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Annette Raschner · 01. Nov 2013 · Literatur

Liaison mit Papier – Kurt Bracharz präsentiert „THE MAP“

Seine erste intensive Begegnung mit bedrucktem Papier hatte er - auf dem Klosett, weil man im Bregenzer Arbeiterviertel Vorkloster in den frühen 1950er-Jahren noch Zeitungspapier anstelle von Klopapier verwendete. Ob diese Erfahrung eine besonders nachhaltige war, lässt sich heute nicht mehr verifizieren. Doch Kurt Bracharz’ Affinität zum Material Papier besteht seit Jahrzehnten. Frühestens, seit er Tierzeichnungen aus Comicheften ausschnitt und Ausschneidebögen aus der „Wunderwelt“ verwendete; spätestens, seit er zu schreiben begann und unter anderem auch drei so genannte „Collagen-Comix“ anfertigte. Von seiner Liebe zur Collage, also zu jener Technik der bildenden Kunst, bei der mit Schere, Leim und Papier ein Bild geschaffen wird, zeugt nun eine Ausstellung in der Vorarlberger Landesbibliothek. Parallel dazu ist im Bucherverlag der Bild/Textband „THE MAP“ von Kurt Bracharz erschienen.

Das Projekt „THE MAP“ ist ein Werk, bestehend aus 20 prall gefüllten Notiz- und Leerbüchern. „Den englischen Titel wählte ich, weil das entsprechende deutsche Karte vielleicht an Gruß- und Ansichtskarten denken lässt, während map nur Landkarte bedeutet“.
Vor acht Jahren hat der Vorarlberger Schriftsteller und Kolumnist begonnen, Collagen in Notizbüchern, sowie eigene Collagen-Bücher zu realisieren. Eher zufällig und - wie er sagt - „surrealistisch absichtslos“. Ganz nach dem Vorbild der Art brut-Bewegung, die 1947 in Paris von Jean Dubuffet gegründet wurde. „Für die Mitglieder der Art brut war die Kunst zwingend. Sie haben sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen und ihre Werke gemacht, eben, weil sie sie machen wollten. So ist es auch bei meinen Collagen. In gewisser Hinsicht handelt es sich um Art brut!“

Papierklebebilder


Über 2.000 Collagen sind auf diese Art und Weise in den letzten Jahren entstanden; Mit einfachsten Mitteln realisierte „Papierklebebilder“, die ebenso von Kurt Bracharz’ eigenständigem Humor Zeugnis ablegen wie auch von einem ausgeprägten Sinn für Komposition und Farbgebung.
Wenig bis nichts hält der Bregenzer Schriftsteller von dem heute meist sehr weit gefassten Begriff der Collage, wie er in seinem Buch „THE MAP“ ausführt. „Ein herkömmliches Papierklebebild unterscheidet sich ästhetisch erheblich von der auf den ersten Blick vielleicht ähnlich erscheinenden Computercollage, bei der zwar mehrere Ebenen zusammengefügt, diese jedoch zuletzt zu einem „glatten“ Bild verschmolzen werden. Bei der Papiercollage bleibt der fragmentarische Charakter der Bildelemente normalerweise offensichtlich und macht eine der Besonderheiten dieser Technik beim Betrachter aus.“
In seinem aus zwei Bildteilen und drei Texten bestehenden Buch teilt Kurt Bracharz die Collage in fünf Kategorien ein: In die politische Collage à la Hannah Höch, die abstrakte Collage eines Kurt Schwitters, jene Collage eines Max Ernst, die wie eine Zeichnung aussieht, weiters die Popcollage, sowie jene der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. „Herta Müllers Beispiel zeigt, dass man mit der hundert Jahre alten Technik der Collage immer noch Originäres schaffen kann.“

„Karte meines Minds“


Was auch Kurt Bracharz unter Beweis stellt. Wie viel seine Collagen zudem von ihm selbst, von seinen Vorlieben, aber auch von seinen Abneigungen verraten, das scheint er zu wissen, wenn er in seinem letzten, sehr persönlich gehaltenen Text „Der Weg zur Karte“ von einer „Karte meines Minds“ schreibt, die einen „Blick von außen auf mich selbst“ ermögliche.
Seine Sujets hat der Schriftsteller in diversen Tageszeitungen, aber auch in Magazinen wie dem englischen „VIZ“ oder den französischen Satiremagazinen „Charlie Hebdo“, „Fluid glacial“ oder „Psikopath“ gefunden. Die Suche fand „nicht wirklich gezielt“, aber „fast täglich“ statt, zum Teil verwendete er die Schere zum Schneiden, zum Teil lediglich seine Hände zum Reißen. Was ihn daran interessiert? „Dass es so leicht zu machen ist. Ich kann weder besonders gut malen noch zeichnen, aber damit kann ich Bilder machen.“
Begonnen habe alles mit handschriftlichen Notizen, täglichen Eintragungen, zum Beispiel darüber, was er gerade gegessen hat. Darunter findet sich beinahe unter jeder Eintragung ein Papierklebebild - teilweise „liest“ man es wie einen Witz oder einen ironischen Kommentar zur eigenen Notiz. Drei Regeln wurden aufgestellt, um sie später wieder brechen zu können: Nichts extra für die Collagen anzuschaffen, keine ästhetischen Rücksichten zu nehmen und eine chronologische Ordnung herzustellen. „Die zweite Regel habe ich eher durch Vermeidungen gebrochen. Ich denke, dass es immer noch Tabus gibt, und dass diese Bezeichnung nur etwas verdient, dessen Verletzung tatsächlich ernsthafte existentielle Folgen hat.“

Popcollage


Zurück zu den fünf Kategorien. Für sein eigenes Werk öffnet Kurt Bracharz die Schublade „Popcollage“ - „am ehesten zumindest“, fügt er hinzu. Auffallend häufig taucht Joseph Beuys auf, einmal sogar aus Marcel Duchamps Pissoir. „Seit ich die Biografie über Beuys gelesen habe, ist er für mich praktisch erledigt. Als Scharlatan kann man ihn zwar nicht bezeichnen, weil er ja selbst an das geglaubt hat, was er gemacht hat. Aber es ist schon unglaublich, wie die Leute auf seine Werke abgefahren sind.“
Auch mit dem, was in Vorarlberg so an bildender Kunst in Ausstellungen gezeigt wird, kann Kurt Bracharz nur wenig anfangen. „Das Problem wäre aber schnell gelöst, wenn man die meisten so genannten Künstler einfach als Kunstgewerbler betrachten würde“.
Nach der Ausstellung in der Vorarlberger Landesbibliothek, in der seine 23 Bücher in aufgeschlagener Form, aber auch Collagen gezeigt werden, die Kurt Bracharz auf aussortierten Aquarellen seiner Frau realisiert hat, will er nun endlich mit dieser Art von Collage Schluss machen. Weshalb? „Um mal wieder was Anderes zu probieren!“

 

Am 4. November um 20 Uhr stellt Kurt Bracharz sein neues Buch THE MAP im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek vor.

Kurt Barcharz, THE MAP, Hardcover mit Schutzumschlag, 128 Seiten, € 21,50, ISBN 978-3-99018-245-1, Bucher Verlag, Hohenems 2013