Jazz&-Doppelkonzert mit Martin Eberle/Martin Ptak und Martin Listabarth am Spielboden (Foto: Stefan Hauer)
Raffaela Rudigier · 11. Jän 2017 · Literatur

Kultur für alle? - Verteilungsgerechtigkeit und Demokratie in Kunst und Kultur

„Kultur für alle“ – das klingt auf den ersten Blick nach einem sinnvollen Slogan. Die meisten werden diesem Leitspruch wohl zustimmen. Natürlich soll Kultur für alle da sein. Alle sollen die Möglichkeit haben in ein Konzert, ins Theater, ins Museum zu gehen. Jeder soll sich an Kunst und Kultur erfreuen können. Eintrittspreise müssen leistbar sein. Interessierte sollten die Möglichkeit haben, selbst in Sachen Kultur tätig zu sein. Kultur für alle eben.

Dieser Leitspruch wurde in den 1970er Jahren geprägt. Bis heute gilt er als wichtige Maxime in der Kulturpolitik. Doch was damals revolutionär war, ist heute bedeutungsleer – auch wenn sich an den Zahlen von damals bislang wenig geändert hat: Immer noch sind es nur um die zehn Prozent der Menschen, die kulturelle Einrichtungen nutzen (obwohl das kulturelle Angebot stark gestiegen ist). Fördergelder gehen nach wie vor zu über 90 Prozent an große, staatseigene Institutionen. Trotz einem Boom an Kulturvermittlungsprogrammen werden nur die oberen Gesellschaftsschichten erreicht.
Und was heißt „Kultur“? Ist damit nach wie vor die sogenannte „Hochkultur“ gemeint? Deshalb wurde der Leitspruch „Kultur für alle“ auch schon als „autoritäre Geste“ verstanden. Im Sinne von „Wir sagen euch, was Kultur ist, und ihr sollt gefälligst daran teilhaben“. Ist mittlerweile nicht schon - ganz im Gegenteil dazu - alles mit „Kultur“ gemeint: von jugendlichen Slangs über Diskussionen in Onlineforen bis hin zum Popkonzert? Wird der Slogan „Kultur für alle“ zu „Kultur von allen“ - ist somit nicht auch jeder ein Künstler? Und was soll demnach überhaupt noch gefördert werden?

Neun Interviews 

Ein neues Buch mit dem Titel „Kultur für alle – Gespräche über Verteilungsgerechtigkeit und Demokratie in Kunst und Kultur“ von Sabine Benzer nimmt sich diesem Thema an. Sabine Benzer ist Geschäftsführerin des Feldkircher „Theater am Saumarkt“ und Vorstandsmitglied der IG Kultur Vorarlberg. In neun Interviews macht sie sich auf die Suche nach aktuellen Argumenten für „Kultur für alle“. Ihre Gesprächspartner sind renommierte ExpertInnen in Sachen Kulturmanagement, Kulturpolitik und Philosophie. Dabei ist zum Beispiel auch ein Gespräch mit Hilmar Hoffmann, dem „Erfinder“ des Leitspruchs „Kultur für alle“. Er prägte diesen Slogan in seiner Arbeit als Kulturstadtrat in Frankfurt über zwanzig Jahre lang. Im Interview gibt er Einblicke in sein Schaffen und in die damalige Zeit.
Ob „Kultur für alle“ heute noch brauchbar ist für einen zeitgemäßen kulturpolitischen Diskurs, wird von den neun ExpertInnen sehr unterschiedlich bewertet.
Wissenschafterin Monika Mokre erklärt „Kultur für alle“ zum gescheiterten Konzept. Die Schwelle zur Hochkultur sei sehr komplex. Günstige Eintrittspreise würden nur wenig an der Zusammensetzung des Kulturpublikums ändern. Die Zukunft bestehe darin, nicht nur die Kulturrezeption, sondern auch die Kulturproduktion zu öffnen. Aus Konsumenten würden „Prosumenten“. Unter „Prosumer“ versteht man eine Person, die gleichzeitig Konsument und Produzent ist.
Kulturelle Angebote gehören zur staatlichen Daseinsvorsorge, sagt Autor Harald Welzer. Ein moderner Staat sei für die Rahmenbedingungen zuständig, die es für das kulturelle Schaffen brauche „und zwar jenseits aller wirtschaftlichen Parameter“ so Welzer.
Philosoph Konrad Paul Liessmann ist gegen eine kulturelle Zwangsbeglückung, aber Interessierten sollten alle Wege offen stehen. Dass nur wenige Menschen in die Oper gehen, aber alle mit Steuergeldern dafür zahlen, sei ein schlechtes Argument, sagt Liessmann: „Niemand zahlt nur die Steuern für Güter und Systeme, die er später wirklich konsumiert oder von denen er profitiert. Menschen, die nur Radfahren, zahlen trotzdem Steuern, mit denen dann Autobahnen gebaut werden.“ Für ganz wesentlich hält er die Aufgabe der Schulen, den jungen Menschen auch aufzuzeigen, was es überhaupt alles gibt. Die kulturelle Kluft bestehe zunehmend aus den wenigen Eingeweihten, die den Kanon kennen und dem Publikum, welches das alles nicht mehr nachvollziehen kann. Dass Leute, die Geld haben, Bildung vererben, hält er für eine falsche Metapher, weil „auch sie haben nicht mehr die Muße, sondern müssen schauen, dass sie rechtzeitig auf ihre Jacht kommen“.

Dringend notwendiger Diskussionsstoff

Für Tasos Zembylas, Philosoph und Professor für Kulturbetriebslehre, ist „Kultur für alle“ nicht möglich, ohne eine Veränderung des Bildungssystems. „Auch die extreme wirtschaftliche Ungleichheit in der Einkommensverteilung und noch mehr in der Verteilung von Kapitalbesitz spielt dabei eine wesentliche Rolle.“ Wenn man allen Menschen einen Zugang zur Kultur schaffen wolle, müsse man ihnen mehr Freizeit, mehr ökonomische Unabhängigkeit ermöglichen und „gewiss auch eine Umgebung, die nicht dumpfen Konsum als den ultimativen Glücksweg hinstellt“. „Kultur für alle“ sei eine widersprüchliche Forderung, die einen egalitären Zustand in einer nicht-egalitären Welt propagiere.
Die zeitgenössische Kulturpolitik sei orientierungslos und halte immer noch an einem Status quo der 1980er Jahre fest: „Fokus auf klassische, etablierte und repräsentative Hochkultur; Privilegierung der staatseigenen Kulturorganisationen und zugleich Gießkannenförderung, um den Anschein von Offenheit und Pluralität zu wahren; eine latente kulturwirtschaftliche und kulturtouristische Logik bei der Finanzierung von Events und auf regionaler Ebene eine Tendenz zur Klientelpolitik.“ Über 90 Prozent der Fördermittel würden an Institutionen gehen, die der Hochkultur angehören. Der Rest sei die vielgerühmte „Kultur für alle“. „Alle“ seien dann in erster Linie jene FödernehmerInnen, die schon seit Jahren vom Fördersystem profitieren. „Neue Initiativen oder gar Gruppen aus sozialen Minderheiten haben real gesehen kaum eine Chance eine solide Förderung zu erhalten, damit sie sich künstlerisch weiterentwickeln können.“
Zembylas glaubt, man müsse heute anders kritisieren als mit dem Rückgriff auf den Slogan „Kultur für alle“ oder auf die „Gießkannen“-Politik: „Nicht mit der Bitte um ein paar Brösel vom Förderkuchen, sondern mit einer vehementen Kritik an der demokratiepolitisch, kulturpolitisch und kulturökonomisch nicht gerechtfertigten ungleichen Verteilung der Fördermittel.“
Das Buch „Kultur für alle“ von Sabine Benzer wirft sehr wichtige Fragen für die aktuelle Kulturpolitik auf und bietet dringend notwendigen Diskussionsstoff. Die Lektüre selbst ist nicht immer ganz einfach, zahlreiche Querverweise und Anspielungen machen viele Fußnoten nötig. Manchmal ist die Anhäufung der Spezialbegriffe, der Fakten und Daten etwas trocken. Trotzdem sind die Interviews sehr spannend. Sabine Benzer überzeugt als Interviewerin durch ihr großes Wissen auf diesem Gebiet und stellt interessante Fragen mit gutem Gespür für ihr Gegenüber. Das Buch ist ein Muss für alle Menschen des Kulturbetriebs.

 

Sabine Benzer, IG Kultur Vorarlberg (Hg.), Kultur für alle. Gespräche über Verteilungsgerechtigkeit und Demokratie in Kunst und Kultur, 163 Seiten, € 16 , ISBN 978-3-85256-704-4, Folio Verlag, 2016