht in der Lage. 
Ganz im Gegenteil. Hanna schließt sich in ihrem Zimmer ein, lässt Jetti vergeblich an die Türe klopfen und inszeniert wissentlich eine Situation, die Jetti und Robert als Kinder erlebt haben. 
„In der Nacht hatte Jetti geträumt, sie sei wieder ein Kind und die Mama habe sie verlassen und hinter der verschlossenen Tür lauere das Unheil, und träumend war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, was damals tatsächlich ihre Angst gewesen war, nämlich … dass die Mama das Unheil war und dass sie sich hinter der Tür selbst weh tue bis in den Tod hinüber …“

Trauma und Tragödie

Ja klar, ein Kindheitstrauma – da packen wir LeserInnen gleich die Küchenpsychologie aus. Allerdings hat Michael Köhlmeier für solche Erklärungsmuster ungefähr so viel Spott übrig wie sein Romanheld. Was bringt denn das Wissen? Kann es den Schmerz nehmen, das Verhalten verändern? Oder ist da vielleicht das Philosophieren hilfreicher?
„Was ist Tragödie“, fragt sich der fliehende Robert. „Sich nicht entscheiden können – nicht, weil es an Kraft und Wille fehlt, sondern weil die Alternativen, seien es zwei oder mehrere, gleichermaßen Unheil bringen. Das Unheil ist die zwingende Folge der Tragödie. Aus der Tragödie entsteht das Gebet. Und aus dem Gebet entsteht Gott.“ Man wird den Verdacht nicht los, dass so ein philosophierendes Gebilde wieder mal typisch für Robert ist – die Stimme aus dem Dornbusch, die ultimative Wahrheit über die Tragödie … Alles ein bisschen sehr großkalibrig. Lächelnd sieht’s der Autor und stellt solchen Ansprüchen jene Märchen gegenüber, die jedes Kapitel rahmen, Märchen, in denen nichts erklärt wird, in denen ein Bild entsteht. Nur ein Bild.

Hilfe kommt aus Bregenz

Und da er Franz Kafka für einen Märchenerzähler hält, fügt er zusätzlich zu seinen eigenen und dem Grimm’schen Märchen vom „Juden im Dorn“ einen Tagebucheintrag Kafkas ein. „Hilfe kommt aus Bregenz“, sagt da ein Arzt dem todkranken Patienten. Und für Franz Kafka in Prag war Bregenz weit weg, unendlich, unheilbar weit weg. So weit entfernt, wie Hilfe in den Märchen immer ist, so mysteriös und unerreichbar. In Kafkas Märchen gibt es keine metaphysischen Thesen. Er sucht nicht das Bild, er folgt ihm, lotet seine Logik aus. 
Wie Pflanzen erobern die Märchen in „Bruder und Schwester Lenobel“ das Roman-Geschehen. Und weil sie offen sind für die Gegenwart, nehmen sie auch die jüngeren Bilder der Populärkultur in sich auf – etwa jenes verstörende Gesicht, das der Schauspieler Heath Ledger für seinen Charakter in „The Dark Knight“ fand.

„Gru-gru, gru-gru,
der Himmel macht zu,
der Joker lacht
in Kälte und Nacht.“

Michael Köhlmeier, Bruder und Schwester Lenobel, Hanser Verlag, München 2018, 544 Seiten, ISBN 978-3-446-25992-8, € 26,80 
Buchpräsentation: 30.8., 19 Uhr, Russmedia, Schwarzach

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