Im Laufrad gefangen – „Von Mäusen und Menschen“ feierte Premiere im Landestheater. © Anja Köhler
Fritz Jurmann · 03. Apr 2018 · Literatur

Ein liebenswerter Kontrapunkt - Nach seiner Dokumentation des Feldkircher Musikarchivs präsentiert Manfred A. Getzner noch einen Band mit „Musikgeschichten“

Dass der 67-jährige Feldkircher Manfred A. Getzner vor allem im Kulturbereich zu den umtriebigsten Bürgern der Montfortstadt gehört, ist längst eine Binsenweisheit. Mit der Veröffentlichung zweier je 680 Seiten umfassenden Bände, in denen die Bestände des von ihm initiierten Feldkircher Musikarchivs mit den Nachlässen aller wichtigen Vorarlberger Komponisten des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dokumentiert sind, hat er seinem Wirken als eine Art Lebenswerk die Krone aufgesetzt. Diese bereits im Herbst vorgestellte Dokumentation ist eine Art wertvolles Gedächtnis der Musikgeschichte unseres Landes und bildet eine wichtige Grundlage zu deren weiterer Erschließung.

Nicht genug damit, hat Getzner nun erst vor wenigen Tagen noch einen kleineren Band mit „Feldkircher Musikgeschichten“ nachgeliefert, der im Kontext einer achtteiligen Buchreihe über die Geschichte der Stadt zu deren 800-Jahr-Jubiläum zu sehen ist (Bucher-Verlag, Hohenems). Mit dem Begriff „Nachtrag“ würde man diesem Band freilich nicht wirklich gerecht werden. Viel eher ist es, neben dem streng wissenschaftlich-lexikalisch konzipierten Hauptwerk, ein leicht lesbares, teils ins Anekdotische reichendes Buch geworden, typisch für die Erzählkunst, mit der Getzner bei seinen Reden und geselligen Anlässen seine Zuhörer zu unterhalten weiß. Eine Art liebenswerter Kontrapunkt also für all jene, denen das zentrale Werk vielleicht doch etwas zu „schwer“ ist – nicht nur an Gewicht, sondern auch an intellektuellem Gehalt.

Zur Erinnerung: Im Brotberuf war Getzner bis zu seiner Pensionierung 2012 über 40 Jahre lang im heimischen Familienbetrieb Getzner Werkstoffe in Bürs tätig, zuletzt als Personalchef. Parallel dazu und vor allem danach legte er den Fokus auf seine Neigungen und Kenntnisse als Musik- und Kulturhistoriker, erschloss sich einen Bereich nach dem anderen und dokumentierte alles in zahlreichen Publikationen. So betreute er den Neubau der Domorgel, stand als aktiver Sänger dem Domchor vor, verhinderte den Zerfall des Feldkircher Stadtorchesters und machte das alte Schattenburg-Museum zu einer attraktiven kunstgeschichtlichen Schatzkammer. Unser Gespräch dreht sich um Musikbegeisterung, Arbeitsweise und Idealismus eines leidenschaftlichen Musikforschers:

Ökonomisch gesehen „ein Wahnsinn“

Fritz Jurmann: Was treibt einen Menschen an, ein Werk wie diese Dokumentation über das Musikarchiv in Angriff zu nehmen, die vom Arbeitsaufwand her nicht in Stunden, sondern in Jahren zu messen ist?

Manfred A. Getzner (lacht): Es ist ganz prinzipiell die Freude an der Musik und die Begeisterung daran. Und vielleicht ist sogar noch etwas davon in meinen Genen, nachdem es eine direkte Verwandtschaft zur Musikerfamilie Schmutzer gibt. So habe ich nun meine Erfahrungen aus den musikgeschichtlichen Publikationen in diesen 50 Jahren als Quintessenz zusammengefasst und dabei vor allem auch die ganz großen Schätze des Feldkircher Musikarchivs aufgearbeitet.

Jurmann: Deine Arbeit ist aus einer Art idealistischem Sendungsbewusstsein heraus bewundernswert, vom ökonomischen Standpunkt her aber ein absolutes No-Go.

Getzner (lacht): Es ist sogar ein absoluter Wahnsinn! Ich habe mich natürlich immer wieder mit der schwierigen Finanzierung eines solchen Projektes auseinandergesetzt und den Museumsverein Feldkirch als Partner dafür gewonnen, der unter dem Begriff „Heimatpflege“ hier auch etwas für die Musik tut. Auch die Stadt Feldkirch hat das Erscheinen maßgeblich unterstützt, aber es bleibt natürlich ein idealistisches Projekt, das auch eigene Mittel aufgezehrt hat.

Jurmann: Wie ist der Verkauf in diesem halben Jahr angelaufen?

Getzner: Überraschend gut, ich bin sehr zufrieden mit dem Interesse. Wir hatten eine kleinere Auflage von 240 Stück, davon sind rund zwei Drittel bereits abgesetzt vor allem an größere Bibliotheken und Musik-Institutionen auch im deutschen Raum.  

Jurmann: Das wird auch Dein bevorzugtes Zielpublikum sein. Aber kauft sich das auch ein Privatmann, denn diese beiden Wälzer sind ja keine Lektüre, die man sich wie einen Krimi am Abend zum Lesen mit ins Bett nimmt?

Getzner: Das ist richtig, das wäre wohl das beste Schlafmittel (lacht). Aber es ist auch kein Werk, das sich an den Einzelnen richtet, sondern das man als Nachschlagewerk in Bibliotheken sucht, wenn es um Details zur Musikgeschichte unseres Landes geht oder um die zahlreichen Nachlässe wichtiger Komponisten der Vergangenheit mit Schwerpunkt Feldkirch. Die Bedeutung und Korrektheit meiner Arbeit ist mir inzwischen von prominenten Fachleuten u. a. vom Ferdinandeum Innsbruck, aus Deutschland und aus dem Raume Feldkirch bestätigt worden.

5.600 Kompositionen in der Datenbank

Jurmann: Verrätst Du uns Deine Arbeitsweise, mit der Du diese unglaubliche Fülle von Fakten und Daten in ein brauchbares System gebracht hast, wie es für diese Veröffentlichung erforderlich war?

Getzner: Das war natürlich für mich ein zentrales Thema, und so etwas geht heute nicht ohne elektronische Hilfsmittel. Am Beginn war das eine eigene Datenbank auf Acces-Basis, wo ich mich auf die Hilfe von Fachleuten verlassen konnte. In einem eigenen Programm hat man verschiedene Bereiche eingerichtet, geordnet nach ihrer Herkunft wie Nachlässe, Schenkungen oder Stiftungen und andererseits nach den Komponisten. Dabei wurden handgeschriebene und gedruckte Noten separat geführt. Dazu kamen die Vereinsarchive, vor allem historische Archive wie Liedertafel oder Stadtmusik Feldkirch, die zuletzt in großer Zahl eingelangt sind. So hat man die Möglichkeit, sofort auf einzelne Details zuzugreifen oder zu wissen, welches Notenmaterial in welcher Qualität im Musikarchiv vorhanden ist. In dieser Musikdatei gibt es derzeit 5.600 Musikstücke, die alle durch ihren Komponisten oder im Falle von Liedern auch durch den Textdichter einen lokalen Bezug aufweisen.

Jurmann: Wie hoch hast Du bei Deiner Auswahl die Qualitätsfrage angesetzt?

Getzner: Dieses Kriterium ist bei mir relativ niedrig angelegt. Denn es gab auch in den einzelnen Talschaften sehr verdienstvolle Chorleiter oder Blasmusikdirigenten, die gute Arbeit für ihre Vereine geleistet haben, und die wollte ich nicht ausschließen.

Ein steiniger Weg

Jurmann: Diese Dokumentation soll, als Nebeneffekt, der Dir sehr wichtig ist, auch zu Aufführungen dieser historischen Werke animieren, also das Musikarchiv wieder lebendig machen. Wie schwer ist das in einer Zeit, in der das Publikum diese alten Dinge vielfach gar nicht mehr hören will?

Getzner: Ja, der Weg ist steinig. Aber es gibt immer wieder Bestrebungen, eine der vielen Kompositionen aus dem Feldkircher Musikarchiv in ein Konzertprogramm zu bringen. So gelang es etwa, Ferdinand Andergassens Klavierkonzert zur Eröffnung des Montforthauses aufzuführen oder gerade aktuell soll heuer bei den Schloss- und Palaiskonzerten ein Werk des Feldkircher Geigers Alwin Kappelsberger gespielt werden. Außerdem gibt es eine Sammlung von 33 CDs mit „Musik aus Feldkirch“, die wir in Zusammenarbeit mit dem ORF Vorarlberg produziert haben, und dort sind die wichtigsten dieser Werke für Interessenten greifbar. Darunter sind Schätze wie Carl Bleyles früher europaweit gespieltes Violinkonzert oder die Symphonien von Ferdinand Andergassen. Andererseits liegt die Schwierigkeit der Aufführbarkeit heute darin, dass diese Noten nicht verlegt sind und nur als handschriftliches Material vorliegen.

Jurmann: Wenn wir abschließend gemeinsam einen Blick auf Deinen aktuellen Ergänzungsband mit „Geschichten aus Feldkirch“ werfen, den Du dem großen Werk hinterdrein geschickt hast – welcher Eindruck ergibt sich für Dich im Vergleich des Musiklebens von damals und heute?

Getzner: Ich wollte damit eigentlich bewusst machen, dass ich keine komplette Musikgeschichte von Feldkirch schreiben kann. Aber es gibt eben wunderbare Geschichten dazu, schon vom späten Mittelalter bis herauf in die Neuzeit. Vor allem war es zuerst die Kirchenmusik, die damals einen ganz großen Stellenwert hatte. Im 18. Jahrhundert gab es das so genannte Jesuiten-Theater, wo man jährlich Auftragswerke der Stadt im Musiktheaterbereich aufgeführt hat. Im 19. Jahrhundert kamen dann die selbständigen Vereine dazu mit dem populären Männerchorwesen und den ersten Musikvereinen, die Wiener Philharmoniker sind mehrfach in Feldkirch aufgetreten, und die Bezüge zwischen der Familie Mozart und unserer Stadt reichen bis in unsere Tage.

Jurmann: Würdest Du ein solches Mammutprojekt wieder in Angriff nehmen?

Getzner (lacht): Nein, ich würde es nicht mehr in Angriff nehmen, aber ich bin heute wahnsinnig froh, dass ich es gemacht habe. Es ist für mich wie ein Inventar, ein schöner Abschluss meiner jahrzehntelangen musikgeschichtlichen Forschungsarbeit.     

 

 

Manfred A. Getzner, Musikarchiv Feldkirch – Vorarlberger Komponisten Band I und II, Musikgeschichten Feldkirch
(Herausgeber: Heimatpflege- und Museumsverein Feldkirch)