Das Wiener Burgtheater war mit Molières „Der Menschenfeind“ unter der Regie von Martin Kušej im Bregenzer Festspielhaus zu Gast. (Foto: Matthias Horn)
Annette Raschner · 02. Okt 2013 · Literatur

Gegödelt, gegoogelgödelt und streng gödelisiert

Er inspirierte Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger und Daniel Kehlmann, war ein enger Freund von Albert Einstein, verkehrte mit den hervorragendsten Denkern seiner Zeit – den Philosophen und Mathematikern des Wiener Kreises - und beendete mit seinen beiden Unvollständigkeitssätzen den Traum David Hilberts, die Widerspruchsfreiheit der Mathematik zu beweisen: Der 1906 in Brünn geborene, österreichisch-amerikanische Mathematiker Kurt Gödel. „Gödels zweiter Unvollständigkeitssatz für einsilbige Vorarlberger“ heißt ein höchst raffinierter Text der in Bludenz aufgewachsenen Autorin Inge Dapunt, der soeben in der literarischen Reihe „DIE KLEINEN“ von unartproduktion erschienen ist. Die markante Umschlagsgestaltung stammt von Gottfried Bechtold. Inge Dapunt, 1943 in Zams geboren, hat seit 1974 nichts mehr veröffentlicht. Weshalb sie ausgerechnet Kurt Gödel zu einer literarisch-satirischen Verknüpfung von Philosophie und Mathematik in experimenteller Wortübermalung mit bildnerischen Elementen verführen konnte, erklärt die Autorin im folgenden Text. Annette Raschner

Aus dem Schreibkästchen geplaudert


Ich schreibe, weil ich nicht reden will. Und schon gar nicht will ich über das reden, was ich geschrieben habe. Da könnte ich ja gleich in die Barbara-Karlich-Show gehen. Wenn ich auch über das, was ich geschrieben habe, prinzipiell nicht rede, so lasse ich mich doch gelegentlich dazu hinreißen, darüber zu schreiben.

Nun aber zur Sache: Wie bin ich auf den GÖDEL gekommen? Die Geschichte ist ganz einfach: Edgar – das ist mein Mann – übersetzt seit Jahren, ja sogar schon seit Jahrzehnten für seine Studenten philosophische Texte – angefangen von Aristoteles über Anselm von Canterbury bis herauf zu Russell und Quine. Vor ca. zwei Jahren stieß er auf einen Text des – leider schon verstorbenen – amerikanischen Logikers George Boolos, von dem er ganz fasziniert war und den er deshalb übersetzen wollte: Boolos hat darin nämlich eine der angeblich „hirnrissigsten” Spitzenleistungen der Geistesgeschichte – nämlich den Beweis des zweiten Unvollständigkeitssatzes von Gödel – auf so einfache Art und Weise wiedergegeben, dass ihn jeder Absolvent einer österreichischen Hauptschule – solange es diese überhaupt noch gibt – verstehen könnte. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, verwendete er im Hauptteil seiner Arbeit ausschließlich einsilbige Wörter, welche den in den Text eingestreuten logisch-mathematischen Symbolen Konkurrenz machten. Edgar hatte den Text schon fix und fertig über­setzt, als er zum Schluss noch den eigentlichen Gag des Originals im deutschen Text sichtbar machen und die entsprechenden Passagen auch noch im Deutschen auf Einsilbigkeit umstellen wollte. Das aber erwies sich leichter als gewollt als getan: Er murkste und murkste herum, bis er schließlich und endlich entnervt das Handtuch warf.

Das hatte es noch nie gegeben und erweckte daher meine Neugier: Was war denn so besonders schwierig an dieser Aufgabe? Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass gar nicht alle angeblich einsilbigen Wörter im englischen Original nur aus einer Silbe bestanden, sondern im Amerikanischen bloß einsilbig ausgesprochen wurden, wie z.B. das Wort „proved”, das x-mal im Text vorkommt. Auf Hochdeutsch geht das natürlich nicht, wohl aber in einem Dialekt wie dem unseren. Im Nu hatte ich also Edgars Text auf Einsilbigkeit umgestellt – allerdings nur im Bludenzer Dialekt.

So stolz ich selbst auf meine Leistung war, so wenig konnte Edgar damit anfangen, wenn er sich damit nicht lächerlich machen wollte, denn wer von seinen Studenten ist heute noch einer klassischen Sprache wie des Bludenzerischen mächtig? Sollte damit also all meine Mühe (hahaha!) „für die Katz” gewesen sein? Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Wie aber konnte ich auch nur im entferntesten plausibel machen, dass es Gödel oder gar einem amerikanischen Logiker jemals eingefallen sein könnte, ihre sich in höchst abstrakten theoretischen Sphären bewegenden Gedanken in einer derart erdverbundenen Sprache wie dem Bludenzerischen auszudrücken?

Dazu erfand ich eine Gechichte, die ich wie einen Mantel um meine kurze Bludenzerische Gödel-Boolos-Übersetzung legte: Ich verlegte einfach einen Teil der abenteuerlichen Route von Gödels Emigration aus Österreich, die ihn über Sibirien und die Mongolei in die USA führte, ins Innere Österreichs, und da führt bekanntlich kein Weg an Bludenz vorbei. Eine von vorn bis hinten erstunkene und erlogene Geschichte klingt bekanntlich immer noch realistischer als die brutale Realtität. Damit jedoch nicht alles für bare Münze genommen wird und mich die Gödel-Fuzzies in endlose Diskussionen verstricken, habe ich meinen Text mehr­fach verfremdet: Zuerst habe ich ihn einer sprachlichen Kur unterzogen, indem ich ihn gegoogelgödelt habe; hierauf habe ich ihn mit einer primitiven mathematischen Struktur überzogen (also quasi-gödelisiert); und damit das Ganze nicht ins rein Formalistische abgleitet, habe ich die Zahlenstruktur auch noch mit einem Regenbogen eingefärbt, woraus sich eine nahe an Kitsch heranreichende Zahlenromantik ergibt. Mehr bin ich nicht bereit, von meinen literarischen Fabrikationsgeheimnissen preizusgeben.

Nur noch das eine: Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, die Gelegenheit auch noch für eine PISA-Beschimpfung zu nützen, die mir schon lange am Herzen liegt: Schon als vor Jahren die ersten PISA-Katastrophenmeldungen durchs Land zogen, konnte ich aus rein statistischen Gründen nicht glauben, dass die österreichischen Lehrinnen und Lehrer praktisch über Nacht plötzlich so unfähig und die österreichischen Schülerinnen und Schü­ler saudumm geworden sein sollen. Nicht nur, dass unser ganzes Bildungssystem im politischen Hickhack krankgeredet wird, spielen sich auch noch die Schulversager und Lehrerhasser früherer Generationen plötzlich zu Bildungsexperten hoch, und die Medien spielen fleißig mit. Da dachte ich mir, dass ich da auch noch ein Wörtchen mitreden sollte, wenn ich mich schon nach langer Zeit wieder zu Wort melde.

Der “Literaturbetrieb” ist schon seit langem widerlich. Glücklicherweise gibt es da aber auch noch die UNART: Der GAUL wiehert bloß, und alles passt. Dass Gottfried Bechtold dann auch noch seine außergewöhnliche Kunst mit meinem Text verbindet, erfüllt mich mit Freude und Stolz.
Inge Dapunt

 

Inge Dapunt, Gödels zweiter Unvollständigkeitssatz für einsilbige Vorarlberger, 18,00 Euro, ISBN 978-3-901325-85-4, unartproduktion, Dornbirn 2013